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Gaza-Streifen: Israel schickt Reservisten an die Front

Die israelische Armee ist tiefer denn je zum Machtzentrum der Hamas im Gaza-Streifen vorgerückt. Auch Reservisten wurden an die Front verlegt. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat seine Nahost-Mission beendet. Der künftige US-Präsident Barack Obama will in den Konflikt eingreifen.

Israel hat nach eigenen Angaben mehrere Reserve-Einheiten ins Autonomiegebiet geschickt und ist tiefer denn je zum Machtzentrum der Hamas vorgedrungen. Dabei gab es am Sonntag die bislang schwersten Kämpfe mit den Palästinensern seit Beginn der Militäraktion vor gut zwei Wochen. Soldaten der Infanterie und Panzer rückten bis zu einem Kilometer auf die Stadt Gaza vor. Dort sind rund 400.000 Bewohner eingeschlossen. Brigadegeneral Avi Benajahu bestätigte, dass auch Reserve-Einheiten nach Gaza verlegt worden seien. Zugleich griff die israelische Luftwaffe wieder Ziele an der Grenze zwischen dem Gaza-Streifen und Ägypten an, wo sich zahlreiche Tunnelanlagen für den Schmuggel von Waffen und Versorgungsgütern befinden. Analysten äußerten die Vermutung, dass Israel nunmehr eine neue Phase seiner Offensive eingeleitet habe. Dazu würden Tausende Reservisten gebraucht, die bereits im Grenzgebiet stationiert seien.

Vorwürfe wegen angeblicher Phosphorgranaten

Das israelische Verteidigungsministerium hatte zuvor nach den Luftangriffen und dem Bodeneinsatz eine dritte Phase angedeutet, die dann auch mit Straßenkämpfen verbunden sei. Es gebe ferner einen Notfallplan für eine vierte Phase - die vollständige Besetzung des Gaza-Streifens und den Sturz der Hamas-Regierung. Die Artillerie soll bei ihrem Beschuss des Gaza-Streifens auch Phosphorgranaten eingesetzt haben. Nach palästinensischen Angaben wurden diese auf den nördlichen Grenzort Chusa abgefeuert. Dabei seien eine Frau getötet und 50 weitere Menschen verletzt worden. Die Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch bestätigte, sie haben den Abschuss von Phosphorgranaten im Umkreis der Flüchtlingssiedlung Dschebalija beobachtet. Sie appellierte an die israelische Regierung, solche Waffen in den bevölkerungsdichten Gebieten des Gaza-Streifens keinesfalls zu verwenden.

Obama will eingreifen

Der künftige US-Präsident Barack Obama will sich sofort nach seinem Amtsantritt am 20. Januar für eine Lösung des Nahostkonflikts einsetzen. Obama erklärte, er habe schon jetzt begonnen, ein Team von Experten zusammenzustellen. Damit soll sichergestellt werden, dass die neue Regierung die "besten Leute zusammen hat, die sich sofort im Nahost-Friedensprozess als Ganzes engagieren".

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier führte im Rahmen seiner Nahostreise in Israel Gespräche und zeigte sich besorgt über die wachsende Zahl von zivilen Opfern im Gaza-Streifen. Insgesamt belief sich die Zahl der Toten seit dem 27. Dezember nach Angaben der Gesundheitsbehörde in Gaza bis Sonntagmittag auf 878, mehr als 3500 seien verletzt worden.

Steinmeier Zeuge des Krieges

Am Samstagabend hatte der Außenminister den Krieg aus der Nähe erlebt: Der Blick von der ägyptischen Seite des Grenzübergangs Rafah war klar. Zwei Detonationen israelischer Raketen in wenigen hundert Metern Entfernung mit Feuerblitzen, Rauchsäulen und entferntem Mündungsfeuer von Hamas-Kämpfern machten weitere Erklärungen überflüssig. Beim gefährlich nahen zweiten Raketeneinschlag fegte auch noch die Druckwelle über den Minister hinweg. "Wir sind Zeuge von Explosionen und der sich verschlechternden humanitären Lage," sagte er hinterher erschüttert. "Es sind Tote und Verletzte, die dieser Konflikt hervorruft."

Steinmeier forderte am Sonntag nach einem Gespräch mit Israels Außenministerin Zipi Livni: "Wir brauchen möglichst schnell einen dauerhaften Waffenstillstand." Livni erklärte dagegen, Israel werde selbst entscheiden, wann es die Offensive beende. "Wir werden niemanden für uns entscheiden lassen", sagte sie in Jerusalem. Einen Dialog mit Hamas lehnte sie ab.

Zum Auftakt seiner zweitägigen Nahost-Vermittlungsmission war Steinmeier am Samstag in Kairo mit dem ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak sowie mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas zusammengekommen. Mubarak bemüht sich derzeit, zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Dazu hielt sich auch eine Delegation der mit der Fatah von Abbas rivalisierenden Hamas in Kairo auf.

Im syrischen Exil warf Hamas-Politbürochef Chaled Maschaal Israel vor, einen "Holocaust" zu verüben. Maschaal wies Israels Forderung nach einer langfristigen Waffenruhe zurück. Vize- Verteidigungsminister Matan Vilnai sagte dagegen dem israelischen Rundfunk, Israel stehe nahe vor einer Waffenruhe.

Das UN-Hilfswerk für die Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) bringt von Sonntag an wieder Hilfsgüter für die notleidende Bevölkerung in den Gaza-Streifen. Insgesamt 50 Lastwagen sollten noch am selben Tag in das Gebiet fahren. Das Hilfswerk hatte seine Fahrten am Donnerstag eingestellt, nachdem ein Konvoi beschossen und zwei Mitarbeiter getötet worden waren.

Schwere Kämpfe bei israelischem Vorstoß

Nach dem israelischen Vorstoß ins Scheich-Adschlin-Viertel von Gaza-Stadt kam es am Sonntag zu schweren Kämpfen. Nach Augenzeugenberichten rollten israelische Panzer und gepanzerte Fahrzeuge etwa einen Kilometer tief in den Süden der Stadt. Zuvor waren bei israelischen Angriffen an verschiedenen Orten im Gaza-Streifen zwölf Palästinenser getötet worden, darunter sechs bei einem Luftangriff in Bet Lahia.

Eine israelische Armeesprecherin sagte am Sonntag, die Luftwaffe habe in der Nacht zum Sonntag etwa 60 Ziele angegriffen, darunter an der Grenze zu Ägypten mehrere Schmugglertunnel. Die Luftwaffe bombardierte auch das Haus von Ahmed al-Dschabari. Er gilt als einer der wichtigsten Hamas-Führer. Unklar war, ob es dabei Opfer gab. Die Hamas-Spitze ist untergetaucht. Auch Dschabari, Kommandeur des militärischen Hamas- Flügels, wechselt aus Furcht vor Anschlägen ständig das Versteck.

Bislang sind die israelischen Bodentruppen noch nicht direkt nach Gaza und in die dicht besiedelten Flüchtlingslager vorgedrungen. Nach Medienberichten könnte dies jetzt in Phase drei bevorstehen.

Eine neue dreistündige Feuerpause wurde am Sonntag wieder nicht eingehalten. Nach Angaben eines Armeesprechers feuerten militante Palästinenser während dieser Zeit Raketen auf Israel ab. Mindestens 15 Raketen seien am Sonntag auf israelischem Boden eingeschlagen. Außenminister Steinmeier kam am Sonntag mit Präsident Schimon Peres zusammen. Peres versicherte Steinmeier, dass Israel den Gaza-Streifen nicht wiedererobern wolle. Ziel Israels sei auch nicht der Sturz der Hamas. Israel wolle die palästinensischen Raketenangriffe beenden.

Demonstrationen in aller Welt

Weltweit demonstrierten am Samstag Hunderttausende von Menschen gegen die israelische Militäraktion. Zu Großdemonstrationen kam es in London, Paris und Barcelona. Mehrere zehntausend Menschen gingen in deutschen Städten auf die Straße. Mindestens 35.000 Menschen folgten den Aufrufen zumeist türkisch-islamischer Organisationen. Am Sonntag versammelten sich einige tausend Menschen in Berlin, Frankfurt/Main und München zu Solidaritätskundgebungen mit Israel.

DPA/AP / AP / DPA