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Interview: "Man kennt unsere Telefonnummer"

Als Chef der UN-Waffeninspekteure stand Hans Blix im Fokus der Öffentlichkeit. Im Interview mit stern-Reporterin Katja Gloger berichtet der zurückhaltende Schwede erstmals nach Kriegsende über die abgebrochenen Waffeninspektionen und die zukünftigen Kriegsziele der Amerikaner.

Als Chef der UN-Waffeninspekteure stand Hans Blix im Fokus der Öffentlichkeit. Im Interview mit stern-Reporterin Katja Gloger berichtet der zurückhaltende Schwede erstmals nach Kriegsende über die abgebrochenen Waffeninspektionen, die Zusammenarbeit mit dem Irak und die zukünftigen Kriegsziele der Amerikaner.

Herr Blix, in den vergangenen Monaten sind Sie berühmt geworden. Schon lassen sich Touristen mit Ihnen fotografieren. Wie fühlt man sich als Held?

Auf Flughäfen wird man ein bisschen schneller abgefertigt. Ansonsten rauben einem die ständigen Interviews ganz schön viel Zeit.

Die Mission Ihrer Waffeninspektoren ist gescheitert. Was haben Sie sich vorzuwerfen?

Wenn Sie das Ergebnis betrachten, sind wir gescheitert. Doch letztlich wurde deutlich, dass die USA und Großbritannien unsere Arbeit nicht länger als bis Mitte März zulassen würden. Sie entschieden, in den Krieg zu ziehen. Eine besondere Form der vor-Ort-Inspektionen, wenn Sie so wollen.

Haben Sie denn wirklich geglaubt, daß UN-Waffeninspektionen im Irak erfolgreich sein könnten?

Es wäre ein Regimewechsel auf friedliche Art gewesen. Ja, wir hofften, daß der Irak dieses Mal wirklich erklären würde, wie es um seine Massenvernichtungswaffen steht.

Der Irak lieferte ja auch eine Erklärung, 12.000 Seiten lang.

Das war fürchterlich. Kein Wort zu den Waffen. Alles altes Zeug. Keine Antworten auf die noch offenen Fragen.

Was wollten Sie denn noch wissen?

Auf unserer Liste stehen weit über hundert Fragenkomplexe. Dazu gehört der Verbleib von mindestens 7.000 Litern Milzbrand-Erregern, mindestens 3,9 Tonnen VX-Nervengas und von 5.500 Bomben, gefüllt mit chemischen Kampfstoffen.

Warum gab es keine Antwort?

Eine Möglichkeit ist: der Irak hat wirklich keine Massenvernichtungswaffen mehr. Wir schließen nicht aus, dass Milzband, VX- oder Senfgas irgendwo versteckt sind. Aber wir können nicht behaupten, dass es im Irak wirklich noch solche Waffen gibt. Dazu fehlen uns die Beweise. Auf der anderen Seite waren alle Geheimdienste, mit denen ich gesprochen habe, immer ganz sicher, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitzt.

Haben Sie darüber auch mit dem deutschen Geheimdienst BND gesprochen?

Ja. Auch der BND ist davon überzeugt, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitzt.

Auch mobile LKW-Labors zur Herstellung von Biowaffen?

Ja. Aber kein Geheimdienst konnte uns zeigen, wo sich diese Waffen befinden. Man gab uns viele Informationen, wir haben daraufhin Dutzende Einrichtungen besucht. Doch nur in drei Fällen haben wir überhaupt etwas gefunden. Einmal waren es Dokumente aus dem Nuklearbereich...

... Geheimpapiere, die bei einem Wissenschaftler zu Hause lagen...

... in einem anderen Fall fanden wir Raketentriebwerke, die illegal importiert worden waren. Und im dritten Fall handelte es sich um konventionelle Munition. Das war schon ziemlich erbärmlich. Dabei versicherte man uns immer, es handle sich um die besten verfügbaren Informationen. Wir waren vorsichtig. Andere zogen schneller ihre Schlüsse. Zum Beispiel über den angeblichen Uran-Kauf im Niger.

Plump gefälschte Briefe, von US-Präsident Bush als Beweise angeführt. Auch an der Präsentation von US-Aussenminister Powell im Weltsicherheitsrat wurde harte Kritik geübt. War das alles nur Propaganda?

Auf Satellitenaufnahmen ist nicht alles im kleinsten Detail zu sehen. So stellten sich mögliche Dekontaminierungsfahrzeuge für Chemiewaffen später als für Wassertankwagen heraus. Doch Colin Powell hat sich wirklich sehr bemüht. Ich glaube, er hatte einfach keine besseren Informationen. Er präsentierte, was er hatte.

250 UN-Inspektoren haben über drei Monate mehr als 350 Orte inspiziert. Die meisten davon waren sogenannte deklarierte Einrichtungen. Was haben sie erreicht?

Die Vernichtung von Raketen mit unerlaubter Reichweite. Dann fanden wir 12 leere Sprengköpfe. Sie hätten mit Kampfgasen gefüllt werden können. Sie lagen inmitten einer gigantischen Abfallhalde für Munition. Vielleicht waren es die Reste alter Waffen. Einmal fanden wir 50 Kilogramm Senfgas. Bei vielen Einrichtungen kamen die Inspektoren zu einem wichtigen Ergebnis: dort gibt es keine Massenvernichtungswaffen.

Waren die Ergebnisse dieser Arbeit nicht ein bisschen dürftig?

Wir haben berichtet, was wir gesehen haben. Die irakische Seite behauptete ja, sie habe ihre chemischen und biologischen Waffen bereits nach dem Golfkrieg 1991 vernichtet. Erst im Januar wurden die Iraker ein bisschen aktiver.

Warum?

Der militärische Druck wurde immer größer. Sie gründeten sogar zwei Arbeitsgruppen. Eine sollte nach Waffen suchen, die andere nach Dokumenten. Einige Dokumente sind ja später auch aufgetaucht.

Die Suche leitete General Amir al-Saa´di, wissenschaftlicher Berater Saddams, der sich den US-Streitkräften gestellt hat.

Er ist ein kompetenter Mann. Einer der führenden Waffenexperten des Irak. Ich habe immer gerne mit ihm verhandelt. Er konnte sogar Witze machen.

Der General behauptet, die Dokumente über die Zerstörung der Waffen seien leider auch vernichtet worden.

Und wir forderten daraufhin, mit Zeugen zu sprechen, mit denen, die bei der Vernichtung der Waffen dabei waren. Uns wurde eine lange Namensliste vorgelegt. Einige haben wir befragt.

Mit welchem Ergebnis?

Wir hatten leider nicht mehr genug Zeit, die Aussagen zu überprüfen. Aber die Iraker kamen mit einem weiteren Vorschlag: Man habe die Milzbrand-Erreger vernichtet, hieß es. Wir sollten an einer bestimmten Stelle die Erde aufgraben. Und dort mit einer angeblich modernen wissenschaftlichen Methode zu messen, wie viel Milzbrand vor 12 Jahren dort ausgeschüttet wurde.

Das hätte die Inspektoren doch monatelang beschäftigt.

Wir waren skeptisch. Doch die Iraker hatten bereits begonnen, den Boden umzugraben. Am letzten Tag unserer Mission im Irak, am 17. März, übergaben sie uns noch einen 75-Seiten-Bericht über den Fortgang der Arbeiten.

Das alte Katz- und Mausspiel mit den Waffeninspektoren?

Immerhin unternahmen sie etwas. Vielleicht wollten sie uns Sand in die Augen streuen. Aber vielleicht waren sie auch nur verzweifelt bemüht, echte Beweise zu liefern.

Waren Sie da nicht ziemlich naiv?

Ja, ja, das werfen mir viele Leute vor. Doch wir sind keine Weicheier. Wir forderten, was wir fordern mussten. Aber wir wollten auch niemanden erniedrigen oder beleidigen.

Auf Schmusekurs mit Saddam?

Wir vertrauten niemandem. Doch wir wollten nicht provozieren. Wir pflegten korrekte Beziehungen, und das war ein Vorteil. Leider gab es in der Sache selbst keinerlei Fortschritte. Die Iraker waren da regelrecht arrogant.

Während der Truppenaufmarsch am Golf lief?

Es ist wohl ein psychologisches Problem. Eine antrainierte Gewohnheit, nur soviel zuzugeben, wie man unbedingt muss. Und Saddam betrachtete sich als Führer der arabischen Welt, als Nachfolger Nebukadnezars. Erst als ich im Januar die fehlende Mitarbeit ansprach, rüttelte sie das so richtig wach. Erst danach änderte sich ihr Verhalten. Zu spät.

Warum haben Sie eigentlich keine erfahrenen Inspektoren eingesetzt? Experten, die früher zum Teil jahrelang im Irak nach Waffen gesucht hatten.

Wir hatten solche Inspektoren. Doch die UN-Regeln fordern eine breite geographische Verteilung, Experten aus möglichst vielen Ländern. Außerdem hatte Unscom...

... die Vorgänger-Organisation, die sieben Jahre im Irak arbeitete...

...doch alle Glaubwürdigkeit verloren. Man hielt die Inspektoren für Spione der USA.

Jetzt suchen rund 1.000 Amerikaner und Briten in einer Sondereinheit aus Militärs und Geheimdienstleuten nach Waffenarsenalen. Darunter sind auch 40 ehemalige Waffeninspektoren.

Es geht jetzt um Glaubwürdigkeit. Denn immerhin wurde ja ein Land militärisch besetzt, weil es angeblich Massenvernichtungswaffen besitzt. Diese Sondereinheit war in einigen Einrichtungen, die wir auch schon untersucht hatten. Etwa in Karbala, einer gigantischen Munitionsfabrik. Wir fanden nichts Verdächtiges, und die US-Militärs bislang auch nicht. Doch sie haben einen großen Vorteil: sie können jetzt Menschen befragen. Und die müssen die Geheimpolizei nicht mehr fürchten. Das erhöht ihre Chancen auf Funde beträchtlich.

Hat man Sie um Mitarbeit gebeten?

Nein. Dabei würden internationale Inspektionen die Glaubwürdigkeit dieser Suche sicher erhöhen. Wir stehen bereit. Man kennt unsere Telefonnummer.

Wollten die USA eigentlich Waffeninspektoren im Irak sehen?

Präsident Bush trat im vergangenen Herbst vor die Vereinten Nationen und bat um Taten. Im vergangenen Oktober lud er meinen Kollegen El-Baradei...

... Leiter der Atomenergiebehörde in Wien und oberster Nuklearinspektor für den Irak...

... und mich nach Washington ein und versicherte uns, er unterstütze die Inspektionen aus ganzem Herzen. Er meinte es ernst, davon bin ich überzeugt. Ich glaube, die USA wollten zunächst eine Abrüstung des Irak durch Inspektionen, durch Kontrolle. Ich glaube, zunächst wollte man keinen Krieg. Es war nicht schon vorher alles entschieden. Das Spiel war offen.

Doch die Riege um Vizepräsident Cheney und Verteidigungsminister Rumsfeld bezeichnete Inspektionen immer als "Sackgasse" und "Falle".

Diese Stimmen gibt es. Aber Bush unterstützte uns.

Warum änderte er denn dann seine Meinung just zu dem Zeitpunkt, als der militärische Aufmarsch am Golf abgeschlossen war und als sich der Irak endlich kooperativer zeigte?

Das Ganze dauerte den Amerikanern zu lange. Nach dreieinhalb Monaten schlossen sie die Tür. Sie wollten den Prozess nicht immer weiter hinauszögern. Sie sagten einfach: "Es reicht."

Wie viel Zeit hätten die Inspektoren noch gebraucht?

Einige Monate mehr. Die volle Kooperation des Irak vorausgesetzt, weniger als ein Jahr.

Wann schlossen die USA die Tür?

Anfang März. Bis dahin war alles offen. Damals forderte Großbritannien einen Fernseh-Auftritt Saddams, in dem er erklären sollte, er habe keine Massenvernichtungswaffen mehr. Zugleich sollte er sich verpflichten, innerhalb von wenigen Tagen fünf Beweise für seine Ernsthaftigkeit zu liefern. Die Briten berieten sich mit uns. Unser Rat war: Es muss machbar sein. Das traf für drei Punkte zu: Die völlige Zerstörung der Al-Samoud-Raketen; die Möglichkeit, Wissenschaftler zu Interviews nach Zypern auszufliegen und Informationen über ein nicht deklariertes unbemanntes Flugzeug. Doch Saddam sollte auch vollständige Aufklärung über den Verbleib von Biowaffen und der mobilen Biolabore geben. Wir schlugen sogar vor, LKW-Kontrollen durchzuführen - mit unseren Helikoptern und der irakischen Polizei.

Warum scheiterte der Vorschlag?

Die Zeit war zu kurz. Den Kriegsgegnern schien das Ultimatum nur ein Vorwand, um dann doch Krieg zu führen - mit dem Segen der Vereinten Nationen. Also ließen sie den Vorschlag platzen.

Wie groß war der Druck, den die USA auf die Inspektoren ausübten?

Man warf uns vor, wir würden die Gefahren, die vom Irak ausgehen, nicht deutlich genug herausstellen.

Haben die Falken in den USA gesiegt?

Ja. Dies war der erste Krieg, der geführt wurde, um Abrüstung zu erreichen. Das ist eine Zeitenwende. Für die USA scheint die Politik der Eindämmung eine vergangene Epoche. Und ihre Entscheidung hat eine Menge Menschenleben gekostet. Von nun an wird es für die USA darum gehen, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen präventiv zu verhindern. Und zwar auch ohne Mandat der Vereinten Nationen.

Schon wenden sich die USA Iraks Nachbarland Syrien zu. Es besitze Massenvernichtungswaffen, heißt es.

Möglicherweise arbeitet Syrien an der Entwicklung von Chemiewaffen. Das Land hat die Chemiewaffenkonvention nicht unterzeichnet. Außerdem steht im Land ein nuklearer Versuchsreaktor, der übrigens mit chinesischer Hilfe gebaut wurde. Er untersteht der ständigen Kontrolle durch die Internationale Atomenergiebehörde.

Neben Syrien gilt Iran als Gefahr. Dieses Land arbeite an der Atombombe.

Ich warte auf den angekündigten Friedensplan der USA für den Nahen Osten. Wenn dieser Plan wirklich Frieden schaffen soll, muss er Rüstungskontrolle umfassen. Und zwar auch in Israel. Denn Israel hat die Atombombe und es ist sicher fähig, sich gegen biologische und chemische Waffen zu verteidigen.

Gibt es eine Zukunft für UN-Waffeninspektoren?

Ja, natürlich. Heute verfügen wir über eine effiziente und unabhängige Kommission. Wir haben eine enorme Expertise angesammelt, auch im Bereich der Biowaffen und Raketen. Das gibt es sonst nirgends. Hier sehe ich eine mögliche Zukunft für UN-Inspektoren. Und eine Chance für die Vereinten Nationen. Man kann die Verbreitung dieser schrecklichen Waffen mit friedlichen Mitteln verhindern. Tragisch nur, dass wir nicht genug Zeit hatten, dies zu beweisen. Und wir haben noch das Mandat für den Irak. Auch dort muss ja in Zukunft Rüstungskontrolle durchgeführt werden.

Jetzt soll der UN-Sicherheitsrat die Sanktionen gegen den Irak aufheben, fordert Präsident Bush.

Immer noch gilt die UN-Resolution, dass wir von UNMOVIC zunächst offiziell feststellen müssten, dass es im Irak keine Massenvernichtungswaffen mehr gibt. Das können wir zur Zeit nicht. Ja, eigentlich müsste der Weltsicherheitsrat unsere Meinung dazu hören. Da bin ich wirklich gespannt.

Katja Gloger / print