HOME

Karikaturenstreit: "Groll kann keine Gewalt rechtfertigen"

Nach den schweren Ausschreitungen gegen diplomatische Einrichtungen in Syrien und Libanon hat UN-Generalsekretär Kofi Annan ein Ende der Gewalt wegen der Mohammed-Karikaturen gefordert. In Indonesien kam es am Montag dennoch zu neuen Protesten radikaler Muslime.

Der Generalsekretär sei "beunruhigt" wegen der Angriffe auf diplomatische Einrichtungen in Syrien, Libanon und anderen Ländern in den vergangenen Tagen, hieß es in einer Erklärung seines Sprechers Stephane Dujarric vom Sonntagabend (Ortszeit) in New York. Annan teile zwar die Gefühle vieler Muslime, die ihre Religion durch die Veröffentlichung der Karikaturen beleidigt sähen, jedoch wolle er klarmachen, dass "dieser Groll keine Gewalt rechtfertigen kann". Vor allem nicht, wenn sich der Hass gegen Menschen richte, die nicht verantwortlich für die Veröffentlichung der Karikaturen seien. Annan drängte die Muslime erneut dazu, die Entschuldigung der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" anzunehmen. Die Zeitung hatte die Karikaturen im September vergangenen Jahres veröffentlicht. Annan rief die Regierungen zum Abbau der Spannungen auf.

Nach den gewalttätigen Ausschreitungen gegen das dänische Konsulat in Beirut bot der libanesische Innenminister Hassan Sabeh seinen Rücktritt an. Ihm war mangelnde Härte gegenüber den Demonstranten vorgeworfen worden. Er habe sich geweigert, auf die Demonstranten schießen zu lassen, sagte Sabeh am Sonntagabend bei einer Dringlichkeitssitzung des Kabinetts. "Ich wollte nicht für ein Blutbad verantwortlich sein." Nachdem Kritik an dieser Entscheidung laut geworden sei, habe er beim Premierminister seinen Rücktritt eingereicht, so Sabeh weiter. Nach Angaben des britischen Fernsehsenders BBC wurden etwa 200 Demonstranten festgenommen. Es habe auch Verletzte gegeben.

"Eine Frage von globaler Bedeutung"

Am Sonntag konnten starke Polizei- und Armeekräfte in Beirut militante Gruppen unter den mehr als 20 000 Demonstranten auch mit Tränengas und Wasserwerfern nicht vom Sturm auf das dänische Konsulat abhalten, das sie in Brand setzten. Bei den Ausschreitungen gegen das dänische Konsulat in Beirut wurde auch die österreichische Botschaft in Mitleidenschaft gezogen. Wie Außenministerin Ursula Plassnik am Sonntagabend im ORF-Fernsehen sagte, sei Sachschaden entstanden. Auch eine Kirche sowie Geschäfte, Autos und Wohnhäuser in einem von Christen bewohnten Stadtteil Beiruts wurden attackiert.

Der Sohn des ermordeten libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri kritisierte die "in Damaskus initiierten und nach Beirut exportierten Gewaltakte" gegen westliche Botschaften. Die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC), ein Zusammenschluss von 57 islamischen Ländern, stimmte unterdessen einem Treffen mit dem dänischen Außenminister Per Stig Møller zu. Ziel solle es sein, die gewalttätigen Proteste einzudämmen. Das dänische Außenministerium rief alle Dänen in Libanon auf, sich auf ihre Ausreise vorzubereiten. Außenminister Møller sagte in Kopenhagen: "Ich bin entsetzt über die Welle von Gewalt im Nahen Osten. Dies ist jetzt eine Frage von globaler Bedeutung." Kräfte außerhalb des politischen Systems würden nun die Tagesordnung bestimmen.

Karsai ruft zur Vergebung auf

Die syrische Regierung entschuldigte sich am Sonntag für die Übergriffe. In einer Erklärung drückte das Außenministerium sein Bedauern über die Ausschreitungen am Rande der Demonstrationen aus, bei denen "einige Botschaften in Damaskus beschädigt wurden". Die syrischen Behörden hatten eine aufgebrachte Menschenmenge in Damaskus am Samstag praktisch ungehindert das dänische Botschaftsgebäude stürmen und in Brand setzen lassen. In Flammen gingen auch die im selben Haus untergebrachten Vertretungen Schwedens und Chiles auf. Nachdem Demonstranten ebenfalls ungehindert die norwegische Botschaft in Brand setzen konnten, stellten sich syrische Polizeikräfte erst in den Weg, als der Demonstrationszug sich den Vertretungen der USA und Frankreichs näherte. Alle Vertretungen waren zum Zeitpunkt der Attacken unbesetzt. Es wurde niemand verletzt. Plassnik, die zur Zeit als EU-Ratsvorsitzende amtiert, sprach sich gegen Sanktionen als Reaktion auf die Angriffe auf EU-Einrichtungen aus. Man sollte sich vielmehr bemühen, von einer "Phase der Gereiztheit zu einer Phase der Gelassenheit" zu kommen, sagte sie.

Der afghanische Präsident Hamid Karsai rief die Muslime weltweit zur Vergebung auf. Die Muslime sollte über der Auseinandersetzung stehen und sich nicht auf die gleiche Stufe mit jenen stellen, die die Karikaturen veröffentlicht hätten, sagte Karsai am Sonntag dem US-Nachrichtensender CNN. Der Prophet Mohammed sei viel zu erhaben, um durch diese Karikaturen beleidigt zu werden. Die EU und die NATO verurteilten die Übergriffe scharf. "Solche Akte sind durch nichts zu rechtfertigen und völlig unannehmbar", erklärte der österreichische EU-Ratsvorsitz. Ähnlich äußerte sich Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer.

Neue Proteste in Indonesien

Iran zog am Sonntag seinen Botschafter aus Kopenhagen ab. Auch Saudi-Arabien, Kuwait, Syrien und Libyen haben ihre Botschafter wegen der Zeichnungen bis auf weiteres abberufen. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad ordnete außerdem eine "Überprüfung der Handelsbeziehungen" mit allen Ländern an, in denen die Zeichnungen erschienen seien. Zunächst solle mit Dänemark begonnen werden.

In Indonesien haben unterdessen am Montag erneut hunderte radikale Muslime gegen die umstrittenen Karikaturen des Propheten Mohammed demonstriert. In der Hauptstadt Jakarta zogen etwa 400 Mitglieder einer islamistischen Partei vor ein Gebäude, in dem die dänische Botschaft untergebracht ist und forderten eine Entschuldigung der dänischen Regierung. Mehr als 1000 muslimische Aktivisten verlangten in der Stadt Bandung in West-Java von der indonesischen Regierung, ihre diplomatischen Beziehungen zu Dänemark zu beenden.

DPA