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Suche nach "Running Mate" Offener Brief an Joe Biden: "Wählen Sie keine schwarze Frau, verlieren Sie die Wahl"

Joe Biden und fünf Frauen, die seine Vize-Präsidentin werden könnten
Schwere Entscheidung: Wer könnte Joe Bidens (unten, Mi.) potenzielle Vize-Präsidentin werden? Kamala Harris, Susan Rice, Elizabeth Warren (oben, v. li.), Tammy Duckworth (unten, li.) oder Karen Bass? Oder eine andere?
© AFP
Joe Biden muss allmählich seinen "Running Mate" benennen. Dass es eine "Woman of Colour" sein soll, gilt als ausgemacht. In einem offenen Brief haben 100 prominente schwarze Männer den Druck nochmals erhöht. Unterdessen wird der Favoritin geraten abzusagen.

Ein offener Brief erhöht den Druck auf den designierten demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten Joe Biden vor der Bekanntgabe seiner Nominierung für das Amt der Vize-Präsidentin. In dem Schreiben fordern mehr als 100 prominente afroamerikanische Männer, Biden solle eine schwarze Frau als seine mögliche Stellvertreterin benennen.

"Wenn Sie 2020 keine schwarze Frau auswählen, verlieren Sie die Wahl. Wir wollen nicht zwischen dem kleineren von zwei Übeln wählen und wir wollen nicht zwischen dem Teufel, den wir kennen und dem Teufel, den wir nicht kennen, stimmen, weil wir es satt haben, für Teufel zu stimmen – Punkt", heißt es in dem Schreiben. Der Brief wurde im Medium "Atlanta Daily World" veröffentlicht.

Warten auf Joe Biden

Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem der Rapper und Schauspieler Sean "Diddy" Combs sowie Ben Crump, der Anwalt der Familie des Afroamerikaners George Floyd, dessen gewaltsamer Tod bei einem Polizeieinsatz Ende Mai die anhaltenden landesweiten Proteste ausgelöst hatte. Daneben haben in den USA bekannte afroamerikanische Geistliche, politische Kommentatoren und andere Persönlichkeiten unterzeichnet. Der Brief soll ein ähnliches Schreiben unterstützen, in dem 700 schwarze Frauen in herausragenden Positionen Biden schon im April aufforderten, "diesen Moment zu erkennen und zu nutzen" und eine "Woman of Colour" als "Running Mate" für den Wahlkampf auszusuchen.

Eigentlich hatte Biden schon vergangene Woche seine Kandidatin für die mögliche Vize-Präsidentschaft verkünden wollen. Die Verzögerung wird offenbar so interpretiert, dass sich der designierte Kandidat der Demokraten nicht recht entscheiden kann. Tatsächlich wurden zuletzt auch die weiße Gouverneurin von Michigan, Gretchen Whitmer, und die teils chinesisch-stämmige Senatorin aus Illinois, Tammy Duckworth, als aussichtsreiche Kandidatinnen gehandelt. Der offene Brief soll offensichtlich den Druck auf Biden noch einmal erhöhen, eine schwarze Frau auszuwählen. Schon im März hatte sich der 77-Jährige festgelegt, eine Frau als "Running Mate" zu wählen. Infolge der landesweiten Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt war Biden zunehmend gedrängt worden, eine nicht-weiße Frau aus der Liste der potenziellen Kandidatinnen zu wählen.

"Running Mate" gleichzeitig Kandidatin 2024?

Bidens Entscheidung wird mit Spannung erwartet. Noch in dieser Woche sollte es soweit sein. Als besonders wichtig gilt sie deshalb, weil sie großen Einfluss nicht nur auf die Wahlchancen haben dürfte, sondern auch auf die Zukunft des Landes. Bei Amtsantritt wäre Biden 78 Jahre alt und somit der bisher älteste US-Präsident. Es wird gemutmaßt, dass er nur eine Amtszeit lang regieren könnte, sollte er die Wahl am 3. November gewinnen. Seine Vizepräsidentin könnte sich somit bereits als Nachfolgerin in Position bringen.

Genau aus diesem Grund riet der frühere Bürgermeister von San Francisco, der demokratische Politiker William Brown, der von vielen als Favoritin gesehene Kamala Harris ab. Sollte die Senatorin aus Kalifornien ein Angebot von Biden erhalten, solle sie "höflich ablehnen".

Kamala Harris wird abgeraten

Die Vize-Präsidentschaft habe sich viel zu oft als Sackgasse einer politischen Karriere erwiesen, schrieb Williams in einem Gastbeitrag im "San Francisco Examiner". Stattdessen werde die Juristin als Justizministerin gebraucht. Dort könne die 55-Jährige als Nachfolgerin von Bill Barr schon zur Heldin werden, "wenn sie nur auftaucht und halbwegs gesund ist". Als Generalstaatsanwältin (diese Aufgabe fällt in den USA dem Justizministerium zu) könne sie zudem genügend Abstand zum Weißen Haus wahren, um anschließend als Präsidentschaftskandidatin für 2024 und 2028 infrage zu kommen.

Just wegen solcher Überlegungen war Harris laut einem CNBC-Bericht von Biden-Verbündeten zuletzt vorgeworfen worden, zu ehrgeizig zu sein und sich zu sehr auf die eigenen Ambitionen auf das Präsidentenamt zu konzentrieren. Direkt aus Bidens Komitee für die Vizepräsidentensuche kam laut einem "Politico"-Bericht Kritik, Harris hätte Biden während der Vorwahlen der Demokraten mehrfach hart angegangen. Allerdings war die Senatorin zu diesem Zeitpunkt noch Konkurrentin Bidens im Rennen um die demokratische Kandidatur. Später verzichtete sie ausdrücklich zugunsten des früheren Vize-Präsidenten. Auf die Kritik angesprochen habe Harris nur gelacht und gesagt: "Das ist Politik."

"Nur eine schwarze Frau auszuwählen, reicht nicht"

"Wurde Joe Biden je als 'zu ehrgeizig' bezeichnet, weil er zum dritten Mal Präsident werden will?", wird angesichts solcher Meldungen im offenen Brief der "100 Black male leaders" gefragt. Hätte ihn Obama seinerzeit etwa nicht zum Vize-Präsidenten machen sollen, weil er zu große Ambitionen hätte haben können? Viel zu lange hätten schwarze Frauen alles für die demokratische Partei riskiert "ohne Anerkennung, ohne Respekt, ohne Sichtbarkeit", heißt es weiter. Es empöre die Unterzeichner, dass nun mögliche Kandidatinnen unrechtmäßig öffentlich kritisiert und hinterfragt würden.

Es reiche ohnehin nicht aus, wenn Biden nur "aus politischen Gründen eine schwarze Frau nominieren sollte", damit während des Wahlkampfes Rasse und Geschlecht repräsentiert seien, betonte der Amerikanistik-Professor der Universität von Princeton, Eddie Glaude jr. Er gehört zu den Unterzeichnern des offenen Briefes. "Wir müssen eine Agenda haben, die auch die Geringsten anspricht und die versucht, diese Nation radikal neu zu definieren", forderte Glaude via Twitter.

Großer Kreis der Favoritinnen

Der Kreis der möglichen Vize-Kandidatinnen ist lang und ordnet sich immer wieder neu. Neben Kamala Harris, Gretchen Whitmer und Tammy Duckworth steht die frühere Nationale Sicherheitsberaterin von Barack Obama, Susan Rice, ganz oben auf der Liste. Auch die weiße Senatorin aus Massachusetts, Elizabeth Warren, wird wieder häufiger genannt – sie galt vor dem Ausbruch der Rassismus-Proteste als Mit-Favoritin, verschwand dann jedoch aus dem Fokus. Weitere Namen, die gehandelt werden: Karen Bass (Kongressabgeordnete aus Kalifornien), Michelle Lujan Grisham (Gouverneurin von New Mexico und lateinamerikanischer Abstammung), Keisha Lance Bootoms (Bürgermeisterin von Atlanta), Val Demings (Kongress-Abgeordnete aus Florida), Stacey Abrams (frühere Kongress-Abgeordnete aus Georgia) und – eher als Außenseiterin – Amy Klobuchar, die weiße Senatorin aus Minnesota hatte sich wie Kamala Harris zunächst selber um die demokratische Präsidentschaftskandidatur beworben. Der Ball liegt bei Biden. Die Nation erwartet seine Entscheidung.

Quellen:"Atlanta Daily World"; "San Francisco Examiner"; "USA Today"; "The Hill"; Nachrichtenagentur DPA


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