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John F. Kerry: Zu klug für Amerika?

Seine Demokraten rufen ihn diese Woche unter Jubel zum Präsidentschaftskandidaten aus. In Umfragen liegt er vor Amtsinhaber Bush. Und doch könnte John F. Kerry auf dem Weg ins Weiße Haus noch scheitern - an sich selbst.

Es ist nur ein Verdacht. Er mag bösartig klingen, dieser Verdacht, doch er ist nicht ganz abwegig, und dort draußen im Land schwirrt er herum, in den Staaten des Südens und den Wahlspots der Republikaner. Zusammengefasst geht er wie folgt: John Forbes Kerry, getrieben von Ehrgeiz und arm an Charisma, nahm sich schon als Schüler vor, Präsident zu werden, und baute sich dazu die passende Biografie, so wie andere Modellflugzeuge bauen. Er imitierte die Gesten von John F. Kennedy, jagte im Vietnamkrieg nach Orden und tat alles, um sich einen Platz zu sichern im Langzeitgedächtnis der Nation. Ein Leben nach Plan, eine Karriere aus der Retorte, ein Gegenentwurf zum bodenständigen Präsidenten George W. Bush.

Faszination für die große Politik

Der Verdacht gefällt den Republikanern. Und den Reportern. Und dann gibt es eine Saga. Sie mag nach Hollywood klingen, diese Saga, doch gleichfalls nicht abwegig, und auch sie schwirrt dort draußen herum, an den Küsten in Ost und West, und geht wie folgt: John Kerry entdeckt schon als Kind im Berlin der Nachkriegszeit seine Faszination für die große Politik. Er verliebt sich in ein Mädchen des Kennedy-Clans, geht segeln mit JFK und rettet als Leutnant in Vietnam seinen Männern das Leben. Er wird zum Helden der Antikriegsbewegung, knüpft sich als Staatsanwalt die Mafia vor und kämpft sich trotz Schulden und Krebs in die Spitze der Partei. Ein Leben voller Leben, ein Drama mit Wendepunkten, ein Gegenentwurf zum selbstgefälligen Präsidenten Bush. Die Saga gefällt den Demokraten. Und den Reportern. Aber was glaubt Amerika?

Lansdowne, Pennsylvania, 11 000 Einwohner, zwei Tankstellen. Der Ort bringt alles mit, was die Präsidentenwahl am 2. November entscheidet: eine bröckelnde Mittelklasse, Soldaten im Irak und die Sehnsucht nach einem führungsstarken Präsidenten, mit dem man gern mal grillen würde. Kerry müsste, so raten die Demoskopen, etwas mehr Johnny sein und weniger Senator, er müsste etwas von der Dynamik Bill Clintons zeigen oder dem Charme John Edwards', den er als Running Mate auswählte, weil er so etwas wie der Anti-Kerry ist, der Grillmeister an der Seite des Oberkommandeurs.

Jürgen Kohler in Brasilien

John Kerry geht auf ein rot geklinkertes Haus zu, um eine Familie nach ihren Problemen zu fragen, und die Familie, die ausgesucht wurde, weil sie die richtigen Probleme hat, erzählt Kerry und der Reporterschar, dass sie die Studiengebühren der Kinder nicht mehr zahlen kann und die älteste Tochter zum Überleben vier Jobs machen muss. Kerry schaut besorgt und lockert seine Hermès-Krawatte. Er sagt, dass er auch mal in so einem ganz normalen Viertel gelebt hat und verschweigt, dass dies nur zwei seiner 60 Jahre betraf. Er wirbelt mit seinen 1,93 Metern auf der brüchigen Veranda umher und wirkt doch hölzern, bemüht, wie ein Vorstopper, der einfach nicht dribbeln kann. Jürgen Kohler in Brasilien.

Ein älterer Mann mit Baseballkappe fragt Kerry, ob man Bush nicht vor dem Kriegsverbrechertribunal anklagen sollte. Was soll Kerry dazu sagen? Was werden die Reporter schreiben, wenn er jetzt antwortet? Es ist eine einfache Frage, aber in ihm setzt sich eine Gedankenmaschine in Gang, als müsste die Frage erst mal einen Verdauungstrakt durchlaufen, als müsste er erst mal die zwei Seiten der Medaille finden, so wie er für alles zwei Seiten findet, den Krieg, die Todesstrafe, die Abtreibung. Was nur soll er sagen? Da setzt seine Wahlkampfhymne ein, "Go Johnny go", sein Wagen fährt vor, schon ist er weg. Er war wieder mal der Senator. Nicht der Johnny.

37 Prozent wollen mit ihm kein Barbecue machen

John Forbes Kerry, geboren in Denver, aufgewachsen als Sohn eines Diplomaten in Washington, Berlin, der Schweiz und im Internat, liegt bei den Umfragen knapp in Führung, obwohl 37 Prozent mit ihm kein Barbecue machen wollen. Das ist ein Problem. Er führt, weil Bush den Irak-Krieg vermasselt hat, also muss er hoffen, dass der Schlamassel bleibt. Er führt, weil die Leute dem wirtschaftlichen Aufschwung noch nicht trauen, also muss er hoffen, dass die Konjunktur auf ihn wartet. Er führt, obwohl viele noch nicht wissen, was er eigentlich ist, Opportunist, Kriegsheld, Verräter oder irgendwas dazwischen, in jener Grauzone, die es nicht gibt in Amerika. Am Tag seiner Nominierung zum Spitzenkandidaten der Demokraten ist John Kerry für viele noch ein Mann ohne Gesicht. Oder einer mit zu vielen Gesichtern. Das ist das größte Problem.

Der Fahrstuhl öffnet sich in Midtown Manhattan, eine Frau im roten Kostüm tritt heraus. Sie ist schlank, ihr Haar ist blond getönt, und jetzt, da sie die Augenbrauen hochzieht, sieht man den jüngeren Bruder in ihr und eine Traurigkeit, die in allen Kerrys eine Heimat hat. Sie erzählt von ihren Jahren im geteilten Berlin, 1954 bis 56, wo der damals elfjährige John zum ersten Mal zu spüren bekam, welche Wunden der Krieg hinterlässt. Einmal radelte John allein in den Sowjetsektor. Da gab es zu Hause riesigen Ärger. "So war er immer", sagt Peggy Kerry. "Er muss Grenzen ausloten. Er geht bis ans Limit." Ist das so gut für einen Präsidenten? Die Frage beantwortet sie nicht.

"Er ist nicht der Typ, der gern Small Talk macht"

Peggy Kerry ist misstrauisch, in einer Zeit, in der die Medien ihrem Bruder bereits eine Affäre mit einer Praktikantin angedichtet haben. Ein falscher Satz von ihr - und die Schlagzeile ist draußen, ein falscher Satz wie der, den sie jetzt sagt: "Mein Bruder ist schüchtern. Er ist nicht der Typ, der gern Small Talk macht. John ist reserviert und introvertiert." Er gilt auch als steif und abgehoben. "Nein, er ist nur groß und hat dieses zerklüftete Gesicht und lacht nicht oft." Darf ein Präsident so sein - ein introvertierter Feind des Small Talk, dessen zerklüftetes Gesicht selten lacht? Auch die Frage bleibt so stehen.

Die vier Kerry-Kinder wuchsen auf mit einem geschärften Sinn für internationale Beziehungen und den Weltfrieden. Als der Vietnamkrieg ausbrach, waren alle in der Familie dagegen. Auch John. Dennoch meldete er sich freiwillig. Warum? Vielleicht im Hinblick auf eine spätere Karriere? "Nein", erwidert Peggy Kerry, "aus Pflichtgefühl." Und warum stimmte er trotz Bedenken für den Irak-Krieg? "Das kann ich nicht sagen." Auch diese Frage bleibt offen, und jetzt muss sie wirklich los und verschwindet im Abendverkehr.

"John Kerry - A Stronger America"

Die Mittagssonne über dem Silicon Valley knallt erbarmungslos herab, es ist 40 Grad heiß. Im Flugzeug wäre es schön kühl, aber John Kerry schmeißt noch ein paar Basebälle über das glühende Flugfeld. Die Leute sollen ihn kennen lernen, als Baseballer und Snowboarder und Kitesurfer und in seinem elfminütigen Wahlspot auch als Bergmann, Soldat, Gitarrist und Eishockeyspieler, der auch Bodychecks nicht scheut. Vielleicht ist das ein bisschen viel, doch als Kerry in den schwarzen Ledersitz seines Wahlkampfjets fällt und nach einem Hühnersaté greift, erzählt er, dass er auch ein guter Rechtsaußen ist und gern mal die Tour de France fahren würde, aber da hebt die Boeing 757 mit dem Schriftzug "John Kerry - A Stronger America" schon ab, und schon schreibt er per Hand an seiner nächsten Rede in Anaheim, und schon sammelt er dort zwei Millionen Dollar Wahlkampfspenden ein, und schon werden wieder die Highways für ihn gesperrt. Einsam fährt seine Karawane in der Rush-Hour Richtung Downtown Los Angeles, zum Konzert des Jahres.

Die Zuschauer haben bis zu 25 000 Dollar pro Ticket gespendet. Und alle sind sie da, Neil Diamond, Leonardo DiCaprio, Willie Nelson. Ben Affleck kommt auf die Bühne und sagt, dass man Bush endlich loswerden müsse. Barbra Streisand singt ein Lied über Bush, die Marionette von Cheney. Billy Crystal sagt, Rumsfeld habe nun ja sein Coming-out gehabt bei all den nackten Männern im Folterknast von Abu Ghreib. Alle lachen. Darf Kerry jetzt lachen? Er sitzt im ersten Rang und blickt sich um. Keine Journalisten. Also mal richtig lachen. Go, Johnnie, go. Hollywood feiert einen ausgelassenen Abend. Sie lachen über Bush, den Tölpel, beschimpfen Bush, den Missionar, lästern über Powell, Cheney und Wolfowitz, nur über Kerry reden sie kaum. Das ist sein Dilemma. Bei dieser Wahl geht es um Bush. Nicht um Kerry. Seine Anhänger respektieren ihn. Sie feiern ihn, wo immer er auftritt, lassen Konfetti regnen. Aber ins Herz schließen sie ihn nicht. Er mag ein bewegtes Leben haben, aber eine bewegende Persönlichkeit ist er nicht. Er soll sie nur befreien.

"Ich mache alles, um Bush loszuwerden"

Zwei Wochen später steigt in New York die nächste Kerry-Gala. Jetzt ist die Ostküste dran. Jon Bon Jovi, John Mellencamp, Paul Newman. Jessica Lange ruft: "Ich mache alles, um Bush loszuwerden, außer vielleicht meine Kinder zu verkaufen." Whoopi Goldberg macht obszöne Witze über Bush (weibliche Schamhaare) und Dick (Schwanz) Cheney und die Beziehung der beiden zueinander. So tickt das eine Amerika. Eine Woche später verliert Whoopi Goldberg nach einer Hetzjagd der rechten Presse ihren Werbevertrag mit dem Diätunternehmen Slim-Fast. Kerry gerät unter Druck, weil er es wagt, die Künstler "großartige Amerikaner" zu nennen. So tickt das andere Amerika. Kerry will beide Seiten einen. Das klingt nach einem neuen Dilemma.

Im "Club 21" in New Yorks 52. Straße, wo sich Politiker und Wirtschaftsbosse treffen, sitzt Dan Barbiero und wartet auf den Senator. Barbiero, karierter Anzug, rote Krawatte, ist Kerrys bester Schulfreund und Republikaner. Wenn Kerry in New York ist, sehen sie sich hier. Die Sessel sind mit feinem Stoff bezogen. Die Wand ist aus edlen Hölzern. Hier fühlt sich John wohl, sagt Barbiero, in diesem privaten Club, der so gut passt zu Kerrys Ferienvilla auf Nantucket und seinem 1945er Chambertin Close de Bèze im Weinkeller und dem prächtigen Bostoner Backsteinhaus am Louisburg Square, dort, wo Amerika am europäischsten ist.

"Wir waren beide Außenseiter"

Barbiero und Kerry lernten sich auf dem Internat St. Paul's in New England kennen. "Father John, ein schwarzer Pfarrer, hat uns einander vorgestellt", erzählt Barbiero. "Dies ist John Kerry, sagte Father John zu mir. Er glaubt, dass ihn keiner mag. Wir wurden sofort Freunde. Wir waren beide Außenseiter." Kerry ein Außenseiter? "Er war zu ehrgeizig. Er hatte zu viel Energie. Genau so wie heute. Er las mir seine Referate immer zwölfmal vor. Ich hätte ihn würgen können."

Kerrys Vorbild damals war John F. Kennedy. Er sprach wie Kennedy. Er gestikulierte wie Kennedy. Er hatte dieselben Initialen. "Wir haben ihn damit aufgezogen", sagt Barbiero. "John hat ihn unheimlich bewundert, aber er hasste es, mit Kennedy verglichen zu werden. Er wollte er selbst sein." Doch im Internat war Kerry wie Kennedy - ein Katholik unter lauter Protestanten. Ein Demokrat unter lauter Republikanern. Ein "Europäer" unter Amerikanern. Ein Junge, der seine Jugend ohne Eltern verbrachte. Das formt. Da lernt man zu kämpfen. Oder man geht unter. Oder man sucht sich den besten Weg der Anpassung.

"Dann ist er dem Kerl nachgerannt und hat ihn erschossen"

Del Sandusky ist mit seinem alten Chevrolet auf dem Weg zu einer Wahlveranstaltung in Bradenton, einer Stadt an der Golfküste Floridas. Es ist ein heißer Sommertag in jenem Staat, der wie schon im Jahr 2000 über Sieg oder Niederlage entscheiden könnte. Wenn Sandusky von Kerry spricht, nennt er ihn Captain oder Skipper oder Bruder. "Er hat mir das Leben gerettet. Ich habe seines gerettet. Dann ist man ein Leben lang Bruder." Sandusky ist Frührentner, in diesen Monaten fährt er durchs Land und erzählt seine Geschichte: "John und ich waren gemeinsam auf dem Schnellboot PCF-94 im Mekong-Delta, totale Hitze, jeden Tag unter Beschuss. Einmal wollte ein Vietkong eine B-40-Rakete auf unser Boot abschießen. Wir nahmen ihn unter Feuer. Wir hätten uns zurückziehen sollen, aber John befahl, das Boot ans Ufer zu fahren. Dann ist er dem Kerl nachgerannt und hat ihn hinter einer Hütte erschossen. Dafür hat er den Silver Star bekommen."

Wenn Sandusky die Geschichte erzählt, hängen die Menschen an seinen Lippen. Auf der kleinen Bühne im "Cafe Fayetville" in Bradenton macht der schnauzbärtige Mann mit der großen Brille John Kerry zu einem Helden, wichtiger noch: Er macht ihn zu einem Menschen. Etwas, das kein Wahlspot und keine Rede bisher geschafft hat. Sandusky erwähnt nicht, dass Kerry für ihn da war, als er vor einigen Jahren Suchtprobleme hatte. Er erwähnt auch nicht, dass sie alle, auch Kerry, bis heute unter dem Krieg leiden. Erst auf dem Heimweg, als er im Abendrot die Bucht von Tampa überquert, erzählt er mehr. Seine Hände zittern, die Asche seiner Zigarette fällt ihm auf den Bauch. Wie es für Kerry war zu töten? "Er war nicht sehr mitgenommen. Es war eine Operation von vielen. Wir haben nie wieder darüber gesprochen." Nie mehr? "Nein. Wir wissen doch, was jeder fühlt. Wir alle haben diese Flashbacks. Wir bepissen uns vor Angst im Schlaf. Wir haben gesehen, wie Kinder starben. Man muss nicht noch darüber reden."

"He, du Arsch, werd mal locker"

Wenn er mit seiner Crew aus Vietnam zusammen ist, sagen seine Wahlkampfmanager, sei Kerry, der stets so gefasste Patrizier, anders. "Nach seinen Auftritten trinken wir oft Bier und essen Erdnussbutter-Marmeladen-Sandwiches, wie in Vietnam", erzählt Sandusky. "Dann sagen wir: He, du Arsch, werd mal locker. Dann wird er locker. Dann fühlt er sich sicher." Dann kann Kerry endlich mal Johnny sein. Spät am Abend in einem Steakhaus verrät Sandusky, dass Kerry ihn neulich anrief. Es ging um den Irak-Krieg, für den Kerry dem Präsidenten im Senat grünes Licht gab. "Das quält ihn noch heute. Nach außen darf er keine Reue zeigen, aber in ihm brodelt es."

"Manchmal denkt er zu viel", sagt Sandusky. "Er denkt sehr viel", sagt Peggy Kerry. "John denkt schmerzhaft viel nach", sagt seine jüngere Schwester Diana. Tags darauf bekommt Sandusky einen Anruf aus der Wahlkampfzentrale. "Sie haben einen Detektiv auf Kerrys Boots-Crew angesetzt. Pass auf. Sie wollen eure Geschichte verdrehen. Sie wollen John zum Verräter machen." Sandusky legt auf: "Schweine. Da steckt O'Neill dahinter." John O'Neill war Kerrys Nachfolger in Vietnam als Skipper auf Boot PCF-94. Im Mai gründete O'Neill mit 187 Kameraden die Organisation "Swift Boat Veterans for Truth" und macht seitdem mobil gegen Kerry. "Seine Geschichte hat so viel mit der Wirklichkeit zu tun wie der Film "Gladiator" mit römischer Historie", sagt O'Neill. "All seine Wunden waren kleiner als die von einem Rosendorn. Die Orden hat er sich erschlichen. Und nach dem Krieg ist er uns in den Rücken gefallen, als er uns pauschal Kriegsverbrecher nannte." O'Neill hat es sich zum Ziel gemacht, weitere Beweise zu suchen, um Kerry vor der Wahl als Hochstapler auffliegen zu lassen. Und wieder hat man die Wahl. Held oder Verräter. Feigling oder Führer. Vielleicht passt alles.

"Er hatte kein richtiges Zuhause"

Seine Frauen könnten es wissen, doch Kerrys erste Ehefrau Julia Thorne redet nicht über den Kandidaten, sondern schreibt Bücher über Heilkräuter. Und die zweite Frau Teresa Heinz, die Erbin des Ketchup-Imperiums, redet zwar, aber lieber über grünen Tee und Erziehung und Teresa Heinz. Auf der Bühne steht sie oft wie eine Unbeteiligte neben Kerry und wehrt sich gegen zu viele Umarmungen. Sie lernten sich 1992 auf dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro näher kennen. Teresa hatte ein Jahr zuvor ihren Mann bei einem Flugzeugabsturz verloren. John Kerry irrte ziellos durch sein frisch geschiedenes Leben und fiel reihenweise in die Arme von Schauspielerinnen. Er hatte kein richtiges Zuhause, nachts stieg er bei David Thorne ab, seinem Schwager und besten Freund. Die beiden kennen sich seit 42 Jahren. Sie studierten zusammen in Yale. Sie waren beide in Janet Auchincloss, die Halbschwester Jackie Kennedys, verliebt. Sie telefonieren fast täglich und reden über neue Wahlstrategien und neue Surfbretter.

Thorne gibt in Boston das Magazin "Body&Soul" heraus und gehört zum inneren Zirkel des Kerry-Teams. Er trägt ein feines Hemd und fährt sich wie Kerry ständig mit der Hand durchs dichte Haar. "Die Trennung war die härteste Zeit in Johns Leben. Und ich stand genau dazwischen. Hier meine Schwester und dort mein bester Freund. Wir haben viel durchgemacht. Und ich kann Ihnen sagen: John ist immer dann am besten, wenn er am Boden ist. Er ist ein unglaublich ehrgeiziger, getriebener Kerl."

"Attack Machine"

Thorne setzt oft zu einer Anekdote an und bricht plötzlich ab. "Das sollte ich nicht erzählen", sagt er dann. Dass sie mit den Stieren rannten in Pamplona und mit der Cessna unter der Golden-Gate-Brücke durchflogen und mit 60 noch beim Parasailing über Frauen reden. Es würde Kerry menschlicher machen. Aber die Rechten könnten es gegen ihn verwenden. In der Zentrale reden sie von der "Attack Machine" der Republikaner wie von einer geheimen Macht mit übernatürlichen Kräften. Sie zeigen Kerry mit Sandinistenführer Ortega und Jane Fonda und blenden Hitler in die Wahlspots ein. Schlimmer wäre nur Chirac. Als Thorne glaubt, dass das Tonband ausgeschaltet ist, sagt er: "Die sind gnadenlos. Die schlachten alles aus. Die kennen nur Schwarz und Weiß. Aber so ist die Welt nicht. Sie ist grau. Sie ist verdammt komplex." Er spricht von der Welt. Er könnte aber auch von Kerry sprechen.

Eine Woche später tritt John Kerry in Charleston, West Virginia, auf. Es ist ein perfekter Abend, die Luft warm, der Himmel orange. Kerry ist gut an diesem Abend, so gut wie nie. Er saust zielstrebig über die Bühne. Er bricht aus seinem pastoralen Monogesang aus, und mit etwas Wohlwollen könnte man seine Faust clintonesk nennen. So wollen ihn Peggy und Sandusky und Thorne und die 2000 Fans sehen. Es geht doch. Go Johnny go. Später steigt Kerry verschwitzt in sein Flugzeug. Es ist fast Mitternacht. Er ist aufgekratzt. Seine Stimme klingt wie nach einer durchzechten Nacht, aber er will noch reden. Er schaut sich Fotos von seinem Jugendhaus in Berlin an und sagt, er würde gern mal wieder hin. "In Berlin wurde mir erstmals klar, was Politik für Menschen bedeutet." Dann redet er über seine wunderbaren Jahre dort, und selbst wenn er das Wort "wunderbar" sagt, sieht er noch nachdenklich aus. Er greift sich den stern und bleibt bei einem Foto hängen, das ihn im Wetsuit auf einem Surfbrett zeigt. Er sagt: "Cooles Photo." Es klingt wie: Cooler Typ.

"Versuche, mich nicht zu schnell zu verstehen"

Kerry schaut, ob ihn einer der amerikanischen Journalisten beobachtet. Dann sagt er: "Bill Clinton hat mich gerade angerufen. Er ist in Europa. Er sagt, 90 Prozent in Europa stehen hinter uns." Kerry blickt, als habe er ein Geheimnis verraten. Es muss ein Geheimnis bleiben. Die Rechten würden ihn wieder als Europäer diffamieren. Als mehrsprachigen Snob. Als Freund der UN. Er mag ja dieser Mensch sein, aber er darf es nicht. Er mag dieser reservierte, nachdenkliche, komplexe, gebildete, frankophile Mann von Welt sein, dessen Lieblingszitat lautet: "Versuche, mich nicht zu schnell zu verstehen." Vor 50 Jahren wäre das die Definition eines ehrenwerten Kandidaten gewesen.

Jan Christoph Wiechmann / print