Geiseldrama Die wütenden Mütter von Beslan


Ein halbes Jahr nach der Tragödie von Beslan haben sich die düsteren Prognosen bewahrheitet. Bis heute haben die Angehörigen keine Antwort auf die Frage erhalten, wie es zu der Geiselnahme und dem blutigen Ende kommen konnte.

Susanna Dudijewa und die anderen verzweifelten Mütter aus Beslan hofften, in Moskau Gehör für ihre Wut und Enttäuschung zu finden. Zahlreiche Fernsehkameras filmten auf einer Pressekonferenz Mitte Februar die Frauen und deren Forderung, die Verantwortlichen für das blutige Ende des Geiseldramas mit mehr als 330 Toten in der Schule von Beslan zu bestrafen. Doch auf keinem der staatlich kontrollierten Fernsehsender sei dann ein Bericht über die Mütter von Beslan zu sehen gewesen, wie die Zeitung "Nowaja Gaseta" berichtete.

Fragen über Fragen

Ein halbes Jahr nach der Tragödie im nordossetischen Beslan, das die ganze Welt über Tage in Atem hielt, haben sich die düsteren Prognosen russischer Kritiker bewahrheitet. Bis heute haben die Angehören von niemandem eine Antwort auf die Fragen erhalten, wie die Terroristen ungehindert 1300 Menschen in ihre Gewalt bringen konnten, wieso die Geiselnahme am dritten Tag eskalierte und weshalb niemand Verhandlungen mit den Verbrechern führte.

Die Justiz hat Anklagen gegen die im Untergrund lebenden Extremistenführer Aslan Maschadow und Schamil Bassajew erhoben. Es sind die Hauptfeinde des Kremls im blutigen Tschetschenienkonflikt. Bassajew hat sich dazu bekannt, die Geiselnahme geplant zu haben. Obwohl zehntausende russische Soldaten im Krisengebiet stationiert sind, fehlt von beiden angeblich jede Spur.

Seit dem Geiseldrama von Beslan hat sich der islamische Extremismus weiter über den Nordkaukasus ausgebreitet. Nicht nur in Tschetschenien, sondern auch in Dagestan oder Kabardino-Balkarien sind Gefechte, Razzien und Tote an der Tagesordnung. Präsident Wladimir Putin ordnete im Februar ein schonungsloses Vorgehen gegen die "Banditen" an. Der Konflikt zwischen den Sicherheitskräften und den Extremisten eskaliert an immer mehr Orten.

Suche nach Schuldigen

Weil verlässliche Informationen von außen fehlen, suchen manche Menschen in Beslan die Schuldigen für die Tragödie nicht nur in den Bergen des Kaukasus, sondern auch im Kreml. Hinter vorgehaltener Hand höre man die Extremansicht, die Eskalation des Geiseldramas sei ein Werk des Sicherheitsapparates um Putin, berichten Journalisten aus Beslan. Konkrete Beweise gibt es dafür nicht.

Die Tragödie von Beslan sei dazu missbraucht worden, das autoritäre Regime im Land auszuweiten, heißt es. In Russland ist vielen noch in Erinnerung, dass Putins rasanter Aufstieg bis in das Amt des Staatspräsidenten mit einer Verschärfung der Lage in Tschetschenien in den Jahren 1999 und 2000 einher ging.

Von der Arbeit der parlamentarischen Untersuchungskommission dringt bislang nur wenig an die Öffentlichkeit. Die wenigen Details jedoch lassen Schlimmes ahnen. Der Vorsitzende der Kommission, Alexander Torschin, schockierte die russische Öffentlichkeit im Januar mit der Aussage, an der Vorbereitung des Geiseldramas seien auch ranghohe Offiziere beteiligt gewesen. Wie in Russland üblich, blieb es bei dieser vagen Aussage, näheres wurde nicht mitgeteilt.

Die Wut von Susanna Dudijewa, die in der Turnhalle der Schule Nr. 1 ihren zwölf Jahre alten Sohn verlor, richtet sich gegen den Präsidenten der Teilrepublik Nordossetien, Alexander Dsasochow. "Er war nicht einmal in der Lage, den Kindern einen Schluck Wasser zukommen zu lassen", schimpfte Dudijewa bei ihrem Besuch in Moskau über den vom Kreml gestützten Regionalpolitiker.

Schnelle Aufklärung in weiter Ferne

Die Angehörigen der getöteten Schulkinder müssen die jüngsten Äußerungen der Staatsführung zur Aufarbeitung des Geiseldramas als Hohn empfinden. "Niemand hat derzeit etwas gegen die Ermittlungen im Fall des Terroraktes von Beslan einzuwenden", sagte Putins Beauftragter für Südrussland, Dmitri Kosak, am Wochenende. Eine schnelle Aufklärung versprach auch er nicht. Die Kommission werde ihre Ergebnisse frühestens im März veröffentlichen, teilte Kosak mit.

Stefan Voß/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker