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Hunger am Horn von Afrika: "Wenn der Regen nicht kommt, werden die Menschen sterben"

Kinder sterben, Tierkadaver säumen die Straßen – die Situation am Horn von Afrika ist außer Kontrolle. Jeder zweite Mensch hier braucht Hilfe zum Überleben. Schuld daran ist die langanhaltende Dürre. Eine Reportage aus dem Elend von Somaliland und Puntland.

Von Arndt Peltner

Totes Vieh in Somalia

Tierkadaver säumen die Straßen in Somaliland. Seit vier Jahren ist die Regenzeit ausgefallen. Hunderttausende Menschen sind hier akut vom Hungertod bedroht

20 Millionen! So viele Menschen sind laut den Vereinten Nationen derzeit am Horn von Afrika von einer Hungerkatastrophe gewaltigen Ausmaßes betroffen. Länder wie Nigeria, Südsudan, Jemen und Somalia stünden am Abgrund, so der dramatische Apell der UN. Krieg, Terror und vor allem Dürre sind die Ursachen für das Elend, von dem in Zeiten von Trump, Putin, Erdogan jedoch niemand so recht Notiz zu nehmen scheint.

"Babys sterben, Tierkadaver säumen die Straßen. Verzweifelte Nomaden winken mit leeren Wasserkanistern." So eindringlich schildert die Leiterin für Öffentlichkeitsarbeit von "Save the Children Deutschland", Martina Dase die Lage im Nordosten Somalia. Hunderttausende Menschen sind hier akut vom Hungertod bedroht. Sie zu retten würde laut UN rund 814 Millionen Euro kosten.

Erst stirbt das Vieh, dann die Menschen

"Den Leuten und dem Vieh fehlt es an Wasser, an Nahrung, an einer Herberge, an Medizin. Wenn wir ihnen das nicht bald geben können, wird die Opferzahl steigen. Du hast das tote Vieh gesehen, aber wenn wir den Menschen nicht helfen, werden auch sie sterben." Ahmed Hurre Diiriye steht auf einem ausgedorrten Stück Land, außerhalb der Kleinstadt Dilla im Westen Somalilands und zeigt auf Dutzende von toten, zum Teil halb verweste Ziegen. Er ist der Vorsitzende des regionalen Dürre-Komitees. Die Ziegen gehörten der 45-jährigen Sahra Hawadle Haji. Sie floh mit all ihrem Hab und Gut aus dem Osten der unabhängigen Republik nach Dilla, auf der Suche nach Wasser: "Ich kam vor fünf Monaten hierher, ich bin mit meiner Familie und meinen Tieren vor der Dürre in der östlichen Region geflohen. Ich hatte 500 Tiere, heute sind es gerade noch 30", klagt Haji.

Somaliland ist Teil der Region am Horn von Afrika. 1991 erklärte sich die einstige britische Kolonie für unabhängig und rief die Republik Somaliland aus. Bis heute hat niemand den Kleinstaat anerkannt, obwohl in Somaliland ein friedliches und demokratisches System eingeführt wurde. Die Wirtschaft lebte bislang vom Viehexport auf die arabische Halbinsel, doch davon ist nicht mehr viel übrig geblieben. Somaliland wird derzeit vor allem von der somalischen Diaspora unterstützt, das wird ganz deutlich in dieser derzeitigen Krise. Ohne die Gelder aus Übersee wäre die Katastrophe hier schon viel größer.

Bereits zum vierten Mal ist die Regenzeit nun ausgeblieben. Seit Mitte März sollte es eigentlich regnen, doch der Himmel ist strahlend blau. Warnzeichen gab es seit Jahren. Zwar verendeten zunächst noch keine Tiere, doch aufgrund des mangelnden Niederschlags blieben Teile der Ernten aus.

Vier Mal ist die Regenzeit ausgeblieben

An Hilferufen hat es nicht gemangelt. Organisationen wie "Care" haben ihre Einschätzungen frühzeitig an die UN-Zentralen in New York und Genf gefunkt, wie Raheel Chaudhary erklärt, der "Care"-Landesdirektor für Somalia und Somaliland. "Im letzten Jahr schon wurde das ganze Ausmaß von El Niño am Horn von Afrika, Ostafrika bis hinunter nach Maputo deutlich. Die dritte Regenzeit in Folge war ausgeblieben. Für viele von uns ist eine Dürre etwas ganz Normales in Somalia, aber im Januar dieses Jahres hat sich gezeigt sich, welche Auswirkung die drei fehlenden Regenzeiten gehabt haben: Jeder zweite Somali ist von der Hungerkrise betroffen und braucht Unterstützung."

Der Umweltwissenschaftler Ahmed Ibrahim Awale ist Professor an der "University of Hargeisa", der Hauptstadt von Somaliland. Die Dürre am Horn von Afrika habe viele Gründe, sagt er. Sie sei eine Kombination aus dem Klimawandel und vom Menschen gemachten Problemen. "Wenn ich sage, es ist vom Menschen gemacht, dann meine ich, dass es in diesem Land eine ernstzunehmende Umweltzerstörung gibt. Das Land wurde in den vergangenen Jahrzehnten total ausgebeutet. Da ist Entwaldung, Übergrasung, falsche Landnutzung. Und die Jahre der sozialen und politischen Turbulenzen haben ebenfalls zu massiver Umweltzerstörung geführt", sagt Awale.

Somalia, so der Professor, war nicht immer ein verdorrtes Land. Und verweist auf die Höhlenmalereien von Laas Geel, eine der wenigen hiesigen Touristenattraktionen. Dort seien Pflanzen und Tiere dargestellt, die eigentlich in einem schwülen und üppigen Klima zu Hause sind. Doch das sei 5000 bis 6000 Jahre her.

Dr. Shukri Ahmed ist die medizinische Leiterin im italienischen Krankenhaus in Hargeisa, dem einzigen Kinderkrankenhaus in Somaliland. Ein Neubau in bunten Farben gehalten, finanziert mit Spenden aus Italien. Behandelt würden hier alle Krankheiten, so Ahmed. Doch "aufgrund der Dürre haben wir nun viele Fälle an Unterernährung, Kinder werden auch mit Dehydrierung eingeliefert. Das hat in den letzten sechs, sieben Monaten drastisch zugenommen." Hinzu kommen Patienten mit Folgeerkrankungen wie Durchfall, Fieber und Infektionen bedingt durch den Wassermangel und die schlechte Versorgung mit sauberem Wasser gerade in den ländlichen Gegenden. "Wir behandeln jedes Kind, bis es sich stabilisiert hat. Danach gehen sie wieder nach Hause", sagt die Ärztin.

Ballaststoffreiche Kekse für die Kinder

Nicht weit von dem Kinderspital entfernt liegt unscheinbar am Rande eines staubigen Platzes ein kleines Gesundheitszentrum. Dutzende von Frauen sitzen mit ihren Kindern auf dem Boden, warten darauf, von einer Krankenschwester in Augenschein genommen zu werden. Auch hier hat man einen starken Zuwachs an Kleinkindern ausgemacht, die unterernährt sind. Etwa 130 kleine Patienten werden pro Monat behandelt, Tendenz steigend. Dazu etliche schwangere Frauen, die ebenfalls unter Mangelerscheinungen leiden. Die Kleinen werden mit ballaststoffreichen Keksen aufgepäppelt. Doch das reiche schon lange nicht mehr, sagt Fatima Abdi, die Leiterin des Zentrums. Denn nicht nur die Kinder seien unterernährt, was fehlte, sei eine breite Hilfe für die gesamte Familie.

Die Hütten der nomadischen Familien im Dorf Uskura sind aus Ästen, Planen und Decken gebaut

Die Hütten der nomadischen Familien im Dorf Uskura sind aus Ästen, Planen und Decken gebaut


620 Kilometer östlich von der Hauptstadt Hargeisa liegt Garowe, die Hauptstadt von Puntland, dem nordöstlichen Teil Somalias. Hier ist die Dürre am schlimmsten. Der Blick aus dem Flugzeug zeigt nur verbrannte, braune Erde, die an eine karge Mondlandschaft erinnert. Ausgetrocknete Flussbette, kein Wald, nur vereinzelt abgelegene Ansiedlungen im Nichts.

Fast drei Millionen Menschen sind am Horn von Afrika, in Somaliland, Puntland und South-Central Somalia, von der langanhaltenden Dürre betroffen. "Die aktuelle Dürre ist viel komplizierter als die von 2011, sagt "Care"- Länderdirektor Chaudhary. "2011 hat die Hungerkatastrophe nur in einigen Regionen gewütet, die wir nicht erreichen konnten. Aber diesmal ist sie überall. Die Mittel und die Zeit, die uns zur Verfügung stehen, sind beschränkt. Auch wenn wir nun die internationale Gemeinschaft mobilisieren können: Wenn wir nicht schnell die Mittel bekommen, ist die Krise nicht mehr aufzuhalten."

20 Millionen Menschen stehen am Rande der Katastrophe

Somalia ist nicht die einzige Hungerregion in diesen Tagen und Wochen. Die UN spricht von 20 Millionen Menschen in Ländern wie Nigeria, Südsudan, Jemen und Somalia, die betroffen sind, die am Rande der Katastrophe stehen. So viele, wie zu keinem Zeitpunkt seit dem 2. Weltkrieg. Und das sind nur vier Länder, in denen Gewalt, Chaos und im Falle von Somalia der ausbleibende Regen zur Krise geführt haben. Doch auch die Nachbarländer von Somalia, Äthiopien, Dschibuti, Kenia sind betroffen. Hinzu kommen Länder wie der Kongo, die Zentralafrikanische Republik, Libyen, Irak, Syrien und Afghanistan in denen Millionen von Menschen durch Krieg und Terror an Unterernährung leiden.

Etwa zwei Stunden nordöstlich von Garowe liegt Dangorayo, eine Kleinstadt an der einzigen Landstraße Richtung Norden. Von dort geht es 40 Kilometer über eine Schotterpiste in Richtung des Dorfes Uskure. Hier in unmittelbarer Nachbarschaft haben sich 200 nomadische Familien niedergelassen. Die Hütten sind aus Ästen, Planen und Decken gebaut. Hier gibt es kein fließendes Wasser, keinen Strom. Sie alle haben ihre Tiere verloren. Abdi Hassi ist der Vorsitzende der Dorfgemeinschaft. Im Schatten des einzigen Baumes weit und breit berichtet er von der Situation: "Die Leute sind hier, um Unterstützung zu finden. Aber der Hauptgrund ist, damit jeder die trostlosen Lebensumstände hier sehen kann. Die Welt soll uns als Gemeinschaft sehen. Die Not ist groß."

Medina Ahmed sitzt in ihrer Hütte in Uskure und flechtet einen Korb. Die Mutter von vier Kindern klagt, dass es nicht genug zu Essen gibt. Man teile all das, was man hat mit den Nachbarn, aber es reiche hinten und vorne nicht. "Der Regen muss kommen", sagt sie. Das sei die einzige Hoffnung, die sie hier noch haben. Wasser und Nahrung wird einmal im Monat geliefert. Pro Tag stehen jedem zweieinhalb Liter Wasser zu.

Nomaden in Somaliland

Ein Großteil der somalischen Bevölkerung lebt als Nomaden. Normalerweise ziehen sie umher, von Weideland zu Weideland, doch wegen der Dürre sitzen sie fest, irgendwo im Nirgendwo

Die Menschen in diesem abgelegenen Dorf geben dem Hungerdrama ein Gesicht. Ein Großteil der somalischen Bevölkerung lebt als Nomaden. Normalerweise ziehen sie mit ihren Tieren umher, von Weideland zu Weideland. Doch nun sitzen sie fest, irgendwo im Nirgendwo, darauf angewiesen, Hilfe von außen zu erhalten. Die Nomaden sind gestrandet, der Großteil ihrer Tiere verendet. Es ist ein logistisches Großprojekt, all die Dörfer, Ansiedlungen und Familien in den entlegensten Gegenden zu erreichen und zu versorgen.

Maryan Mahamed Nuur ist Krankenschwester und arbeitet für eine lokale NGO in dem Dorf Timcaro und anderen umliegenden Gemeinden. Regelmäßig werden die Kinder gewogen und gemessen und mit dem Aufbaumittel "Plumpy-Nut" versorgt. "Insgesamt betreuen wir 300 Kinder, allein hier in Timcaro sind es 30. Es gibt Krankheiten, und jedes Kind ist unterernährt. Einige haben Durchfall, einige Fieber, einige Masern, einige Infektionen. Und das alles in unterschiedlichen Graden", sagt Nur.

Hoffnung ist nur noch der Regen

Timcaro liegt im Bezirk von Qardho, einer Stadt, die bislang 420.000 Einwohner hatte. Doch die Dürre brachte mehr und mehr Menschen hierher, auf der Suche nach Wasser und Hilfe. Die Bevölkerung ist mittlerweile auf mehr als das Doppelte angestiegen. Qardho allein kann die Not nicht bewältigen, ist auf die Unterstützung der Regierung und vor allem von internationalen Hilfsorganisationen angewiesen. Abdi Said Osman ist der Bürgermeister von Qardho. Er weiß nicht mehr, was er tun soll: "So eine Dürre haben wir noch nie gesehen", sagt er. "Hoffnung haben wir nicht mehr. Hoffnung ist nur noch der Regen, aber wir wissen, dass er ausbleiben wird. Und wenn der Regen nicht kommt, werden die Menschen sterben."

Dr. Ahmed Abdullahi Abdirahman ist der Direktor der "Humanitarian Affairs and Disaster Management Agency" mit Sitz in Garowe. Er überblickt das ganze Ausmaß der derzeitigen Katastrophe in Puntland. Abdirahman spricht von Zehntausenden Haushalten, die in Not sind. Krankheiten breiteten sich aus, sogar das Ausbrechen der Cholera wird befürchtet. "Wir haben mit den Stammesältesten gesprochen. Sie sagten uns, dass diese Dürre die schlimmste seit 50 Jahren ist."

Es gibt kein Weideland mehr für das Vieh. Einige Viehbesitzer haben versucht, mit Maisfütterung ihre Tiere zu retten. Doch das, so Abdirahman, treibe die Preise für Mais nach oben, was wiederum die Armen treffe, die sich vom Mais ernähren, weil sie sich Reis oder Nudeln nicht leisten können.

Trump streicht die Mittel zusammen

Die Zeichen stehen auf Katastrophe am Horn von Afrika. Somalia braucht Hilfe und braucht sie jetzt. Und das zu einer Zeit, in der es gleich mehrere Krisenherde weltweit gibt. In einer Zeit, in der die USA als größte Geber-Nation unter dem neuen Präsidenten Donald Trump die Ausgaben für das "State Department" und die "U.S. Agency for International Development (USAID)" um ein Drittel, die Zahlungen an die Vereinten Nationen sogar um über die Hälfte kürzen wollen. Eine fatale Entscheidung zum absolut falschen Zeitpunkt.

Die Region am Horn von Afrika wird allein gelassen. So sieht es auch Ahmed Abdullahi Abdirahman, der dennoch auf die internationale Gemeinschaft hofft. "Was wir derzeit erleben, hat es bislang so nicht gegeben. Zuvor hatten wir zwei, maximal drei Regionen, die betroffen waren. Die internationalen Organisationen, die Regierung konnte darauf reagieren, den Menschen helfen, Leben retten. Doch jetzt ist das ganze Puntland betroffen, ein Drittel der Landfläche von Gesamt-Somalia leidet unter der Dürre. Und dazu kommen auch noch andere Gebiete in Somalia, die von der Dürre betroffen sind."

Hat er noch Hoffnung? Seine Antwort: "Insha'Allah, der Regen wird kommen."