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Irak: Der Kampf um Nadschaf

Die Lage in der Schiiten-Hochburg Nadschaf spitzt sich zu. Nachdem die Verhandlungen am Wochenende gescheitert sind, scheint eine Eskalation kaum noch zu verhindern zu sein.

Bei neuen Kämpfen zwischen Anhängern des radikalen Schiitenpredigers Muktada el Sadr und US-Truppen in Nadschaf starben nach Krankenhausangaben drei Iraker. Auch in anderen Teilen des Iraks kam es am Wochenende zu Anschlägen und Gefechten, die Dutzende Menschen das Leben kosteten. Der Sprecher von el Sadr sagte dem arabischen Nachrichtensender El Dschasira, die "Mahdi-Armee" des radikalen Predigers sei auf Angriffe vorbereitet, aber gleichzeitig zur "Annahme jeder Friedensinitiative" der Übergangsregeirung bereit.

Schweitern der Verhandlungen

Verhandlungen zwischen El Sadr und der irakischen Regierung waren am Samstag gescheitert. Die Regierung bedauerte das Scheitern, bekräftigte aber zugleich ihre Forderung, El Sadrs Miliz müsse sich auflösen. Zum Scheitern der Verhandlungen erklärte der Chefunterhändler der irakischen Regierung, der Nationale Sicherheitsberater Muwaffak al Rubaie, die Mahdi-Miliz sei nicht auf den Vorschlag eingegangen, sich aufzulösen und eine politische Partei zu gründen. Ein Berater Al Sadrs sagte dagegen, Ministerpräsident Ijad Allawi habe seine Delegation plötzlich nach Bagdad zurückgerufen. Dies sei eine Verschwörung, um ein großes Massaker anzurichten.

Der Schiitenprediger el Sadr selbst sagte nach dem Abbruch der Verhandlungen, die Übergangsregierung sei "schlimmer als Saddam Hussein" und verlangte ihren Rücktritt. Eine Teilnahme an der Nationalkonferenz lehnte er ebenso wie eine sunnitische Vereinigung von Muslimgelehrten ab.

In Nadschaf waren am Sonntag in der Nähe des Friedhofs um die Iman-Ali-Moschee laute Explosionen zu hören. Das Heiligtum der Schiiten wurde jedoch nicht getroffen. US-Soldaten in gepanzerten Fahrzeugen rückten erneut in die Stadt ein, wo während der Friedensverhandlungen seit Freitag eine Waffenruhe eingehalten worden war.

Journalisten müssen Nadschaf verlassen

Die irakische Polizei hat am Sonntag allen Journalisten befohlen, die umkämpfte Pilgerstadt Nadschaf zu verlassen. Beamte in vier Fahrzeugen umstellten das Hotel, in dem die Medienvertreter untergebracht waren, und präsentierten eine entsprechende Anordnung von Polizeichef Ghalib al Dschasaari. Im Falle einer Missachtung wurden Verhaftungen sowie die Beschlagnahme von Kameras und Mobiltelefonen angedroht. Viele Journalisten verließen daraufhin die Stadt.

Die Anweisung erfolgte, nachdem die Polizei Journalisten vor einem möglichen Autobombenanschlag auf ihr Hotel gewarnt hatte, diese aber trotzdem nicht abreisen wollten. Dies bedeutet, dass Berichte über die Lage in Nadschaf vorerst nur von Reportern geliefert werden können, die zum Gefolge der US-Truppen gehören. Die amerikanischen Streitkräfte äußerten sich zunächst nicht zu dieser Entwicklung.

Ungeachtet der wieder aufgeflammten Gewalt in der Schiitenstadt Nadschaf ist am Sonntag mit der ersten Sitzung der neuen irakischen Nationalversammlung ein weiterer Schritt zur Demokratisierung des Landes getan worden. Vor den mehr als 1000 Delegierten rief Übergangspräsident Ghasi el Jawer die Iraker dazu auf, sich mit aller Kraft für einen Sieg über den Terrorismus einzusetzen. Ohne Sicherheit seien ein Aufbau der Institutionen und die Abhaltung demokratischer Wahlen nicht möglich.

Mörserangriffe auf Nationalkonferenz

Die Nationalkonferenz begann unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen in der so genannten grünen Zone von Bagdad. Die Delegierten sollen während der dreitägigen Versammlung die Vertreter eines Nationalrates wählen, der bis zu den Ende Januar geplanten freien Wahlen als Übergangsparlament fungieren soll. Trotz einer Ausgangssperre über mehrere Stadtteile schlug eine Serie von Mörsergranaten nahe der grünen Zone ein. Bei einer der Explosionen seien zehn Menschen getötet worden, meldete der Fernsehsender El Arabija. Nach Angaben des Innenministeriums kam bei der Explosion ein Mensch ums Leben, fünf wurden verwundet.

Kurz nach einer Rede des UN-Gesandten Ashraf Qazi vor der Nationalkonferenz kam es zu einem Zwischenfall, als eine Gruppe von Schiiten lautstark ein Ende der Kämpfe in Nadschaf forderte. Die Versammlung sei daraufhin kurzfristig unterbrochen worden, berichtete der US-Nachrichtensender CNN. Nach Angaben des arabischen Senders El Dschasira verließen mehr als 100 Teilnehmer die Konferenz unter Protest. Der Veranstalter der Nationalkonferenz wies diese Berichte jedoch später zurück. Vielmehr hätten einige Repräsentanten El Sadrs kurzzeitig die Konferenz verlassen. Sie seien jedoch bald darauf zurückgekehrt, sagte Veranstalter Fouad Massumi der Deutschen Presse-Agentur dpa.

DPA / DPA