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Lettland-Besuch: Bush verurteilt sowjetische Besatzung

Bei seinem Besuch in der lettischen Hauptstadt Riga hat George W. Bush an die sowjetische Besatzung des Baltikums erinnert. Zum Missfallen des russischen Staatschefs Wladimir Putin.

Als US-Präsident George W. Bush am Samstag vor der Freiheitsstatue in Riga einen Blumenkranz niederlegt, macht er unter großem Beifall überdeutlich: Amerika unterstützt Freiheit und Demokratie - selbst wenn dies Russland verärgert.

Das Baltikum war immer wieder unter Fremdherrschaft geraten. Die letzte Periode begann mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als bei der "Neuordnung" Europas die kleinen Ostseerepubliken Estland, Lettland und Litauen der damaligen Sowjetunion zugesprochen wurden. Stalin ließ Hunderttausende Balten nach Sibirien deportieren.

Der Kreml reagiert gereitzt

Deshalb sehen Bushs baltische Amtskollegen die Kapitulation von Nazi-Deutschland nicht zuerst als Befreiung, sondern als Beginn von nahezu 50 Jahren Unterjochung. Erst seit 1991 kann in Vilnius, Tallinn und Riga wieder selbstbestimmt entschieden werden. Bush sprach deutlich aus, was dort gedacht wird: "Okkupation" und "sowjetische Depression" seien zum Glück überwunden, eine Entschuldigung aus Moskau angemessen.

Im Kreml aber wird man offenbar ungern an diesen Teil der Historie erinnert und reagiert zunehmend gereizt. Bevor man die Zustände in Russland anprangere, solle man in Sachen Demokratie besser vor der eigenen Haustür kehren, gab Präsident Wladmir Putin den USA in einem Interview des US-Senders CBS zu verstehen.

"Die Russen lügen nach Strich und Faden"

Am Sonntag will Putin Bush auf seiner Datscha bei Moskau empfangen, am Vorabend der russischen Feier zum Kriegsende, zu der neben Bush Dutzende Staats- und Regierungschefs anreisen, darunter auch Bundeskanzler Gerhard Schröder. Der litauische Präsident Valdas Adamkus und das estnische Staatsoberhaupt Arnold Rüütel sagten ihr Kommen hingegen schon Anfang März ab. Seitdem ist das politische Moskau verstimmt, sieht die offizielle russische Geschichtsschreibung die Baltenrepubliken von damals doch als freiwillige Mitglieder der Sowjetfamilie.

Lettlands Präsidentin Vaira Vike-Freiberga kommentierte Putin- Äußerungen, in denen er die sowjetische Besetzung des Baltikums nach dem Krieg heruntspielte, mit den Worten, die Russen lögen "nach Strich und Faden." Ihren Gast Bush hingegen ehrte sie nicht nur als "Einzelkämpfer für die Freiheit in der Welt" mit dem höchsten Orden des Landes. In einer ungewöhnlichen Geste kletterte sie bei Bushs Ankunft in Riga sogar an Bord des Präsidentenjets Air Force One, um die Besucher persönlich auf den lettischen Boden zu geleiten.

Baltische Staaten als Vorbilder

So freundlich aufgenommen, badete Bush sichtlich in der Anerkennung und revanchierte sich, in dem er die Balten, mittlerweile in EU und NATO angelangt, als Vorbilder für Staaten wie Weißrussland empfahl. Aber so ganz mochte er Putin, den erklärten strategischen Partner im Kampf gegen den Terror und die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, denn doch nicht verprellen. Im russischen Fernsehen sagte Bush besänftigend, dass auch die Westalliierten eine Mitschuld an der Teilung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg trügen.

Jakob Lemke, Gabriele Chwallek/DPA / DPA