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Hillary Clinton Warum ihr Beinahe-Kollaps den US-Wahlkampf entscheiden könnte

Hillary Clinton steigt mit Sonnenbrille in eine dunklen Van, während ihr einer ihrer Mitarbeiter die Wagentür aufhält
Da hatte sie sich in der New Yorker Wohnung ihrer Tochter erholt: Hillary Clinton nach ihrem Beinahe-Kollaps in New York
© Brendan Smialowski/AFP
Nicht nur in US-Medien ist der Beinahe-Kollaps von US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton ein großes Thema. Auch in Europa stellen sich viele die Frage: War der 11. September 2016 der entscheidende Moment im US-Wahlkampf?

So dezent kennt man ihn gar nicht: US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump wollte sich nach dem Beinahe-Kollaps seiner Konkurrentin Hillary Clinton bei der 9/11-Gedenkfeier eigentlich nicht über deren Gesundheit auslassen. Auch Mitglieder seines Wahlkampfteams seien angewiesen worden, sich nicht auf sozialen Medien zum Thema zu äußern, berichten US-Medien übereinstimmend. Und dann sagte er doch etwas: "Ich hoffe, dass es ihr bald besser geht", sagte Trump am Montag im Sender Fox. "Irgendwas geht vor sich - ich hoffe, dass sie bald wieder auf den Beinen und zurück im Rennen ist", sagte Trump. "Natürlich ist das Ganze ein Problem."

Mehr muss er gar nicht sagen, um von seinen Anhängern verstanden zu werden. Trump und die Republikaner verbreiten schon seit Wochen, Clinton sei in Wirklichkeit zu krank für das Weiße Haus. Sie raunen über die Folgen eines Blutgerinnsels, das 2012 in Folge einer Gehirnerschütterung Clintons entstand. Sie weiden sich an jedem Husten, der die Kandidatin seit dem Spätsommer im Wahlkampf schüttelt, und den ihr Team mit einer allergischen Reaktion erklärt, die mit Antibiotika behandelt werde.

In US-Medien fallen sogar schon Namen, wer statt Clinton für die Demokraten bei der Präsidentschaftswahl antreten könnte. Einige spekulieren, Clintons Vize Tim Kaine könnte ins erste Glied rücken. Sein Problem: Er ist eigentlich zu unbekannt, um so kurz vor der Wahl noch Kandidat zu werden. TV-Journalist David Shuster nennt dagegen einen anderen Namen: Shuster will von Plänen erfahren haben, dass Joe Biden im Notfall einspringen könnte, sollte Clinton doch noch ihre Kandidatur zurückziehen. Bekannter als Kaine ist Biden allemal.

Aber auch europäische Medien kommentieren Clintons gesundheitliche Probleme, die zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt zutage treten - ein Überblick: 

Italien

Die italienische Tageszeitung "Corriere della sera" kritisiert Clintons PR-Strategie : "Hillary Clinton hat eine Lungenentzündung. Es ist eine Nachricht, die einen gewaltigen Einfluss auf den Wahlkampf haben kann. Für den Moment musste die Ex-Außenministerin nur ihre Tour durch Kalifornien absagen. Aber es ist offensichtlich, dass die Konsequenzen an diesem Punkt unvorhersehbar sind. Die amerikanische Öffentlichkeit wurde tagelang im Dunkeln gelassen über den tatsächlichen Gesundheitszustand von Hillary Clinton und das Theater wäre sicherlich noch lange weitergegangen, wenn die frühere First Lady nicht die Zeremonie am Ground Zero hätte verlassen müssen."

Einen entscheidenden Nachteil könnte der Vorfall für Clinton laut "La Repubblica" bedeuten: "Kann die Lungenentzündung von Hillary Clinton das Rennen um das Weiße Haus entscheiden? Es ist eine unvorhergesehne Neuigkeit. Umso mehr, weil sie nach einigen Wochen kommt, in denen Clinton in den Umfragen immer mehr verloren und Donald Trump aufgeholt hat. Und genau zu dieser Dynamik kommen nun die gesundheitlichen Probleme hinzu. Überwiegt damit das Misstrauen gegenüber der Gesundheit von Hillary? (...) Die Krankheit könnte sie aber auch menschlicher machen und dafür sorgen, dass sich die weniger elitären Wähler ihr nahe fühlen."

Frankreich

Die linke Tageszeitung "La Libération" spricht von einem möglichen Wendepunkt im US-Wahlkampf: "Zwei Dinge stehen fest. Erstens: Man erwartet immer mehr von einer Frau. Dieser Fehler wird bereits als ein Wendepunkt im Wahlkampf beschrieben, wohingegen die Patzer von (ihrem republikanischen Rivalen Donald) Trump kleingeredet werden. (...) Zweitens: Sollte Trump der Nachfolger von (US-Präsident Barack) Obama werden, dann wissen wir genau, an welchem Ort, an welchem Tag, zu welcher Stunde der Gang der Geschichte sich geändert hat: An einem 11. September, um 9 Uhr morgens. Was für ein Symbol."

Russland

Den möglichen Vertrauensverlust in Clinton sieht der "Komersant" als größte Folge: "Hillary Clintons verfrühter Abgang von einer Gedenkzeremonie in New York hätte kaum soviel Wirbel ausgelöst, wäre nicht ein Video von der geschwächten Kandidatin aufgetaucht. Zwar versicherten die Demokraten sofort, dass alles in Ordnung sei. Aber über die Gesundheit von Frau Clinton wird schon länger spekuliert. Am Ende kann diese Frage sogar die Wahl mitentscheiden. Viele Wähler könnten nämlich das Vertrauen in die Kandidatin verlieren, weil sie nicht transparent und offen agiert. Was geschieht nun, wenn einer der Kandidaten im Endspurt des Wahlkampfs aufgeben muss? Diese wichtige Frage ist ebenso unangenehm wie unvermeidlich - aber seriös zu beantworten ist sie nicht."

Tschechien

Die liberale Zeitung "Hospodarske noviny" schreibt:"Es ist ohne Zweifel wichtig, dass der Chef des Weißen Hauses gesund ist. Es ist im Interesse der gesamten freien Welt, dass ihn keine Gesundheitsprobleme bremsen. Doch die Probleme von Hillary Clinton, der am Sonntag ihre Beine nachgegeben haben, gehen tiefer. Es geht um ihr größtes Handicap im Wahlkampf, nämlich die Vorwürfe, dass sie nicht ehrlich, vertrauenswürdig, transparent sei - kurzerhand, dass sie etwas zu verbergen hat, ob es nun um ihre E-Mails oder das Gebaren ihrer Stiftungen geht. Wenn schon zwei Tage vorher klar war, dass sie an einer Lungenentzündung leidet, warum hat sie dann von morgens bis abends an einem vollen Programm festgehalten? Und hatte sie überhaupt Zeit für eine Röntgenaufnahme, eine Standardprozedur bei dieser Erkrankung? Die Antworten des Clinton-Teams darauf sind Stille und Ausflüchte."

So reagiert Hillary Clinton

Hillary Clinton selbst äußerte sich via Twitter zu Wort. "Danke an alle, die Genesungswünsche geschickt haben", schrieb sie. "Ich fühle mich gut und es geht mir immer besser." Sie schob aber hinterher: "Wie jeder, der mal krank nicht zur Arbeit konnte, bin ich bestrebt, so schnell wie möglich wieder an die Arbeit zu gehen. Wir sehen uns bald wieder auf der Wahlkampftour." Ob diese menschelnden Worte verlorenes Vertrauen der Wähler wieder zurückbringen kann? Einer Umfrage für die englische "Times" zufolge glaubt nicht einmal die Hälfte der US-Wähler Clintons Erklärung, dass eine Lungenentzündung Grund für den Beinahe-Zusammenbruch gewesen ist. Und es bleiben nur noch wenige Wochen, um das Vertrauen der Wähler zurückzugewinnen.

tkr mit Agenturen

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