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Gedenken an 2. Weltkrieg: Russland geht auf Polen zu

Der deutsche Beschuss der Danziger Westerplatte vor genau 70 Jahren markiert den Beginn des 2. Weltkriegs. Bei der Gedenkveranstaltung stimmte Russlands Präsident Wladimir Putin versöhnliche Töne mit Polen an.

Zum 70. Jahrestag des Überfalls von Nazi-Deutschland auf Polen haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin die Versöhnung mit Polen in den Mittelpunkt gestellt. Angesichts der Meinungsverschiedenheiten zwischen Moskau und Warschau war Putin um Entspannung bemüht. Die Sowjetunion und Polen seien Waffenbrüder im Kampf gegen den Nationalsozialismus gewesen, sagte er am Dienstag im polnischen Ostseebad Sopot. Der deutsche Überfall auf Polen am 1. September 1939 hatte den Zweiten Weltkrieg ausgelöst, der 55 Millionen Menschenleben vernichtete, davon mehr als 20 Millionen aus der früheren Sowjetunion.

Zum Auftakt der Gedenkfeiern in der Nähe von Danzig, zu denen am Nachmittag auch Merkel anreisen wollte, erinnerte die polnische Führung an die Verantwortung Deutschlands und der damaligen Sowjetunion und warnte vor Geschichtsfälschungen. Merkel sagte in einem Interview im ARD- "Morgenmagazin", viele Wunden dürften nicht immer wieder aufgerissen werden. "Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg ausgelöst. Wir haben unendliches Leid über die Welt gebracht", sagte sie. Dennoch sei auch die Vertreibung von mehr als zwölf Millionen Menschen aus dem Gebiet des damaligen Deutschlands und heutigen Polens ein Unrecht. "Und auch das muss benannt werden", sagte sie.

Putin für "neuen Pragmatismus"

"Es gibt Probleme in der Geschichte, die wir klären sollten (...), damit sich derartige Tragödien nicht wiederholen", sagte Putin auf einer Pressekonferenz im Beisein des polnischen Regierungschefs Donald Tusk. Warschau und Moskau bewerten den Kriegsbeginn unterschiedlich. In den zwischenstaatlichen Beziehungen sei ein "neuer Pragmatismus" gefragt, betonte Putin. Zuvor hatten Regierungsvertreter beider Länder mehrere Vereinbarungen über die Umsetzung gemeinsamer Wirtschaftsprojekte unterzeichnet.

Der polnische Präsident Lech Kaczynski erinnerte daran, dass die polnischen Soldaten den deutschen Angreifern noch Widerstand leisteten, als die Rote Armee am 17. September 1939 in Ostpolen einmarschierte. "An diesem Tag hat Polen einen Messerstich in den Rücken erhalten", sagte Kaczynski. Diesen Stich habe das bolschewistische Russland (den Polen) versetzt. Der Hitler-Stalin-Pakt sei Ursache dieser Aggression gewesen.

Beschuss der Westerplatte markiert Kriegsbeginn

Am 1. September 1939 begann um 4.45 Uhr mit dem Beschuss der vor Danzig gelegenen Halbinsel Westerplatte vom deutschen Kriegsschiff "Schleswig-Holstein" aus der Überfall auf Polen und damit der Zweite Weltkrieg. Gut 200 polnische Soldaten leisteten den deutschen Verbänden tagelang Widerstand. Die damals von Polen zur Festung ausgebaute Westerplatte gilt seitdem als Polens wichtigster Erinnerungsort an die Gräuel des Krieges, noch vor Auschwitz und Warschau. An der eindrucksvollen Gedenkveranstaltung, die um 4.45 Uhr am Ehrenmal auf der Westerplatte begonnen hatte, nahmen auch Kriegsveteranen teil.

Kaczynski verglich den sowjetischen Mord an polnischen Offizieren 1940 in Katyn mit dem Holocaust. Es gebe eine Parallele zwischen diesen Verbrechen, obwohl ihr Ausmaß sehr verschieden gewesen sei: "Juden starben, weil sie Juden waren. Polnische Offiziere starben, weil sie polnische Offiziere waren", sagte der Präsident. Im Wald von Katyn und an zwei anderen Orten hatte der sowjetische Geheimdienst rund 15.000 polnische Offiziere ermordet. Bei der Vernichtung der Juden im Holocaust waren sechs Millionen Menschen umgekommen.

Tusk warnt vor Geschichtsfälschung

Auch der polnische Ministerpräsident Donald Tusk sprach vom "Überfall" Hitler-Deutschlands und der Sowjetunion auf Polen. Er versicherte allerdings, sein Land wolle das Gedenken nicht gegen andere verwenden. Tusk warnte davor, die Geschichte zu vergessen oder zu fälschen. Ohne "aufrichtiges Gedenken und die Wahrheit" könnten Polen, Europa und die Welt nicht sicher sein. Er sprach sich für eine "gemeinsame Erinnerung" aller ehemaligen Kriegsteilnehmer aus.

Bürgermeister und Kommunalpolitiker aus Städten, die während des Zweiten Weltkrieges besonders gelitten haben, kamen am Vormittag in Danzig zu einer internationalen Konferenz zusammen. Die Repräsentanten aus 20 Städten - aus Deutschland waren Berlin, Bremen, Dresden, Hamburg, Leipzig und Nürnberg vertreten - hatten Erde aus ihren Heimatorten mitgebracht. Sie sollte ins Fundament eines neuen "Museums des Zweiten Weltkrieges" eingebracht werden. Das Museum soll bis 2014 in Danzig entstehen.

DPA / DPA