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Jagdunfall: Cheney gerät in die Schusslinie

Der US-amerikanische Vize-Präsident Richard "Dick" Cheney gerät nach seinem Jagdunfall unter Druck. Kritiker werfen Cheney die Vertuschung des Unfalls vor, bei dem ein Anwalt angeschossen wurde und später einen Herzinfarkt erlitt.

In den USA wird der Wirbel um einen Jagdunfall, bei dem US-Vizepräsident Richard Cheney einen 78-jährigen Anwalt mit einer Schrotflinte angeschossen hatte, immer größer. In einem Sturm der Entrüstung prangern US-Medien und die demokratische Opposition an, dass die Öffentlichkeit erst mehr als 14 Stunden nach dem Zwischenfall davon erfahren habe - und das durch eine lokale Zeitung und nicht durch Mitteilung des Weißen Hauses. Insbesondere Cheney wurde ein versuchtes Vertuschungsmanöver angelastet.

Die Kontroverse war am Dienstag (Ortszeit) durch die Nachricht verstärkt worden, dass der von Cheney angeschossene Harry Whittington, ein Freund des "Vize", schwerer verletzt wurde als zunächst angenommen war. Nach Angaben der behandelnden Ärzte in Corpus Christi (Texas) wanderte ein Schrotkorn in den Herzmuskel des Patienten und löste eine leichte Herzattacke aus. Whittington muss daher noch mindestens eine Woche im Krankenhaus bleiben.

Cheney auf der Wachteljagd

Der prominente Anwalt aus Austin war am späten Samstag irrtümlich in die Schusslinie geraten, als Cheney mit seiner Flinte auf eine Wachtel feuerte. Er erlitt Verletzungen im Gesicht, am Hals und an der Brust. Auf zwei turbulenten Pressekonferenzen am Montag und am Dienstag war der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, unter massiven Druck geraten: Journalisten verlangten eine Erklärung dafür, warum das Weiße Haus den Vorfall nicht publik machte.

McClellan zufolge war entschieden worden, dem Vizepräsidenten selbst den Zeitpunkt der Mitteilung zu überlassen. Eine Augenzeugin - die Besitzerin des Jagdgeländes - hatte schließlich eine lokale Zeitung unterrichtet. Cheney selbst ging am Dienstag (Ortszeit) erstmals auf den Vorfall ein, allerdings nur in schriftlicher Form. In einer Erklärung teilte er mit, er sei von dem Herzanfall unterrichtet worden, habe mit dem Verletzten telefoniert und Unterstützung jeglicher Art angeboten.

"Gestörtes Verhältnis zu offenen Diskussionen"

Der Fraktionschef der Demokraten im Senat, Harry Reid, wertete die "Informationspolitik" nach dem Jagdunfall als weiteren Beweis für die "geheimnistuerische Natur dieser Regierung". Sein Parteikollege Charles Schumer warf Cheney in einem Brief ein gestörtes Verhältnis "zu offenen Diskussionen mit dem amerikanischen Volk vor".

Der Jagdunfall ist ein weiteres Problem für das Weiße Haus, das sich im wichtigen Wahljahr 2006 um die Wiedergewinnung verloren gegangener Glaubwürdigkeit bemüht. Die Zustimmungsrate des 65 Jahre alten Vizepräsidenten war schon in einer kürzlich veröffentlichten Umfrage auf 24 Prozent gefallen, denn Cheney stand bereits im Mittelpunkt anderer Affären. So beharrte der Falke darauf, dass Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfüge, was eine zentrale Begründung des Irak-Kriegs war. Auch als herauskam, dass Bush auf dem Boden der USA Terrorverdächtige ohne richterliche Genehmigung abhören ließ, stand Cheney für die Regierung an vorderster Front. Zuletzt geriet er in der Affäre um die Enttarnung einer CIA-Agentin ins Zwielicht.

DPA/AP / AP / DPA