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Ägäis Luftkämpfe und gerammte Schiffe - steckt Erdogan das Mittelmeer in Brand?

Griechenland beklagt aggressive Manöver der türkischen Luftwaffe.
Griechenland beklagt aggressive Manöver der türkischen Luftwaffe.
© Türkische Luftwaffe Handout
Erdogan wettert gegen den Westen und unterdrückt Presse und Opposition. Er marschierte ins Nachbarland Syrien ein, um dort die Kurden zu unterwerfen. Nun legt sich der unberechenbare Autokrat auch noch mit dem Nachbarn Griechenland an.

Nach dem gescheiterten Militär-Putsch in der Türkei regiert Erdogan zusehends autokratisch. Im Inneren werden Opposition und Presse verfolgt, nach Außen setzt Erdogan auf militärische Stärke. 

Der Einmarsch türkischer Truppen und verbündeter Truppen in Syrien, sorgte für Entsetzten. Weniger weil die Souveränität des Nachbarn Syriens verletzt wird, sondern vor allem, weil die Truppen Erdogans nicht gegen den IS oder Anhänger Assads kämpfen, sondern gegen kurdische Milizen. Und diese Milizen waren die liebsten Verbündeten des Westens im Kampf gegen den IS, mit der erwünschten Nebenwirkung, dass die Kurden große Gebiete besetzten, in die Machthaber Assad heute nicht so leicht zurückkehren kann.

Historische Spannungen

Doch zumindest ebenso bedrohlich sind die wachsenden Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei. Die Konflikte zwischen den Nachbarn haben eine lange Tradition, sie gehen auf die militärischen Auseinandersetzungen beim Zusammenbruch des Osmanischen Reiches zurück. Damals gelang es dem türkischen Militär unter Mustafa Kemal Pascha, besser bekannt als Atatürk, ausländische Interventionsmächte abzuwehren und den territorialen Bestand der heutigen Türkei zu sichern. Doch auf dem Meer endeten die Möglichkeiten der Türken damals. Als Folge kamen fast alle Inseln vor der türkischen Küste zu Griechenland.
Eine Demütigung, mit der sich türkische Nationalisten noch nie abgefunden haben. Sie und auch Erdogans Minister sprechen von den "besetzten" Inseln in der Ägäis.

Die Spannungen sind also nicht überraschend. Sie waren auch die Grundlage für den Verkauf gebrauchter Leopard II Panzer an beide Seite. So kam es zu der Absurdität, dass das kleine, hoch verschuldete und gebirgige Griechenland sich einer der größten Panzertruppen Europas leistete.

Neuer Schub aggressiver Rhetorik

Nach dem Putsch in der Türkei und mit einem zusehends aggressiver auftretenden Präsidenten besteht die Gefahr, dass der schwelende Konflikt der Nachbarn in einen offenen Brand übergeht. "Erdogans Rhetorik und Taten haben ein höchst unsicheres Umfeld geschaffen. Wir haben in unserer Region in der jüngeren Geschichte nichts Vergleichbares gesehen", sagte Nikolas Katsimpras, Professor an der New Yorker Columbia Universität, dem "Standard" aus Österreich.

Wie tief das Misstrauen zwischen den Ländern sitzt, erkennt man am Schicksal von zwei griechischen Grenzsoldaten. Sie sind Anfang März bei schlechtem Wetter auf türkisches Gebiet geraten. Unter zwei NATO-Partnern sollte das kein großes Problem darstellen, doch die Türkei setzte die beiden fest. Alle Versuche sie freizubekommen, sind bislang fehlgeschlagen.

Hinzu kommt der Dauerkonflikt um die Insel Zypern. Im Jahr 1974 besetzte türkisches Militär den Nordteil der Insel. Ankara installierte dort die türkische Republik Nordzypern, ein Gebilde, das nur von der Türkei als Staat anerkannt wird. Nun versuchten türkische Kriegsschiffe, die Erschließung von Bodenschätzen bei Zypern zu verhindern. Zwei unbewohnte Inseln werden dort von beiden Staaten beansprucht. Diese Felsspitzen sind selbst ohne Wert, aber sie beeinflussen den Verlauf von Hoheitsgebieten und Wirtschaftszonen. Im Februar wollten türkische Schiffe ein Bohrschiff des italienischen Mineralölkonzerns Eni versenken, dabei rammte ein türkisches Patrouillenboot mit voller Wucht ein Schiff der griechischen Küstenwache. Ein anderes Boot feuerte mit scharfer Munition.

"Dog Fights" im Mittelmeer

Wegen der umstrittenen Grenzverläufe kommt es auch regelmäßig zu Konfrontationen in der Luft. Meist dringen türkische Jets in Gebiete ein, die Griechenland beansprucht. Ankara wird die Hoheitsfrage allerdings anders beantworten. Gemessen am Durchschnitt der Zeit nach 2010 nahmen Luftraumverletzungen im vergangenen Jahr um 200 Prozent und Vorfälle auf See sogar um 600 Prozent zu, so der griechische Generalstab. Das berichtet der "Standard". Die griechische Seite spricht von "Dog Fights" – das ist der internationale Begriff für Luftkämpfe mit Sichtkontakt auf engem Raum. Da nicht geschossen wird, ist der Begriff in diesem Fall etwas martialisch.

Aber offenbar geht es zwischen Griechen und Türken noch aggressiver zu, als zwischen Russen und US-Amerikanern. Die Piloten der Großmächte begleiten sich letztlich nur, wobei die jeweiligen Jäger den dicken Brummern der Gegenseite - Aufklärern oder Bombern - gefährlich nahe kommen. Im Mittelmeer besteht die Gefahr, dass ein einzelner Pilot eventuell nicht im letzten Moment ausweicht. Viele Griechen fürchten nun, so berichtet der "Standard" dass die Türkei die Situation weiter eskalieren wird und eine Änderung des Status quo mit militärischen Mitteln herbeiführen könnte. Eine große Invasion wie 1974 in Zypern gilt als unrealistisch, denkbar wäre es aber, dass die Türkei eine kleinere, kaum bewohnte Insel besetzen könnte.
 


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