Intervention in Afghanistan Amerikas Dilemma in Afghanistan - Obamas Vietnam?

Im Weißen Haus jagen sich die Sondersitzungen über Afghanistan und Pakistan. Inzwischen wird offenbar nicht mehr diskutiert ob, sondern nur wie viele US-Truppen zusätzlich nach Afghanistan geschickt werden.

Im Weißen Haus jagen sich die Sondersitzungen über Afghanistan und Pakistan. Inzwischen wird offenbar nicht mehr diskutiert ob, sondern nur wie viele US-Truppen zusätzlich nach Afghanistan geschickt werden. Gut drei Wochen nachdem das Nobelkomitee in Oslo US-Präsidenten Barack Obama den Friedensnobelpreis zugesprochen hatte, steht er kurz davor, zum zweiten Mal in diesem Jahr die US-Militärpräsenz in der mittelasiatischen Krisenregion drastisch zu verstärken - nachdem er diese Woche auch den jüngsten US-Verteidigungsetat unterzeichnet hat, "den höchsten in der Geschichte der Menschheit", wie der Publizist Dana Milbank in der "Washington Post" mit spitzer Feder monierte.

Obama scheint verunsichert. Er betont, dass nun "alle Optionen geprüft werden müssen" und es eine "klare Mission" für die US-Truppen geben müsse. Aber die wachsende Zahl von Anschlägen und Angriffen von Taliban und El Kaida in Afghanistan und Pakistan, die Rekordzahl der US-Opfer am Hindukusch sind für Obama schon jetzt ein heftiger Rückschlag. Erst im Frühjahr hatte er eine "neue Strategie" für Afghanistan und Pakistan verkündet, eine Truppenverstärkung um 21 000 Mann angekündigt. Ein halbes Jahr später hat sich die Lage deutlich verschlechtert. Inzwischen sind dort bald 100 000 NATO-Soldaten im Einsatz, aber der US-Oberkommandierende in Afghanistan, General Stanley McChrystal, hat dringend um die Entsendung von weiteren, mindestens 44 000 US-Soldaten gebeten.

Die Befürchtung, Afghanistan werde zum "Vietnam Obamas", so eine Titelgeschichte der Newsweek, hat neue Nahrung erhalten. Seit Kriegsbeginn 2001 sind in Afghanistan schon 886 US-Soldaten gestorben. Viele fürchten, dass sich die USA in einem ausweglosen Krieg befinden, der nicht zu gewinnen sei, in einem Land, das unkontrollierbar scheine. "Der Wunsch nach mehr Truppen entspringt neokonservativen Träumen, ... einen funktionierenden Staat in einem Land aufzubauen, in dem es so etwas noch nie gab", schrieb der Kolumnist Frank Rich in der "New York Times".

Im Weißen Haus ist Ratlosigkeit spürbar. "Ein offensichtlich kompliziertes Sicherheitsumfeld in Afghanistan", sagte ein namentlich nicht genannter Obama-Berater zur "Washington Post". Es reife die Erkenntnis, dass "die Taliban als politische und militärische Macht nicht ausgeschaltet werden können, egal wie viele Truppen dort stationiert werden". Die Frage sei nun, wie man die Afghanen in den Provinzen stärker einbinden könne und "wie viel des Landes wir den Einheimischen überlassen können".

Die jüngsten Enthüllungen über den Bruder des afghanischen Hamid Präsidenten Karsai belegen das Dilemma dieser Strategie. Denn Ahmed Wali Karsai steht der "New York Times" zufolge auf der CIA- Gehaltsliste, obwohl der Provinzchef von Kandahar als ein Drahtzieher im afghanischen Drogenhandel gilt, der von den Taliban kontrolliert wird und der als ihre Finanzbasis gilt. "Ahmed Wali illustriert die Herausforderung, mit der wir konfrontiert sind", sagte ein hoher US- Regierungsbeamter zur "Washington Post".

Inzwischen wächst in Washington die Skepsis über eine Kriegsausweitung. US-Vizepräsident Joe Biden befürwortet offenbar eine Strategie der begrenzten Kontrolle Afghanistans und einen verstärkten Einsatz unbemannter Drohnen - vor allem gegen Taliban- und El Kaida Stellungen in Pakistan. Diese Kriegstaktik allerdings gilt wegen der zahlreichen Zivilopfer als ein Grund, warum die anti- amerikanische Haltung in Pakistan gewachsen ist. US-Senator John Kerry, der wohl auch im Auftrag Obamas nach Afghanistan reiste, ist aber auch skeptisch gegenüber der Entsendung neuer Truppen: General McChrystal gehe "zu weit und zu schnell". Dabei will auch der US- Oberbefehlshaber vor Ort vor allem die bevölkerungsreichen Zentren im Süden und Osten Afghanistans kontrollieren und den Rest sich selbst - sprich auch den Taliban - überlassen.

Der Druck auf Obama von allen Seiten wächst: Der republikanische Senator John McCain, Gegenkandidat Obamas bei der Wahl 2008, fordert entschlossenes Handeln: "Wir sehen, wie sich die Lage immer weiter verschlechtert, während sich der immer wieder verlängerte Entscheidungsprozess hinzieht", meinte er in einem Interview des Fernsehsenders CBS. Ex-Vizepräsident Dick Cheney beschuldigt Obama zu "zaudern" und zu "schwafeln".

Obama hat sich selbst in eine schwierige Lage gebracht: Der Afghanistan-Krieg sei ein Gebot "der Notwendigkeit, nicht der Wahl", betonte er noch im August. Das Weiße Haus verweist auch immer wieder darauf, welch fatale und destabilisierende Wirkung ein Rückzug der Amerikaner in Afghanistan auf das Nachbarland, die Atommacht Pakistan haben würde, wo die Islamisten ohnehin schon sehr stark seien. Es sind vermutlich die schwersten Tage Obamas seit seinem Amtsantritt - denn der Afghanistankrieg könnte zu seinem Schicksal werden, sein Ausgang das Urteil der Geschichte über Obamas Präsidentschaft entscheidend prägen.

Laszlo Trankovits/DPA DPA

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