Frankreich Wer regiert die Unregierbaren?


Wer auch immer die Präsidentschaftswahl am 22. April für sich entscheidet, ändern wird sich in Frankreich kaum etwas. Denn das Volk ist zwar unzufrieden, wehrt sich aber gegen jede Neuerung.
Von Tilman Müller

Frankreich ist ein traumatisiertes Land, welches das Bett hüten muss und dem man, nachdem es fein zugedeckt ist, Schlaflieder vorsingen muss, damit es einschlummert, sonst könnte es am Ende noch Streit mit seinen Regierenden anfangen.
Franz-Olivier Giesbert, Herausgeber des Pariser Magazins "Le Point"

Sie nehmen zweimal am Tag warme Speisen zu sich, schätzen Weine bereits zu Mittag und leisten sich schon seit Jahren die 35-Stunden-Woche. Ihre Kinder sind von morgens bis abends in Krippen untergebracht, ihre Familien zwei Monate im Sommerurlaub. Unübertrefflich ihre Kosmetika und ihre 350 Käsesorten, berauschend ihr Dom Pérignon und ihre Dessous, und bei alledem sprechen sie noch von der "exception française". Von der Besonderheit ihres außergewöhnlichen Lebensentwurfs, der bei knappen Staatskassen zwar auf der Kippe steht, aber noch immer soziale Besitzstände bietet, die geradezu einzigartig sind.

"Es lebe das Leben"

In der Grande Nation lebt man gut. "Agréable", sagen die Franzosen, muss das Leben sein - angenehm und erfreulich, sonst macht es keinen Spaß. Eine Weisheit, der sich kein Politiker verschließen kann im Mutterland der Aufklärung, das mit großer Fanfare seit 1789 Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verheißt. Vor Kurzem erst schloss Präsidentschaftskandidat François Bayrou eine zweistündige Rede mit einem Ausruf, der bei uns nur Kopfschütteln hervorrufen würde, in Frankreich hingegen tausendfachen Jubel auslöste: "Vive la vie" - es lebe das Leben.

So manche Annehmlichkeit, mit der die Franzosen durchs Leben gleiten, ist indes zwiespältig. Ihr gigantischer Pillenkonsum etwa, 2,7 Milliarden Schachteln Medikamente im Jahr - Europarekord. Auch was die Anzahl ihrer "sondages" betrifft, die Umfragen zu allen möglichen Problemen, ist die Republik führend. Wie ein bettlägeriger Patient wird das 60-Millionen-Volk Tag und Nacht observiert; die Zeitungen sind voll mit den Bulletins der Meinungsforscher über die Länge der Babypause, die Häufigkeit des Oralverkehrs oder die Höhe zu erwartender Rentenbudgets.

Doch nun, wo es um die Thronfolge im Elysée-Palast geht, donnert das Umfragegewitter erst richtig los. Täglich neue Zahlen, jede Kandidatenaussage zieht unweigerlich neue Umfrageresultate und oft abenteuerliche Kehrtwendungen der Politiker nach sich. Der konservative Innenminister und Kandidat Nicolas Sarkozy etwa hatte lange und lautstark die "rupture" gefordert, den Bruch mit dem aufwendigen Sozialsystem. Doch als Umfragen ergaben, dass drei von vier Franzosen die "rupture" ablehnen, sprach der Favorit der Wahlen am 22. April zuerst von "rupture tranquille", einem sanften Bruch, dann verschwand das Schlagwort komplett aus seinem Vokabular.

Die harte Droge Umfrage

Die Umfragemanie hat das ganze Land erfasst, die renommierte Zeitung "Le Monde" spricht bereits von einer "harten Droge, die frei verkäuflich ist". Denn jeder vierte Franzose gilt as unentschieden. Profitiert von dieser Gier hat zuallererst die "Madonna der Prognosen", die Sozialistin Ségolène Royal. Aus dem Nichts stieg ihr Stern über Monate, dann sackte sie plötzlich ab, kam wieder zurück und liegt derzeit deutlich hinter Sarkozy. Nur dürftig überspielt das allgegenwärtige Zahlen-Jo-Jo jedoch die tiefe Kluft zwischen Frankreichs Führungskaste und ihren rebellischen Untertanen. Seit der Revolution von 1789 stehen sich Bürger und Staat praktisch ohne Zwischeninstanz gegenüber. Parlament und Parteien haben in dem zentralistisch verfassten Land wenig Gewicht; der Präsident trifft alle wesentlichen Entscheidungen allein. Doch wehe, das Staatsoberhaupt beschneidet die sozialen Besitzstände - dann geht das Volk sofort auf die Barrikaden. Wie vor einem Jahr, als Millionen so lange gegen eine Lockerung des Kündigungsschutzes für Berufseinsteiger bis 26 Jahre demonstrierten, bis die Regierung klein beigab. "Wir lassen uns nicht wegwerfen wie ein Kleenex-Tuch", riefen die Demonstranten zwischen Nantes und Nizza, auch wenn dort weit weniger befristete Arbeitsverträge abgeschlossen werden als etwa in Deutschland. Der "angelsächsische Liberalismus" ist ihr Schreckgespenst, obwohl französische Arbeitsgerichte meist zugunsten der Arbeitnehmer entscheiden. Lediglich 36 Prozent der Bürger, halb so viele wie in Deutschland, bejahen in Frankreich die freie Marktwirtschaft. In keinem Industriestaat der Welt ist der Kapitalismus dermaßen unbeliebt.

So oft schon hat sich Frankreichs Hofstaat dem Druck der Straße gebeugt, dass das Land inzwischen als nicht reformierbar gilt. Und seine Bevölkerung als weitgehend nicht regierbar. Ihr Unruhepotenzial zeigte sich im Herbst 2005, als die Vorstädte brannten. Der Protest gärt nicht nur unter den rund acht Millionen Franzosen, die an oder unter der Armutsgrenze leben - er hat auch Teile der Mittelschicht erfasst, weil sie immer weniger im Portemonnaie hat. Viel Spielraum für neue Programme bleibt da in Frankreichs blockierter Gesellschaft keinem der drei aussichtsreichsten Anwärter für den Elysée. Gewinnen wird, wer die Wähler am besten verführen kann. "Es geht darum", so der Kommentator Phillippe Labro, "mit wem man demnächst ins Bett geht, wenn um 20 Uhr die Abendnachrichten beginnen."

Da ist einmal Madame Royal, 53. Schön anzusehen, stets mit Mona-Lisa-Lächeln vor den Kameras, ein Glücksfall für die zuletzt von alten Graumännern geschwächte Linke. Radikal hat die vierfache Mutter und dreimalige Ministerin ihren Look verändert. Trägt nicht mehr altbackene Blazer und lange Faltenröcke, sondern eng taillierte Kostüme ihres Lieblingsdesigners Paule Ka oder von der Zara-Stange, dazu schon mal dezente Netzstrümpfe oder kniehohe Stiefel, und am Strand zeigt sie ihre gute Figur auch im Bikini. Nie hat die erklärte Feministin geheiratet, weil die Ehe ihrer Eltern eine Katastrophe war. Jeanne d'Arc ist ihr großes Idol. Unter Tränen schwärmte die Offizierstochter in Orléans einmal von der kriegerischen Jungfrau des 15. Jahrhunderts, die "selbst im Kampf human war und eine Frau blieb".

Sarkozy ist stets einen Tick voraus

In Marseille trat sie vor drei Wochen wie eine Landesmutter auf, versprach 9000 Anhängern das Blaue vom Himmel - einen Mindestlohn von 1500 Euro plus "neue Spielregeln für unsere Gesellschaft". Spätabends ließ sie die Marseillaise anstimmen, Frankreichs Nationalhymne, und schaute danach noch in der Basilika Notre Dame de la Garde vorbei, hoch oben auf dem Fels über dem Hafen. Ihr Gegenspieler Sarkozy, 52, der Rambo der Rechten, kleinwüchsig wie Napoleon, zeigt dagegen kaum Gefühle. Er gibt gern den lässigen Kennedy-Typen im Ralph-Lauren-Dress und posiert mit Größen aus dem Showgeschäft. Als Innenminister nannte er sich "Frankreichs erster Polizist" und heizte mit markigen Sprüchen die Banlieue-Unruhen an, als Wirtschaftsminister trat er kompromisslos gegen ausländische Konkurrenz für "nationale Champions" wie den Energiekonzern Alstom oder das Pharmaunternehmen Sanofi ein. Schon mit 28 Bürgermeister im Pariser Vorort Neuilly, der reichsten Gemeinde im Land, hatte der gelernte Jurist bald eine enge Verbindung mit Claude, der Tochter von Präsident Jacques Chirac. Im Wahlkampf ist der Gaullist Sarkozy seinen Gegnern stets einen Tick voraus. Längst hat er US-Präsident George Bush die Hand gedrückt, und lange bevor Rivalin Royal in einer Linienmaschine zu Angela Merkel aufbrach, verkündete der im Regierungsflieger herbeigejettete Sohn eines ungarischen Adeligen vorm Kanzleramt: "Die Berliner Luft bekommt uns gut."

Und manchmal ist er auch ein bisschen übereifrig. Er trinke "nichts außer Wasser", tönte der Saubermann schon mal - eine Dummheit im Land der Weinbauern und Weintrinker. Auch sein Treffen mit dem Scientologen Tom Cruise ging nach hinten los; Gerüchte kamen auf, Sarkozys Gattin Cécilia habe Verbindungen zur Sekte. Ebenfalls ein Konservativer, doch wesentlich bodenständiger, ist François Bayrou, 55, ein Alt-Philologe und früherer Bildungsminister, den die Medien neuerdings als "Pferdeflüsterer" preisen, weil er auf seinem Anwesen am Fuße der Pyrenäen auch Hengste und Stuten züchtet. Der Mann der Mitte, Chef der christdemokratischen Splitterpartei UDF, entpuppte sich in den vergangenen Wochen als ernsthafte Alternative zum Draufgänger der Rechten und zur Sirene der Linken. Auf seinem Schreibtisch in der UDF-Zentrale nahe dem Pariser Invalidendom stehen zwei Mini-Traktoren - dezenter Hinweis, dass der Bauernsohn daheim echte Trecker stehen hat.

Stimmengewirr im winzigen Presseraum, als der neue Umfragenliebling Bayrou sein Rentenkonzept erklärt. "Wer ist hier für den Sound verantwortlich?", fragt etwas hilflos der joviale Herr im unscheinbaren Anzug, der demnächst die Unregierbaren regieren will und vorab klarstellt, "dass wir eine neue Gesellschaft brauchen". Schon 2002 nahm der Vater von sechs Kindern an den Präsidentschaftswahlen teil, kam auf 6,8 Prozent der Stimmen. Nun könnte er womöglich einziehen in den Elysée-Palast mit seinen 365 Suiten, wo das Staatsoberhaupt mitten in Paris noch wie ein Monarch residiert. Nirgendwo in Europa gibt es noch eine dermaßen antiquierte Regierungszentrale. "Le Ch‰teau" nennen die Franzosen das Schloss aus dem 18. Jahrhundert, einst bewohnt von Madame Pompadour, der Mätresse Ludwigs XV., und nach 1789 von den Damen eines Edelbordells. Heute unterstehen dem direkt vom Volk gewählten Präsidenten mehr als 1000 Mitarbeiter - Berater, befrackte Diener, Gourmetköche, Sommeliers, Uhrmacher, Gärtner, Gardisten des atomaren Gefechtsstands "Jupiter". Kaiser Napoleon I. dankte in dem pompösen Gebäude ab, Charles de Gaulle gab Weisungen im "Goldenen Salon".

Tochter Claude ist die wichtigste Adjutantin

Diesem Stil blieben alle treu, Gaullisten wie Sozialisten. Allen voran François Mitterrand, der politische Ziehvater von Ségolène Royal, der jahrzehntelang verheimlichte, dass er mit einer Geliebten eine erwachsene Tochter hatte, Mazarine, die er auch noch auf Staatskosten in einer Elysée-Dependance untergebracht hatte. Auch Nachfolger Chirac führte sich wie ein Feudalherr auf. Seine Tochter Claude ist die Wichtigste im Adjutantenheer: Wenn sie etwas anordnet, müssen sogar die Minister springen. Dem Sender "France 2" befahl ihr Vater einmal, den zur Talkrunde gebuchten EU-Chef José Manuel Barroso unverzüglich wieder auszuladen, weil er ihn nicht leiden konnte - ein in jedem anderen EU-Staat undenkbarer Vorgang.

Nicolas Sarkozy gebärdet sich bereits ebenso wie ein Potentat. Als das Magazin "Paris Match" einen einwandfrei dokumentierten Bericht über einen Seitensprung seiner Frau Cécilia veröffentlichte, musste Chefredakteur Alain Genestar gehen - für viele ein Racheakt des Innenministers, der eng mit dem "Paris Match"-Eigner befreundet ist. Inzwischen ist das Paar wieder vereint, Cécilia tritt erneut als engste Mitarbeiterin ihres Mannes auf - im Elysée würde sie wohl gern die Rolle von Claude Chirac übernehmen.

Doch die Bilanz des Innenministers ist nicht berauschend. Die Gewalt gegen Personen stieg seit 2002 um 13,9 Prozent. Die vielen Prostituierten, die er mit großem Getöse aus Paris verbannte, siedeln nun in Wohnwagen rund um die Stadt. Und einige Banlieue-Viertel, die er "mit einem Kärcher-Dampfstrahler reinigen" wollte, kann er nicht mehr betreten, weil es sonst zu Krawallen kommt. Auch Konkurrentin Royal hat Probleme. Sie zählt zur misstrauisch beäugten Kaste der "Enarchen" - Absolventen der ENA (Ecole Nationale d'Administration). Chirac, Ex-Präsident Valéry Giscard d'Estaing und sechs der letzten zehn Premierminister waren auf dieser Eliteschule, acht der 32 amtierenden Minister - eine Seilschaft, die im Land nahezu alles entscheidet. Die Akademie ist kein Privilegiertensalon, sondern eine Kaderschmiede, in der allein gute Noten zählen. Frankreichs Elite ist exklusiv - die Zahl der heute lebenden ENA-Absolventen wird auf nur 6000 geschätzt, die der amerikanischen Eliteuniversität Harvard auf immerhin 320 000. "Dieses Elite-Kartell", so der Berliner Finanzwissenschaftler Markus C. Kerber, selbst ein ENA-Abgänger, "ist sich in einem einig: ihre Macht zu erhalten."

Kluft zwischen Mächtigen und Bürgern

Nur Bayrou ist weitgehend frei vom Ruch der Pariser Cliquenwirtschaft. Er hat in Bordeaux studiert, einen Bestseller über den guten Bourbonenkönig Henri IV. verfasst und nun gefordert, die ENA ganz abzuschaffen wegen der "tiefen Kluft zwischen den Mächtigen und den Bürgern". Er verspricht dem Volk ein starkes Parlament. Falls der rustikale Katholik den ersten Wahlgang am 22. April übersteht - nur die beiden Kandiaten mit den meisten Stimmen kommen weiter - wird er wohl auch Frankreichs nächster Präsident. Denn geht es im zweiten Wahlgang am 6. Mai gegen Sarkozy, scharen sich die Linken um ihn, und falls er auf Royal trifft, die Rechten. Bayrou ist seinen beiden Konkurrenten dicht auf den Fersen. Der rechtsextreme Jean-Marie Le Pen, der 2002 entgegen aller Prognosen die Endrunde erreichte, liegt bei zwölf Prozent. Eines ist sicher: Wer immer in den Elysée-Palast einzieht und unpopuläre Reformen durchsetzen will, wird es mit den Unregierbaren zu tun bekommen. Wahrscheinlich schon im September nach der rentrée - der so furchtbaren Rückkehr aus der langen Sommerpause. "Die Franzosen", sagt Ségolène Royal, "sind eben ein rebellisches Volk."

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