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Libanon: Anschlag mit 300 Kilogramm TNT

Der ehemalige libanesische Ministerpräsident Rafik Hariri ist in Beirut einem Bombenanschlag zum Opfer gefallen, zehn weitere Menschen starben. Hariri war 2004 im Streit mit dem von Syrien geförderten Präsidenten Lahud zurückgetreten.

Bei einem Bombenanschlag in der libanesischen Hauptstadt Beirut ist am Montag der ehemalige Ministerpräsident Rafik Hariri getötet worden. Der Sprengsatz, der nach Angaben aus Sicherheitskreisen mehr als 300 Kilogramm des Sprengstoffs TNT enthielt, explodierte, als der Autokonvoi Hariris am Saint George Hotel an der exklusiven Seepromenade Corniche vorbeifuhr. Als der Konvoi in das Viertel an der Corniche eingefahren sei, seien die installierten Sprengstoffspürgeräte abgeschaltet worden, sagte ein Leibwächter, ohne Gründe zu nennen.

Mindestens zehn weitere Menschen starben, unter den Toten waren Augenzeugen zufolge auch einige Leibwächter Hariris. Nach Angaben eines Feuerwehrmanns sind bei dem Anschlag mindestens 50 Menschen verletzt worden. Den Rettungskräften bot sich ein Bild der Verwüstung: Autos standen in Flammen. Fahrer waren in ihren brennenden Fahrzeugen eingeklemmt.

Schwerster Anschlag seit 1990

Nach der schweren Detonation klaffte ein tiefer Krater in der Straße, die Fassaden der angrenzenden Villen wurden durch die Wucht aufgerissen und die Promenade war übersät mit Trümmern. Selbst Hunderte Meter entfernt gingen Fensterscheiben zu Bruch, die Explosion war auch außerhalb Beiruts zu hören. Der Anschlag war der schwerste in Beirut seit 1991. Damals tötete - ein Jahr nach Ende des jahrelangen Bürgerkriegs - eine Autobombe 16 Menschen. Danach blieb es in der libanesischen Hauptstadt, die einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte, weitgehend ruhig.

Der 60-Jährige war im vergangenen Oktober als Ministerpräsident im Streit mit dem von Syrien unterstützten Präsidenten Emile Lahud zurückgetreten. Auch nach seinem Abtritt behielt der Milliardär aber politischen Einfluss. In jüngster Zeit hatte er sich hinter die Forderung oppositioneller Gruppierungen im Land gestellt, dass Syrien seine Rolle als Ordnungsmacht im Libanon vor den Wahlen im Mai aufgeben müsse. Syrien verurteilte das Attentat: "Syrien betrachtet diesen Anschlag als Tat von Terroristen, ein Verbrechen, mit dem der Libanon destabilisiert werden soll", sagte der syrische Informationsminister Mahdi Dachl-Allah.

Auch Syriens Präsident Baschar al-Assad hat den verheerenden Bombenanschlag scharf verurteilt. Assad sprach nach Angaben der Nachrichtenagentur SANA am Montag von einem "furchtbaren Verbrechen". Syrien stehe in dieser "gefährlichen Situation brüderlich" zu Libanon. Er rief die Libanesen dazu auf, zusammenzustehen und sich allen entgegenzustellen, "die Unruhe stiften und das Volk entzweien wollten".

Symbolfigur des libanesischen Wiederaufbaus

Ex-Premier Hariri hat die libanesische Politik nach dem Bürgerkrieg (1975-90) geprägt wie kein zweiter Politiker. Der 1944 geborene Sohn einer sunnitischen Bauernfamilie hatte es in den 70er Jahren mit einer eigenen Baufirma in Saudi- Arabien zu großem Reichtum gebracht. Später baute er ein Firmenimperium auf, zu dem auch Rundfunkstationen, Hotels und Banken gehören. Als er 1992 vom damaligen Präsidenten Elias Hrawi zum ersten Mal mit der Regierungsbildung beauftragt wurde, genoss er in Libanon wegen seiner Vermittlung bei der Beendigung des Bürgerkrieges und wegen seiner wohltätigen Stiftungen bereits hohes Ansehen.

Zu seinen Verdiensten gehören vor allem der Aufbau der im Krieg zerstörten Innenstadt von Beirut sowie die Stabilisierung der libanesischen Währung. Seinem ersten Kabinett gehörten überwiegend Experten an. Linke Politiker warfen Hariri jedoch vor, er vernachlässige die Staatswirtschaft und habe kein Ohr für soziale Fragen. Außerdem hätten er und seine Clique bei Infrastruktur- und Immobilienprojekten kräftig mitverdient. Eine langjährige Freundschaft verband Hariri, der zu den hundert reichsten Männern der Welt zählte, mit dem französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac und mit Saudi-Arabiens König Fahd.

Hariri gelang es mehrfach, seinen politischen Spielraum durch Rücktrittsdrohungen zu vergrößern. Nach einer Auszeit von zwei Jahren, in denen der von Präsident Emile Lahoud gestützte Salim Hoss die Regierungsgeschäfte mit wenig Erfolg führte, gelang Hariri im Jahr 2000 ein politisches Comeback. Im vergangenen Oktober trat er schließlich von seinem Posten zurück, nachdem die Amtszeit seines Rivalen Lahoud mit syrischer Hilfe verlängert worden war. Syrien tritt seit dem 1989 geschlossenen libanesischen Friedensabkommen von Taif (Saudi-Arabien) als Schutzmacht in Libanon auf. Eine Rückkehr Hariris auf die politische Bühne nach der für Mai geplanten Parlamentswahl galt jedoch nicht als ausgeschlossen.

Nach dem langjährigen Bürgerkrieg galt der östliche Mittelmeerstaat Libanon als einigermaßen sicher. Grundlage für die Normalisierung der Verhältnisse war eine unter syrischer Vermittlung zu Stande gekommene Einigung auf ein religiöses Proporzsystem, das die Macht nach konfessionellen Gesichtspunkten neu aufteilte. Die seit damals im Land stationierte "Friedenstruppe" der Syrer verhinderte neue Auseinandersetzungen zwischen den Bürgerkriegsparteien.

Multi-religiöse Staatsspitze

Hauptstadt des kleinen Landes ist Beirut. Mit etwa 10.500 Quadratkilometern ist der Libanon nur etwa halb so groß wie Sachsen- Anhalt. Im Süden grenzt Libanon an Israel, im Osten an Syrien. Es gibt 18 anerkannte Religionsgemeinschaften. Etwa 60 Prozent der etwa 3,78 Millionen Einwohner sind Muslime, wobei die Schiiten die größte Gruppierung stellen. Unter den rund 40 Prozent Christen dominieren die Maroniten. Nach der Friedensregelung ist der Staatspräsident immer Maronit, der Ministerpräsident Sunnit, der Parlamentspräsident Schiit.

Trotz aller Fortschritte nach Kriegsende ist die Lage in der einstigen "Schweiz des Nahen Ostens" schwierig geblieben. Besonders im Süden leben große Teile der meist schiitischen Bevölkerung in großer Armut. Ein Problem sind auch die bis zu 400.000 palästinensischen Flüchtlinge, die in großen Lagern leben. Um das Gleichgewicht im Lande nicht zu stören, lehnen die Libanesen deren Integration ab.

AP/DPA/Reuters / AP / DPA / Reuters