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Last Call: Wie die Premier League ihr blaues Wunder erlebte

Meister Leicester City? Englische Buchmacher hielten die Entdeckung des Monsters von Loch Ness für wahrscheinlicher - und dennoch ist es nun eingetreten. Nicht das erste Wunder, das diese Stadt erlebt. 

Leicester-City-Spieler jubeln. Im Hintergrund der Deutsche Robert Huth (2.v.l.) und Ex-Bundesligaprofi Shinji Okazaki (r.)

Hatten dieses Jahr überraschend viel zu jubeln: Die Spieler von Leicester City. Im Hintergrund freuen sich auch der Deutsche Robert Huth (2.v.l.) und Ex-Bundesligaprofi Shinji Okazaki (r.)

Es war einmal in

Erst mal eine Beichte: Ich wäre vermutlich nicht auf die Idee gekommen, nach Leicester in den Midlands zu fahren. Nicht dass Leicester eine besonders langweilige oder gar hässliche Stadt wäre, ganz im Gegenteil. Aber es gibt andere Städte, die – zugegeben – reizvoller klingen und es vielleicht auch sind. Insofern bin ich und seiner Mannschaft sehr dankbar. Also auch von hier: Glückwünsch Leicester und Danke Leicester.

Alle bedanken sich gerade bei Leicester und dem Fußballverein , der sämtliche Regeln der Wahrscheinlichkeit außer Kraft gesetzt hat und nun tatsächlich englischer Fußballmeister ist. Ganz langsam noch einmal, zum Buchstabieren und auf-der-Zunge-zergehen-lassen:

L-E-I-C-E-S-T-E-R. Meister. Ein Märchen. Ein . Eine wunderbare Geschichte.

132 Jahre haben sie in dieser Stadt auf einen großen Fußball-Titel gewartet. Und ihn ausgerechnet dann gewonnen, als die Chancen dafür an sich am geringsten waren in der reichsten Fußball-Liga der Welt, die immer reicher wird und damit auch und immer darwinistischer. Die Buchmacher bezifferten sie vor Saisonbeginn auf 1:5000 und damit auf erheblich unwahrscheinlicher als die Entdeckung des Monsters von Loch Ness (1:500), einen Nummer-1-Hit der Queen (1:1000) oder die plötzliche Wiederkehr von Elvis (1:2000).

Es galt mithin als komplett ausgeschlossen.

Einige Sportwetter haben auf  Leicester City gesetzt

Selbstverständlich waren da ein paar Verwegene, die dennoch und trotzig auf den Verein setzten. Und einen, der sich heute schwarz ärgert: John Micklethwait, Chefredakteur von Bloomberg News, hatte 20 Jahre lang im Sommer 20 Pfund auf seinen alten Lieblingsklub gesetzt, echte Liebe eben. Er hätte das Geld ebenso gut der Blindenhilfe spenden können oder aus dem Fenster werfen. Aber Fan ist Fan, und außerdem: Er hatte es ja. Ausgerechnet in diesem Jahr und in den Umzugswirren nach New York vergaß John die 20 Pfund. Oder er war es einfach leid.

Und, ganz ehrlich, man könnte es ihm nicht mal verdenken.

Leicester City war stets ein unerfülltes Versprechen. Oder falls erfüllt, dann ein Versprechen auf das große Nichts. Viermal zog die Mannschaft ins Pokalfinale ein, viermal verlor sie auch. Zweimal schrammte sie knapp am Titel vorbei, Ende der 20er und Anfang der 60er. Ansonsten: gemütliches Mittelmaß, mal in der ersten Liga, oft in der zweiten. Jedenfalls nie an der Spitze und darin großartig verlässlich. Per se sympathisch, weil ewiger Underdog aus einer ewig unterschätzten Stadt. Einmal, erinnerte sich der frühere Manager David Basset, sei er Anfang der 2000er von einer Polizeistreife angehalten worden, zu schnell. Der Verein stand wieder mal am Tabellenende. Er zeigte seine Papiere, der Polizist fragte: "Der David Basset?" Er sagte "Ja". Und darauf lachte der Polizist nur noch.


Leicester City, der Fußballklub, der im Schatten stand

So war das in Leicester, jahraus, jahrein mit seinem Fußballklub, der im Schatten stand. Die Stadt nämlich durchaus sportlich und erfolgreich. Der örtliche Rugby-Klub, die Tigers, einer der besten überhaupt, die Basketball-Mannschaft ebenso wie die Cricket-Spieler nationale Spitze. Nur die Fußballspieler hinkten ständig hinterher. Ein paar Stars spielten früher hier, Gordon Banks zum Beispiel, der englische Weltmeister-Torwart von 1966, Peter Shilton auch, ebenfalls ein großartiger Schlussmann. Und Gary Lineker, geboren und aufgewachsen in Leicester, die Eltern Gemüsehändler. Samstags verkaufte Klein-Gary gelegentlich Rüben am Markt, dann ging er ins Stadion und sah seinen Verein verlieren. Gary wurde später Weltstar beim FC Barcelona. Im Herzen aber immer Leicester, freundliche Stadt in den Midlands. So freundlich und gemütlich, dass Menschen aus der ganzen Welt kamen, Sikhs und Hindus und Moslems und Leicester zu einer der ethnisch buntesten Städte Europas machten. Viele Grünflächen und Parks und ein Menschengemisch, das über kurz oder lang den lieblichen Akzent der Mitte annahm.

Ich traf noch einen Sportsoziologen. John Williams von der University of Leicester. Er saß zu Hause in seinem Wohnzimmer und guckte Frauenfußball, weil sonst kein anderer Fußball lief, "Du musst entschuldigen". John ist Liverpool-Fan seit er denken kann und Besitzer einer Dauerkarte. Er hat kluge Bücher über den Verein geschrieben. Nun, wie alle im Land, aber auch großer Sympathisant der Blauen. Er sagte: "Kannst du dir vorstellen, dass Leicester City nicht mal einen richtigen Rivalen hat?" Konnte ich nicht. Jeder Verein hat einen Rivalen, selbst Hoffenheim hat einen Rivalen, vielleicht jedenfalls. Jeder Verein in der Kreisliga hat mindestens einen Rivalen, manchmal ganz viele. Leicester nicht. Leicester hatten und haben alle lieb. Das kann auf Dauer auch nerven. "Sie hätten eigentlich gerne Derby County als Rivalen, aber Derby misst sich lieber mit Nottingham Forest, der letzten Sensationsmannschaft", sagte John. Fast 40 Jahre ist das her. Nottinghams Trainer war ein Irrer, Brian Clough, inzwischen selig. Sie stiegen auf, wurden Meister und gewannen zweimal hintereinander den Europapokal der Landesmeister.

Nottingham war das Leicester der 70er.

Vielleicht denken sie jetzt in Nottingham doch um und akzeptieren endlich Leicester als Konkurrenz. Sie hätten es verdient.

Claudio Ranieri: grundgut und meistens erfolglos

Leicesters Trainer ist immerhin auch ein Irrer, im besten Sinne. Claudio Ranieri, Italiener von Geburt, grundgut und sympathisch und meistens erfolglos. Ranieri arbeitete schon bei vielen großen Vereinen, Juventus Turin, AS Rom, Inter Mailand, AS Monaco. Auch beim FC Chelsea. Er war überall beliebt bei Personal und Spielern, einen Titel aber gewann er nie. Ein Mann mit viel Charisma und noch mehr Marotten, der gerne eine imaginäre Bimmel läutet, wenn ihm etwas nicht gefällt und dazu "Dilly-Ding, Dilly-Dong" über den Platz ruft. Während seiner Schaffenszeit bei US Cagliari auf Sizilien schenkte er seinen Spielern zu Weihnachten sogar eine kleine Glocke und hatte "Claudio, Dilly-Ding, Dilly-Dong" darauf gravieren lassen.

Sie haben vermutlich immer noch kollektiven Tinnitus.

Der Coach von Leicester-City, Claudio Ranieri, auf einer Pressekonferenz

Der Coach von Leicester-City, Claudio Ranieri, ist wohl ein ziemlich netter Kerl. Sonderlich erfolgreich war er aber auf den wenigsten seiner Trainerstationen.


Ranieri backt gelegentlich Pizza mit seinen Spielern und wollte das Pizzabacken nach jedem Sieg zur ständigen Einrichtung erheben. Aber dann siegten sie und siegten, und man verwarf die hübsche Idee wieder, schon wegen einseitiger Ernährung und so. Manchmal erscheint der Trainer mit einer Flasche Rotwein im Arm auf Geburtstagsfesten seiner Spieler. Und natürlich bimmelt Ranieri auch in Leicester. Und nun, endlich Meister, läutete sogar die große Bimmel, die Glocke der Kathedrale zur Feier des Tages. Darin König Richard III liegt, gestorben 1485. Seine Gebeine gefunden vor vier Jahren unter einem Supermarkt-Parkplatz, umgebettet in die letzte Ruhestätte im Frühjahr 2015. Schon damals schaute die Welt auf Leicester für ein paar Wochen. Und vergaß es wieder.

Aber dann: Seit Richard in Frieden ruht, begann Leicester zu gewinnen. Und hörte mit dem Gewinnen gar nicht mehr auf.

Der Dekan von Leicester, David Monteith, sagt: "Der König hat der Stadt ein anderes Selbstbewusstsein gegeben." Es gibt Dinge, zwischen Himmel und Erde, die einfach nicht zu erklären sind. Der Gottesmann lächelt selig. Die Entdeckung der Knochen war streng genommen das erste Wunder. Die Archäologen schaufelten gerade mal zwei Stunden, und schon stießen sie aufs Gerippe, Halleluja.

Die Gebeine von König Richard III wurden vor vier Jahren unter einem Supermarkt-Parkplatz in Leicester gefunden

Die Gebeine von König Richard III wurden vor vier Jahren unter einem Supermarkt-Parkplatz in Leicester gefunden


Nun also Wunder Teil zwei. Und ganz Leicester wird darüber blau, in den Vereinsfarben getüncht, blaue Kerzen sogar in der Kathedrale. Aber wohl auch wegen des Alkoholpegels. Die Mannschaft bejubelte den Titel im Haus von Stürmerstar Jamie Vardie, Flaschen wurden erst geleert, dann flogen sie. Nur der Trainer fehlte. Claudio Ranieri war mittags noch in Rom  zum Mittagessen mit der Mama, sie wurde 96, doppelter Festtag mithin. Man muss die Feste feiern wie sie fallen. Märchen haben schließlich die unangenehme Eigenschaft mit "Es war einmal zu beginnen" und mit "Und wenn sie nicht gestorben sind..." zu enden. Irgendwann werden die Kinder von heute ihren Enkelkindern  das Märchen erzählen, das mit einem toten König und einem italienischen Glöckner begann. "Und es begab sich zu einer Zeit, da immer mehr Geld den Fußball flutete, dass ein freundlicher alter Mann aus Italien einen Haufen von Aussortierten versammelte und sie zum englischen Meister machte…" Sie hießen Kaspar Schmeichel und Christian Fuchs und Wes Morgan und Robert Huth und Riyad Mahrez und Jamie Vardy und ganz wunderbar: Danny Drinkwater. Einige von ihnen spielten vor ein paar Jahren noch in der siebten oder achten Liga.

Jetzt sind sie Meister und alle unsterblich. Zu schön, um nicht wahr zu sein.

Womöglich, das sagte mir der Bürgermeister Peter Soulsby, werden irgendwann Straßen nach ihnen benannt. Leicester, 330 000 Einwohner, diese freundliche Stadt, wächst und wächst. Sie brauchen neue Häuser und dann auch neue Straßen. Es gibt gewiss Schlimmeres als eines Tages in der Drinkwater Road zu leben. Und wenn es dort bimmelt an der Tür, "Dilly-Ding, Dilly-Dong, steht ein steinalter Italiener im Hauseingang mit mildem Lächeln und einer Flasche Rotwein in der Hand, tritt ein und erzählt sodann, wie es weiter ging mit dem Märchen von Leicester. Wie sie damals, man schrieb das Jahr 2017, die Champions League gewannen. Im Elfmeterschießen gegen Bayern München. War das schön.

Nicht lachen. Oder doch und warum nicht? Wenn irgendwo noch Träume wahr werden, dann in Leicester.

P.S.: Das komplette Märchen von Leicester steht in der neuen Ausgabe des stern.