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Guantanamo: Im Namen der Freiheit

Ohne Anklage im engen Käfig, und einen Anwalt hat keiner von ihnen gesehen. Das Lager in Guantanamo ist zum Symbol für Amerikas rücksichtslosen Umgang mit Menschenrechten im Anti-Terror-Krieg geworden.

Die Rückkehr aus Guantanamo hat Mohammed Saghir zu einigem Ruhm verholfen. Wenn er auf dem Markt seines Bergdorfes am Hindukusch erscheint, scharen sich Menschen um ihn. Ein grünes Plastikarmband mit Foto, Häftlingsnummer "PK-00143" und dem Aufdruck "DELTA" macht bald die Runde. Er erzählt von Camp Delta, von Hungerstreiks, einem Häftlingsaufstand und davon, wie seine Glieder steif froren, als sie "mich 24 Tage lang in eine dunkle Isolationszelle steckten und eiskalte Luft hineinleiteten". Er schildert die Schreie der Verzweifelten nachts im Zellenblock und das Toben der Verwirrten, die sich vollkoteten. Nie wird er das Geräusch der hastigen Schritte vergessen, Armeestiefel auf Stahl, "jedes Mal, wenn die Wärter einen am Bettlaken im Käfig hängen sahen".

Ein verbitterter Mann

Die Rückkehr aus Guantanamo hat aus Mohammed Saghir einen verbitterten Mann gemacht. Er ist 52 Jahre alt und hat sein Leben lang geschuftet in seinem Sägewerk im Norden Pakistans, um neun Kinder und ein Dutzend Verwandte zu versorgen. Zehn Monate wurde er weggesperrt, "unschuldig wie ein Tier im Zoo". Und dann steht eines Tages ein General vorm Käfig und sagt, "Nummer 143, du bist ein freier Mann", und "Feindkombattanten-Flug 023" bringt ihn zurück, als sei nichts gewesen. Keine Entschädigung, keine Entschuldigung. Ein pakistanischer Anwalt schickte einen Brief an die US-Regierung. "Wegen illegaler Festnahme und ungesetzlicher Inhaftierung durch Ihre Streitkräfte" verlange sein Mandant Mohammed Saghir als Wiedergutmachung für "mentale, physische und finanzielle Schäden": 10,4 Millionen US-Dollar. Bisher ist nichts passiert.

Guantanamo dient der amerikanischen Regierung als Vernehmungszentrum und Endlager für ausländische Islamisten, als lebende Datenbank im "Krieg gegen den Terror". Der Name des US-Stützpunktes auf Kuba, wo derzeit 660 Gefangene aus 44 Nationen festgehalten werden, ist ein Synonym dafür, wie sich die USA in diesem Krieg über alle Rechtsnormen hinwegsetzen. Nach fast zwei Jahren haben sie noch keinen der Häftlinge angeklagt. Die Gefangenen haben noch nie einen Anwalt gesehen. Familienangehörige dürfen sie nicht besuchen. Die meisten werden wohl nie vor Gericht gestellt werden. Geplant sind eine Reihe von Schauprozessen vor Militärtribunalen, bei denen die Rechte der Angeklagten stark eingeschränkt sind und ihnen die Todesstrafe droht. Verfahren und Urteile können vor keinem Gericht der USA angefochten werden.

Selbst mit ihren engsten Verbündeten liegt die Bush-Regierung im Streit um Guantanamo. Die Regierungen in England, Australien und Kuwait verlangen, dass ihre inhaftierten Staatsbürger ein ordentliches Verfahren bekommen oder freigelassen werden. Zudem steht Washington unter Druck, weil der Oberste Gerichtshof der USA sich nun für zuständig erklärt hat, die dubiose Rechtspraxis der Bush-Regierung zu überprüfen. Sollte selbst die konservative Mehrheit der Richter im kommenden Sommer Zweifel äußern, geriete Bush auf dem Höhepunkt des US-Wahlkampfes in Bedrängnis. Als Geste guten Willens will er in den nächsten Wochen bis zu 140 Häftlinge freilassen.

Viele sind unschuldig

Denn viele Gefangene sitzen in den Käfigen auf der Insel, obwohl sie unschuldig sind - wie Mohammed Saghir. Der war 2001 wie jedes Jahr als Laienprediger für ein paar Wochen nach Afghanistan gereist. In den Wirren des Krieges verhafteten ihn Milizen der Nordallianz. Sie pferchten ihn mit 250 anderen in einen Container. Als er nach stundenlanger Fahrt wieder ins Freie kam, waren neben ihm 50 Gefangene erstickt. Im Gefängnis von Shebergan wurde er US-Soldaten übergeben. Seine Familie erklärte ihn nach Wochen der Suche für tot. Aus den Dörfern der Umgebung kamen Hunderte und kondolierten. Vier Monate dauerte es, dann tauchte ein Bote des Roten Kreuzes in dem Bergdorf auf - mit einer Karte aus Guantanamo, acht Zeilen von "Eurem Vater Mohammed Saghir".

Er galt als "Terrorist", als er im Januar 2002 im US-Marinestützpunkt auf Kuba landete. Er hatte sich gewehrt und geweint, als sie ihm vor dem Flug Haare, Bart und Augenbrauen schoren, "so entwürdigend, aber ich hatte keine Chance gegen vier Mann". Im Lager musste er seine Notdurft "vor aller Augen in Eimer" verrichten. Zum Essen hatten die Insassen zehn Minuten Zeit, Sprechen war verboten.

Als Wärter einem Gefangenen während des Gebets seinen Turban vom Kopf rissen, brach ein Aufstand los: 45 Minuten lang warfen die Häftlinge Matratzen, Decken, Handtücher aus den Zellen, traten gegen die Gitter, Allahu-Akhbar-Rufe übertönten die Lautsprecherdurchsage des Kommandeurs, schwer bewaffnete Marines umstellten das Lager. 194 der damals 300 Häftlinge begannen einen Hungerstreik, auch Mohammed Saghir machte mit. Einige hielten wochenlang durch. Mit einem Schlauch durch Nase und Rachen wurde ihnen eine weißliche Nährlösung in den Magen gepumpt. Zwangsernährung. Mohammed Saghir wurde entlassen "mit einer blauen Tasche mit T-Shirts und Süßigkeiten für die Familie". Da war das erste provisorische Lager Camp X-Ray bereits aufgelöst, die Häftlinge ins Camp Delta verlegt - das Internierungslager nahm die heutige Form an.

6000 Menschen leben auf dem Stützpunkt

Bisweilen lässt das Pentagon Reporter zu PR-Touren nach Guantanamo fliegen. Soldaten überwachen alle Interviews mit Wärtern, Ärzten, Geistlichen. Tabu sind Gespräche mit Häftlingen und Verhörspezialisten, Fotos im Camp. Außerhalb des Lagers zeigt sich ein Vorort-Amerika: McDonald‘s, ein Golfplatz, im Open-Air-Kino läuft "Terminator III". 6000 Menschen leben auf dem Stützpunkt. Um die "Terrorists" kümmern sich 2100 Militärs, Übersetzer, Agenten. Auch sie werden scharf kontrolliert, seit ein Militärgeistlicher und zwei Dolmetscher in den USA mit Disketten aus Guantanamo erwischt wurden. Wer ausreisen will, muss seinen Laptop 72 Stunden zuvor zur Überprüfung abgeben.

Guantanamo eignet sich perfekt als Alcatraz des Terrorismus. Von hier zu fliehen ist praktisch unmöglich. Kubanische Minenfelder sichern die 17-Meilen-Grenze mit dem Stützpunkt, auf der US-Seite wachen schwer bewaffnete Marines. Schnellboote der US-Küstenwache fahren Patrouille im Hai-verseuchten Meer. Vom Lager sind es keine 200 Meter zur Steilküste. Drei hohe Stacheldrahtzäune umgeben das Camp, Plastikbahnen verhindern Ein- und Ausblick. Nachts erleuchten Halogenscheinwerfer das Gelände. Auf Wachtürmen mit Videokameras und Suchscheinwerfern sind Soldaten postiert. An jeden Turm ist das Sternenbanner genagelt.

Die Welt der Insassen ist nach den Vorgaben ihrer Vernehmer organisiert: Wer kooperiert, bekommt Vergünstigungen - und sei es nur eine Dattel zu Mittag. Wer sich verweigert, wird bestraft - vielleicht mit dem Verbot, Briefe zu schreiben. Das Gefängnis besteht aus vier Abteilungen, in denen Insassen verschiedener Gefahrenstufen sitzen. 340 "gefährliche" Häftlinge hocken in den Hochsicherheitscamps 2 und 3, 150 "minder gefährliche" in Camp 1. Einige Dutzend sind in Isolationszellen weggesperrt. In jedem Camp stehen sechs Zellenblöcke, die aussehen wie Güterwaggons, jeder mit 48 Käfigen in zwei Reihen, gut vier Quadratmeter groß, mit Waschbecken, Hocktoilette und Stahlpritsche. Die Wände sind aus Metallgittern, durch die sich die Gefangenen mit Zellennachbarn unterhalten können. Grelles Neonlicht erhellt die Käfige rund um die Uhr. "Einige schwarze Wärter erlauben, dass Häftlinge nachts die Augen bedecken", sagt ein Entlassener, "weiße Wärter tun das nie."

In Fußketten zum Verhör

In Handschellen und Fußketten führen jeweils zwei Wärter Insassen zum Verhör, zum Arzt oder zum "Freizeitbereich" - einem Zehn-Quadratmeter-Käfig mit Betonboden. Dort muss der Häftling knien, die Wärter nehmen ihm die Fesseln ab und sehen zu, wie er herumläuft. Mal zehn und mal 30 Minuten, mal mit Ball, mal ohne. Das hängt ab von der Kooperation bei Verhören, genau wie die Duschzeit.

Camp 4 ist entscheidend für den Erfolg der Verhöre: Jeder will dorthin, weil die 130 Häftlinge dort in Gruppen zusammenleben dürfen, sie haben kaum Kontakt mit den Wärtern. Einzelne Gruppen können für 45 Minuten die Sammelunterkünfte verlassen und in den "Freizeitbereich" gehen. Alle tragen lange Bärte und Kleidung in unschuldigem Weiß, nicht Orange wie Insassen der anderen Camps.

Drei Kinder sind inhaftiert

Am Windmill Beach, ein paar hundert Meter südlich, sind drei Kinder inhaftiert, 13 bis 15 Jahre alt. Die Jungen leben in einem Flachdachbau, der früher als Beobachtungsstation für Leguane diente. "Wilde Tiere - nicht stören", steht auf einem Hinweisschild. Sergeant Patrick zeigt zwei Räume, wo die Kinder und ihre Bewacher Tag und Nacht zusammenleben. Auf den Betten im Schlafzimmer liegen auf Kante gefaltete Handtücher, im Aufenthaltsraum Schachspiele, Mathematikbücher und Videos, "Ruf der Wildnis", "Free Willy". Nachrichten dürfen die Jungen nicht sehen, "sie wissen nicht, dass es einen Krieg im Irak gegeben hat", sagt Sergeant Patrick. Die Kinder haben als Berufswunsch "Mullah" angegeben. Es sind zwangsrekrutierte Kindersoldaten, die "direkten Feindkontakt hatten mit unseren Streitkräften in Afghanistan". Ende August empfahl der Kommandeur von Guantanamo, sie zu entlassen. "Ihre Freiheit wird auf höherer Ebene blockiert", sagt General Miller.

Gegen die weltweite Kritik an Guantanamo führt die US-Regierung die "humane Behandlung" der Häftlinge ins Feld: Niemand werde geschlagen, das Essen habe einen Nährwert von 2200 Kalorien pro Tag, die Verhöre verliefen in ruhigem Ton, die medizinische Versorgung sei erstklassig, in jeder Zelle befinde sich ein Pfeil Richtung Mekka.

Folter lite

Tatsächlich haben viele Häftlinge das Schlimmste bereits hinter sich, wenn sie in Guantanamo ankommen. In den Gefängnissen der afghanischen US-Stützpunkte Kandahar und Bagram haben Militärs sie mit "Stress- und Zwangstechniken" und "Folter lite" behandelt. Gleich bei der Festnahme beginnt das "Aufweichen" des Häftlings: Soldaten verbreiten Todesangst, sie stülpen dem Gefangenen einen Sack über den Kopf, schnüren Arme und Beine fest an den Körper. Dann bringen sie ihn weg. Im Gefängnis haken die Soldaten den Wehrlosen unter, rennen mit ihm los, bis er gegen eine Wand knallt. In der Zelle muss er sich nackt ausziehen.

So lassen sie ihn tagelang stehen. Die Fußketten schmerzen, die Hände sind unter die Decke gekettet. Er darf nicht reden, bekommt kaum Essen und Wasser. Stundenlang hört er "White Sound", irritierende elektronische Dauertonwellen. Alle 15 Minuten wecken ihn Schläge ans Gitter der Zelle. Die Müdigkeit ist in der dritten Nacht so groß, dass ihm alles gleichgültig wird.

Dann beginnt die Arbeit des Vernehmers. Er muss nicht aggressiv sein. Die Verhöre dauern mal 20 Minuten, mal 16 Stunden, der Häftling muss immer damit rechnen, vernommen zu werden, vor allem nachts. Er ist wehrlos und reduziert auf die simpelsten Bedürfnisse, die alle der Vernehmer kontrolliert.

Stumpfe Gewalt an den unteren Gliedmaßen

Die USA akzeptieren die Anti-Folter-Konvention der UN, nach der Häftlingen keine "ernsthaften Schmerzen oder Leiden" zugefügt werden dürfen, weder physisch noch mental. Doch am 10. Dezember 2002 lag ein 22-jähriger Bauer namens Dilawar tot in seiner Zelle in Bagram. Drei Tage später unterzeichnete Major Elizabeth Rose vom Institut für Pathologie der Streitkräfte in Washington den Totenschein: Der Tod resultiere aus "Verletzungen durch stumpfe Gewalt an den unteren Gliedmaßen". In der Spalte "Todesart" hat sie "Mord" mit einem großen "X" angekreuzt. Das Pentagon versprach eine Untersuchung; das Criminal Investigation Department hat die Ermittlungen nach fast einem Jahr noch nicht abgeschlossen.

Guantanamo ist eine Maschinerie, die Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Depression schafft, um Informationen zu produzieren. 32 Selbstmordversuche von 21 Häftlingen sind registriert. Tatsächlich dürfte die Zahl doppelt so hoch sein. In der "Abteilung für mentale Gesundheit" von Camp Delta behandeln Ärzte 90 Patienten. Jeder fünfte Häftling in Guantanamo wird mit Antidepressiva ruhig gestellt. Andere sind weggesperrt. Bei zehn Gefangenen wurde "Schizophrenie" diagnostiziert - auch beim ersten entlassenen Häftling. Verhörexperten nannten ihn "Wild Bill" und erinnern sich, wie er seinen Kot aß und seinen Urin trank. Der 25-Jährige ist heute wieder dort, wo er in den Kriegswirren ausgebrochen war: in der Psychiatrie in Mazar-i-Sharif.

Verhöre in Guantanamo waren zu Beginn ein Problem. Viele Häftlinge nannten nicht einmal ihren Namen. Übersetzer fehlten. Unerfahrene Vernehmer saßen oft vor intellektuell überlegenen Häftlingen. General Michael Dunlavey, Chef der Vernehmer, ärgerte sich, dass fünf Häftlinge "geistig schwer krank sind und keinerlei Informationswert haben". Erbost reiste er nach Bagram und beschwerte sich über die vielen "Mickey-Mouse-Häftlinge", die nach Guantanamo geschickt wurden.

59 Gefangene ohne Verbindung zu den Taliban

Die "Los Angeles Times" fand Hintergründe heraus: Gegen den Widerstand von US-Agenten in Bagram landeten mindestens 59 Afghanen und Pakistani ohne Verbindungen zu Taliban oder al Qaeda auf Kuba. Ein 30-jähriger Bauer etwa, über den Verhörexperten urteilten: "Verhaftet von afghanischen Soldaten, die an seinem Auto und Geld interessiert waren." Über einen 16-jährigen Pakistani notierten sie: "Hat nie für die Taliban gearbeitet. Zeigte keine Anzeichen von Täuschung." Und ein Bäcker hat nach Urteil eines Insiders "exakt den Intellekt, das zu tun, was er seit 20 Jahren tut: Fladenbrote in den Ofen schieben".

Andererseits sitzt in Guantanamo ein Dutzend echter Al-Qaeda-Anhänger, Männer wie der libysche Scheich al-Libi, ein Ex-Berater bin Ladens, oder dessen saudischer Finanzier. Hochrangige Taliban-Vertreter sind der frühere Stabschef und Mullah Abdul Salam Zaif - jener langbärtige Botschafter, der durch Pressekonferenzen in Pakistan zu Beginn des Krieges bekannt wurde. Ergiebig für die Vernehmer sind Rekrutierer wie Juma al-Dossari, ein 35-jähriger Imam aus Bahrein, der in Amerika eine Hand voll junger US-Jemeniten zur mehrwöchigen Ausbildung in einem Terrorlager bin Ladens verleitete.

Die große Mehrheit der Gefangenen aber sind Mitläufer, junge Islamisten aus aller Welt. Typisch ist der Fall Murat Kurnaz: Ein 21-jähriger Türke aus dem Bremer Vorort Hemelingen - abgebrochene Schiffsbaulehre, Rottweiler-Fan, Bodybuilder - gerät in den Sog von Islamisten, fliegt nach Pakistan, vier Tage bevor in Afghanistan die ersten Bomben fallen, die 1100 Mark fürs Ticket bezahlt ein bis heute flüchtiger Marokkaner. "Viele in Guantanamo sind keine Terroristen. Es sind islamische Romantiker und Möchtegern-Krieger", sagt Najeeb al-Nauimi, einst Justiz- und Verteidigungsminister in Katar und heute Anwalt für mehr als 90 Guantanamo-Häft- linge. "Die meisten meiner Klienten sind 20- bis 24-Jährige, für sie ist bin Laden eine Art Billy the Kid."

Von Kopfgeldjägern verkauft

Viele Guantanamo-Insassen waren im Herbst 2001 für arabische Hilfsorganisationen ins Krisengebiet gereist. 2,5 Millionen Dollar haben Familien von zwölf inhaftierten Kuwaitis bislang in den juristischen Kampf um ihre Söhne investiert. Khaled al-Odah, pensionierter Oberst der kuwaitischen Luftwaffe, ist sicher, dass sein Sohn Fawzi von pakistanischen Kopfgeldjägern an US-Soldaten verkauft wurde. Die kuwaitische Regierung hält auch Fuad al-Rabiah für unschuldig. Doch der 44-jährige Flugzeugingenieur hockt noch immer in einem Käfig in der Karibik, obwohl die Familie Dokumente zusammentrug, die Fuad entlasten: Urkunden über seine Mitarbeit beim Roten Kreuz, Spendenquittungen der National Geographic Society in Amerika, Unterlagen über seine Ehrenmitgliedschaft an einer US-Universität.

Ohne Schuld kommt auch Said Abbasin am 13. Juni 2002 nach Guantanamo. Der junge Taxifahrer aus Khost wird zwei Monate zuvor an einer Straßensperre festgenommen, weil ein Passagier in seinem Taxi mit einem verfeindeten Warlord verwandt ist. "Die Milizen lachten und sagten, dass sie mich für 5000 Dollar als Qaeda-Typen an die Amerikaner verkaufen", sagt Said. Zwei Stunden später sieht sein bester Freund, der Taxifahrer Wazir Mohammed, seinen weißgelben Toyota verlassen am Checkpoint stehen. Als er nach Said Abbasin fragt, verhaften sie auch ihn. Zwei Monate lang erleben beide die Torturen in Bagram und Kandahar, erzählt Said: "Die Soldaten kamen nachts in unsere Unterkünfte. Sie befahlen: Knieposition! Auf den Boden sehen! Dann spielten sie diese Elektromusik. Von links hörte ich das Bellen der Hunde. Und dann machten sie Witze mit uns. Sitz, Mann! Nein, dahin. Nein, Idiot, dorthin. Sie lachten dabei, und sie filmten uns."

Die verrückte Musik spielen sie auch an dem Tag, als die beiden Freunde nach Guantanamo geflogen werden. "Ein Soldat richtete seine Pistole auf mich und sagte: ,Das ist deine letzte Chance. Du kriegst jetzt orange Kleidung und Tabletten. Afghanistan siehst du jetzt zum letzten Mal in deinem Leben." Dann setzten sie uns Schutzbrillen und Ohrhörer auf." 24 Stunden später landen Said Abbasin und Wazir Mohammed auf Kuba. Said wird Häftling AF-00671. Er kommt in Block K, Zelle 46. Die ersten drei Monaten ist Wazir sein Käfignachbar. Wegen Schmerzen im Knie rät der Arzt Said zu Dehnungsübungen. Ein Wärter verbietet das, und Nummer 671 muss fünf Tage in eine Isolationszelle ohne Bett. "Nur wenn sie das Essen durch eine Klappe schoben, konnte ich die anderen Häftlinge ein paar Sekunden hören."

Bald gewöhnen sich die Neuen an Zelleninspektionen mit Zahnbürstenkontrolle, den Büchermann, der einmal die Woche kommt, die zehn Minuten zum Schreiben von Briefen, die vielleicht nie zu Hause ankommen werden. "Es ist eine grauenvolle Monotonie dort. Der Kopf wird leer. Du wirst verrückt. Und sie sagen dir nicht, wie lange das alles noch dauert."

Die Alltagsroutine wird durch Verhöre unterbrochen

Die Alltagsroutine wird nur unterbrochen durch Verhöre. Sie finden in einem rechteckigen Raum mit Sperrholzwänden statt. Said Abbasin muss auf dem Stuhl in der Mitte des Raumes sitzen, die Fußkette wird in einen Bolzen am Boden eingeklinkt, die Hände sind hinter dem Rücken gefesselt. An einem Metalltisch sitzen zwei Uniformierte und ein Übersetzer. Unter der Decke sind drei Videokameras, an der Wand links ist ein großer Einwegspiegel. Ein Vernehmer schreibt jedes Wort mit. Stundenlang stellen sie die immer gleichen Fragen: Wo hast du das Taxi gekauft? Wer gab dir die 4000 Dollar? Warst du in einem Trainingslager? Kannst du schießen? Kennst du die Männer auf diesen Fotos? Said Abbasin, 21, gibt die immer gleichen Antworten. Was soll er auch sonst sagen?

Nach drei Monaten wird er verlegt in Camp 3, Block L, Zelle 19. "Das war der Araber-Block mit Häftlingen aus Katar, Bahrein, Saudi-Arabien. Ich spreche nur Paschtu und konnte mich nicht mit ihnen unterhalten. Ich bekam Depressionen." Zweimal sitzt er mit Vertretern des Roten Kreuzes zusammen, jeweils eine Stunde lang. "Sie fragten nichts über meine Familie oder die Gemeinheiten der weißen Wärter. Sie fragten nur, ob ich im Krieg war, gekämpft hatte, warum ich verhaftet wurde. Ich denke, das sind Spione, und das denken viele."

Nach der Rückkehr aus Guantanamo ist Said Abbasin ein gebrochener Mann. 13 Monate enden mit einem lapidaren Satz im Entlassungszertifikat: "Entschieden wurde, dass dieses Individuum keine Bedrohung für das Militär der Vereinigten Staaten oder deren Interessen darstellt." Mehr nicht, keine Entschuldigung, keine Entschädigung.

Said Abbasin leidet weiter unter Depressionen. In den Knien hat er rheumatische Arthritis. Seine Freunde sagen, er sei ungeduldig geworden, schnell aggressiv. Manchmal sieht er schwarze Flecken vor den Augen. Und er empfindet tiefe Scham, dass Wazir Mohammed, sein bester Freund, der ihm nur helfen wollte, noch immer nicht zurückgekehrt ist von diesem schrecklichen Ort.

Uli Rauss / Mitarbeit: Joachim Rienhardt / print