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Rassismus: In Italien schießt ein Mann auf Migranten - doch der Wahlkampf macht aus Opfern Täter

In Macerata in Mittelitalien schießt ein 28-Jähriger auf Migranten. Sein Motiv: offenbar Fremdenhass. Einen Monat vor der Parlamentswahl spricht nun ganz Italien nur noch über ein Thema: Paradoxerweise heißt es nicht Rassismus, sondern illegale Einwanderung.

Luca Traini nach seiner Festnahme: Die italienische Flagge ruht auf seinen Schultern

Luca Traini (im Bild) fuhr mit seinem Auto durch Macerata und feuerte auf Migranten. Als er gefasst wurde, trug er die italienische Flagge um seine Schultern und zeigte den faschistischen Gruß.

Es war genau vor einem Jahr, als Italien ein hoch umstrittenes Flüchtlingsabkommen mit Libyen veienbarte. Die Bilder von Booten voller mit angsterfüllten Gesichtern sind spätestens seit dem Sommer seltener geworden. Doch für viele Italiener gibt es immer noch viel zu viele von "denen", von den "clandestini", von den "extracommunitari" - also von den "illegalen" Einwanderern vor allem aus Afrika.

Diese Angst - oft ist es Ablehnung - hat nun mitten im ein neues Gesicht bekommen: Luca Traini, ein Mann der in der Kleinstadt Macerata in der Region Marken aus dem Auto auf mehrere Migranten geschossen hat. "Rassenhass" lautet die Anschuldigung. Den Mord an einer 18-Jährigen wollte er rächen, so Trainis Version, denn ein Nigerianer soll das Mädchen umgebracht haben. Der Fall hat dem Thema Migration im Wahlkampf neue Brisanz verschafft.

Silvio Berlusconi sieht sich bestätigt

Für Ex-Ministerpräsident  handelt es sich bei dem Täter um "einen Geistesgestörten." Doch auch Berlusconi nannte die Anzahl illegaler Migranten eine "soziale Bombe", die kurz vorm Explodieren sei. Schließlich würden die Migranten ja gern Straftaten begehen.

Der Chef der Forza Italia ist im Wahlkampf ein Bündnis mit ausländerfeindlichen Parteien wie der Lega eingegangen - in Umfragen liegt die Allianz vorne. Und die Rechtspopulisten sehen einzig die unkontrollierte Einwanderung als Grund für eine solche Tat wie in Macerata - die Schuld daran schieben sie denjenigen zu, die das Land "mit illegalen Einwanderern gefüllt haben", sprich: der sozialdemokratischen Regierung. Ähnliche Taten könnten folgen. Die Atmosphäre ist einen Monat vor der Wahl am 4. März vergiftet, selbst die mächtige katholische Kirche hat vor Angstmacherei und Rassismus gewarnt.

Einwanderung in Italien noch immer Topthema

"Fast alle bestätigen, dass Einwanderung neben der wirtschaftlichen Lage das wichtigste oder zweitwichtigste Thema ist", sagt Matteo Villa vom Think Tank ISPI. Der Versuch der sozialdemokratischen Regierung, das Problem nach dem Absinken der Ankunftszahlen vom Radar zu nehmen, sei gescheitert. "Es reicht ein kleiner Anstieg der Ankünfte, um wieder von einer Krise zu sprechen." Laut einer Umfrage für die Zeitung "La Repubblica" geben 40 Prozent an, dass sie Migranten für die öffentliche Sicherheit als Gefahr sehen.

Italien ist zwar alleine wegen der geografischen Lage im Mittelmeer besonders von der Migrationskrise betroffen - bei einer Migrationskonferenz soll am Dienstag mit afrikanischen Transitländern beraten werden, wie es gelingen kann, dass der Zustrom nicht wieder zunimmt. Der Großteil der im Mittelmeer geretteten Migranten wird nach Italien gebracht. 2017 waren das mehr als 119.000. Aber zum Vergleich: In Deutschland wurden vergangenes Jahr mehr als 186.600 neu ankommende Flüchtlinge registriert.

Salvinis Lega profitiert vom Fremdenhass

Auf der Welle der Ausländerfeindlichkeit reitet vor allem Lega-Chef . Die Partei, die einst nur im reichen Norden stark war, weil sie die Abspaltung vom armen Süden wollte, hat sich unter Salvinis Führung Fremdenhass auf die Fahnen geschrieben. So will sie auch im Süden punkten. "Italiener zuerst" heißt Salvinis Motto - in Anlehnung an das Motto seines Vorbilds Donald Trump "America First".

Salvini sieht offensichtlich kein Problem darin, dass Traini für seine Partei bei den Kommunalwahlen im vergangenen Jahr kandidiert hatte. Wie "La Repubblica" berichtet, soll Traini zudem einem engeren Zirkel der Lega angehört haben, der bei mindestens einer Kundgebung für die Sicherheit von Lega-Chef Salvini sorgen sollte. Matteo Salvini bestritt unmittelbar nach Bekanntwerden der Tat jeden Kontakt mit dem 28-Jährigen: "Ich kenne diesen Herren nicht." Und weiter: "In Italien gibt es über 8000 Gemeinden, da kann ich nicht jeden kennen. Zudem war Traini nicht vorbestraft."

Ohne Vorstrafen, aber mit eindeutig radikaler Haltung: In Trainis Wohnung sei eine Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf" gefunden worden, berichten italienische Medien. Polizeifotos zeigen, dass Trainis Schläfe ein Tattoo einer sogenannten Wolfsangel ziert, ein Symbol, das in rechtsextremen Kreisen verbreitet ist. In einem ersten Verhör mit den Carabinieri soll Traini zudem angegeben haben: Eigentlich habe er den mutmaßlichen Mörder der 18-Jährigen im Gerichtssaal töten wollen. Als er erkannte, dass das nicht möglich sei, sei er auf die Straße als Tatort ausgewichen. So erzählte es Giovanni Giorgio, Staatsanwalt von Macerata, einem Bericht der "Repubblica" zufolge. Trainis Anwalt widerspricht dieser Darstellung.

Unabhängig davon: In dem aufgeheizten politischen Klima in Italien weiß man sowieso nicht, ob die Attacke von Macerata der Lega am Ende sogar zugute kommen könnte. Es wird mit falschen Zahlen jongliert, übertrieben und jede Straftat eines Migranten wird ein Politikum. So spricht Berlusconi stets von mehr als 600.000 "Illegalen" in Italien. Das sind aber lediglich die Zahlen aller angekommenen Migranten seit 2013. Die Zahl derer, die wirklich ohne Aufenthaltsgenehmigung im Land sind, ist geringer, sagte Experte Villa.

Partito Democratico unter Druck

Die Regierung von Paolo Gentiloni muss sich statt nur von "Angstmacherei" zu sprechen den Vorwürfen stellen, sich dem Problem nicht genug angenommen zu haben, sondern vielmehr auf die Solidarität und Hilfe der EU-Partner gewartet zu haben. Warum gibt es nicht genug Unterkünfte für Migranten, warum lagern sie in Parks und Bahnhöfen? Warum müssen sie Häuser besetzen, betteln oder Drogen verkaufen? Das alles trägt zur öffentlichen Wahrnehmung von einer "Invasion" bei - selbst wenn es die rein faktisch nicht gibt.

pg / DPA