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Deutscher kämpfte mit Kurden gegen IS : "Ich wünschte, ich wäre im Moment in Afrin"

Christian Haller glaubt, wer Unschuldige tötet, verdient es, nicht zu leben. Deshalb kämpfte er mit den Kurden gegen den Islamischen Staat. Nun feuert die Türkei auf seine Kameraden von damals. Und Haller sitzt zu Hause in Deutschland und verzweifelt an der Welt.

Christian Haller hat zwei Mal mit den Kurden in Syrien gekämpft: "Ich wünschte, ich wäre gerade in Afrin."

Christian Haller hat zwei Mal mit den Kurden in Syrien gekämpft: "Ich wünschte, ich wäre gerade in Afrin."

In einem Sommer, in dem tagsüber Job und Berlin nervten, abends im Fernseher die Bomben auf Manbidsch flogen und nachts die Albträume zu ihm ins Bett krochen, beschloss Christian Haller: Er muss zurück in den Krieg. Haller war schon einmal in Syrien. Das war 2014/2015. Knapp acht Monate kämpfte er an der Seite der Kurdenmiliz YPG gegen den Islamischen Staat. Danach schrieb er ein Buch. "Sie nannten mich Held" erschien im November 2015. Kurzfassung: Total normaler Typ aus der Eifel, mit toller Freundin und gutem Job, schmeißt hin und zieht in den Krieg.

In den folgenden Monaten sprach Haller viel mit Medien. Er sprach über seinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, davon, wie er einst einem homosexuellen Freund zur Seite gesprungen war, als ihn Neonazis verprügeln wollten und dass er dafür nun eine Titanplatte im Schädel trage - Stichwort: zertrümmertes Jochbein. Er erzählte von Solidarität und Kameradschaft, von syrischen Nächten am Lagerfeuer und dem süßen, starken Tee, den sie dort tranken. Er sagte, ja, er könne auch gut schlafen und dass ihn das selbst etwas wundere. Und am Ende sagte er dann: Krieg mache keine Helden, Krieg sei beschissen. Warme Kinderkleidung helfe den Kurden mehr als töten. Nur vom Töten sprach er nie.

Ein Jahr nachdem er das alles gesagt und nicht gesagt hatte, machte Haller nachts plötzlich kein Auge mehr zu. Das Buch lief nicht. Das mit den Frauen lief nicht. Berlin gefiel nicht. Haller war einsam. Haller war besessen. Von Nachrichten und News und Informationsfetzen aus Syrien - und auf allen Kanälen starben Kameraden.

Also warf Haller seinen Pass mit dem roten Stempel darin weg. Das vierzehntägige Touristenvisum für den Irak hatte er bei seiner ersten Ausreise um Monate überzogen. Er holte sich neue Papiere, "systematisch kontrolliert wird da eh nicht", dann zog er los, wieder nach , wieder gegen den IS. November 2016. Noch mal da runter, 'nen Abschluss finden. "Meine zweite Tour", sagt er, und es klingt nach Mountainbike-Ausflug und kleinem Abenteuer. Christian Haller nennt so seinen freiwilligen Abstecher in den Krieg.

"Das, was die Türkei in Syrien macht, ist unter aller Sau"

Seit August ist Haller zum zweiten Mal zurück in Deutschland. Er, 33 Jahre alt, wohnt jetzt im Südwesten der Republik, er hat eine neue Arbeit, er hat eine neue Frau kennengelernt. Seit seinem Buch wollte er nicht mehr mit der Presse sprechen, er habe schlechte Erfahrungen gemacht, viele Journalisten hätten seine Zeit verschwendet, sagt er. Heute will Christian Haller reden. Seit 20. Januar feuert die Türkei auf YPG-Stellungen in Nordsyrien. Erdogan sagt dazu: "Diese Terrorarmee erdrosseln, bevor sie geboren wird". Christian Haller sagt dazu: "Das, was die Türkei unter Erdogan da unten anstellt, ist unter aller Sau." Und der Westen, ja, der guckt zu!

Christian Haller heißt gar nicht Christian Haller. Den Namen hat er sich vor Jahren ausgedacht, um sich selbst vor dem IS und seine Familie vor der Presse zu schützen. Zuvor hieß Christian Haller auch schon mal Hans Schneider, so hatten ihn die freiwilligen YPG-Kämpfer aus den USA genannt, und so nannte ihn dann auch die "Bild"-Zeitung, der Haller vor drei Jahren sein erstes Interview gab: "Ein Deutscher, ein Schweizer, ein Amerikaner packen aus: Darum kämpfen wir in Syrien gegen den IS". Erster Satz: "Sie wollten nicht zu Hause sitzen, während die Terrormiliz ISIS unschuldige Zivilisten in Syrien ermordet, vergewaltigt und versklavt." Fünf Absätze später, Auftritt Schneider: "Mit denen (dem IS; Anm.d.Red.) kann man nicht reden. […] Man kann sie nur töten, sonst töten sie dich."

Herr Haller, warum sind Sie nach Syrien gegangen?
Ich war nicht besonders politisch interessiert, aber ich habe mich dafür interessiert, was in der Welt abgeht: Konflikte, ihre Entstehung und die Dynamiken der Macht. Den Krieg in Syrien habe ich von Anfang an verfolgt. Religion lehne ich ab, sie ist einfach nur gefährlich für den Menschen. Salafismus ist für mich ekliges Gedankengut, das dazu missbraucht wird, Menschen zu manipulieren und zu unterdrücken, vor allem Frauen und . Ich finde, dagegen sollte man vorgehen.

Hallers Sicht auf die Dinge ist nicht frappierend neu, sondern oft schon gedacht. Natürlich muss man etwas tun gegen den IS, was denn sonst? Doch wenn Christian Haller von "man" spricht, dann meint er nicht "die da oben" oder "die da unten" oder "die da drüben in den ". Christian Haller meint Menschen wie sich. Er meint sich.

Er sei schon immer anders gewesen. Als kleiner Junge sei er gerne alleine im Wald herumgelaufen, Angst kannte er nicht, ein kleiner Einzelkämpfer, mit nur wenigen Freunden, dafür guten. "Ich hab' das meinen Freunden zwar nie so gezeigt", sagt er, "aber innen drin hab' ich schon immer gewusst: Irgendwann musst du 'was Großes machen. Dann musst du einfach mal raus, dann machst du 'was Großes, dann kommst du zurück und machst ein normales Leben."

Syrien war groß.

Christian Haller brach im November 2014 zum ersten Mal nach Syrien auf. Seine erste "Tour" dauerte fast acht Monate.

Christian Haller brach im November 2014 zum ersten Mal nach Syrien auf. Seine erste "Tour" dauerte fast acht Monate.

"Das könnt' ich auch" - "Dann mach doch"

Christian Haller beginnt die Erzählung über seine erste "Tour" mit Ron. Der Ron, ein Biker aus den Niederlanden, habe sich den Peschmerga angeschlossen, hieß es damals im TV, und kämpfe nun gegen den IS. Daraufhin Haller, der damals noch nicht Haller hieß, weil er tagsüber lediglich ein leitender Angestellter in einem Fun-Park in der war und abends auf der heimischen Wohnzimmercouch herumhing, zu seiner Freundin: "Das könnt' ich auch." Daraufhin sie: "Dann mach' doch."

Also hörte sich Haller um. Auf Facebook fand er die Gruppe "Lions of Rojava", die ausländische Freiwillige für kurdische Gruppen im Kampf gegen den IS rekrutierte. Denn kein Mitglied der US-geführten Anti-IS-Koalition - mit Ausnahme der Türkei - wollte Bodentruppen in den Kampf gegen den Islamischen Staat schicken, diese lebensgefährliche Aufgabe übernahm über Jahre die YPG. Dafür bekam sie Anerkennung - und Unterstützung durch Waffen und Luftschläge.

Haller buchte ein Ticket. München, Bayern nach Sulaimaniyya, Kurdistan. Vom Irak aus gelangte er ins Kampfgebiet. Easy. "Dann war ich auch schon in Syrien", sagt er. Wie man eine Kalaschnikow oder ein G3-Gewehr auseinandernimmt und zusammenbaut, hatte er sich vor der Abreise auf Youtube angeschaut.

Fragt man Haller nach seinem Alltag im Krieg, beginnt er beim frühen Aufstehen, das kaum jemand durchgezogen habe, außer er. Dann redet er vom Wäschewaschen, von Unterhaltungen, vom Instandhalten der Waffen und vom Teetrinken. "Und ansonsten, wenn's mal was zu tun gab", gab es da noch den Personenschutz für Generäle und Politiker, die Fronteinsätze und die Dinge, von denen Haller sagt: "Ich hab's gern 'Gestapo-Sachen' genannt." Er beschreibt diese Dinge so: in Dörfer einmarschieren, Verdächtige festnehmen, verhören. Haller sagt "verhören" so, dass man die Anführungszeichen hören kann. Ein Tschetschene habe gerne die "Drecksarbeit" gemacht, "geschlagen eben", erklärt Haller auf Nachfrage. "Oder je nachdem, was die ausgefressen hatten, wurden sie auch härter drangenommen." Irgendwann sagt Haller auch: "Ich habe natürlich Sachen gesehen, die mich haben zweifeln lassen."

Was für Sachen?
Kriegsverbrechen. Nicht-Einhaltung der Genfer Konvention. Misshandlung von Gefangenen und Verdächtigen.

Durch die YPG?
Selbstverständlich. Das ist 'n brutaler Krieg. Egal, wie sich die einzelnen Fraktionen nach außen darstellen: Die haben alle Blut an den Händen. Ob es die Kurden sind oder die arabischen Milizen, Al-Qaida, Al-Nusra oder der IS. Syrische Armee, russische Armee, US-Armee. Alle.

Christian Haller: Das Zusammenbauen der Waffen lernte er auf Youtube

Christian Haller: Das Zusammenbauen der Waffen lernte er vorab auf Youtube


In diesen brutalen Krieg zog Haller, der nie bei der Bundeswehr gewesen war, zwei Mal aus freien Stücken. Als Deutschland im Spätsommer 2014 beschloss, im Kampf gegen den IS Waffen und Ausrüstung an die kurdischen Kämpfer der Peschmerga im Nordirak zu liefern, habe er das "schon toll" gefunden, erinnert er sich. "Schon toll" aber reichte ihm am Ende nicht, "schon toll" wurde am Ende zu: zu wenig, zu lasch, zu feige. Als Deutschland im Winter 2015 beschloss, in der Anti-IS-Koalition Aufklärungsflüge über Syrien zu starten, war Haller längst dort gewesen und hatte gefeuert. Bei seiner ersten "Tour" blieb er acht Monate, beim zweiten Mal waren es zehn. Es seien schon viele Deutsche da unten gewesen, "die meisten Deutschen, die dort hingehen, sind aus dem linken Spektrum, auch viele Linksextreme, viele von denen gehen direkt zur PKK und lassen sich dort ausbilden", sagt er, und "viele von uns sind da runtergegangen, weil die YPG die Möglichkeit bat, gegen die Feinde zu kämpfen". Haller sagt nicht "Syrien". Er sagt "da unten".

Dass die Kurdenmiliz YPG selbst im berechtigten Verdacht stand, Kindersoldaten an die Front zu schicken und ethnische Säuberungen durchzuführen, das habe er vor seiner Abreise nicht gewusst und nach seiner Ankunft habe er es akzeptiert. Er habe das nicht zu verantworten, sagte sich Haller in solchen Momenten, er kämpfe gegen den Feind IS, sagte er sich, und in der YPG, mit der er gegen den Feind kämpfte, gebe es sehr viele, sehr gute Menschen. Schlimm sei nur die Führung. Ob in Armee oder Unternehmen, sagt Haller, es ist doch immer die Führung.

Waren Sie sich immer sicher, für die richtige Sache einzustehen?
Gegen den IS, gegen Barbaren, die die Menschenrechte ablehnen, zu kämpfen, ist immer die richtige Sache. Bertolt Brecht hat 'mal die Frage gestellt, ob es einen gerechten Krieg gibt. Den gibt es in dem Sinne nicht. Aber: Jeder hat das Recht, sich zu verteidigen, um sich das wiederzuholen, was ihm genommen wurde. Das haben die Kurden ja gemacht.

Sie sind kein Kurde. Sie stammen aus Deutschland. Ihnen wurde nichts genommen.
Nö. Aber das ist mein Gerechtigkeitssinn. Ich habe ein hohes Maß an Zivilcourage.

In seinem zweiten Sommer "da unten" hielt es Christian Haller dann plötzlich nicht mehr länger aus. Er habe schreckliche Dinge gesehen, sagt er heute, ohne näher darauf einzugehen, was er damit meint. Er sagt, Werte und Moral hätten ihn eingeholt. Und er erinnert sich, wie er zu sich selbst gesagt habe: "Wenn du jetzt hier bleibst, kannst du dir vielleicht nie wieder in die Augen sehen." Also packte Haller seine Sachen und ging.

Im August 2017 stieg er in Frankfurt aus dem Flugzeug. Ihn empfing die Polizei. 


"Die Vorwürfe sind haltlos", sagt Haller, sechs Monate nachdem ihn Beamte am Flughafen aufhielten und ihm sein Handy und andere elektronische Geräte wegnahmen. "Für deutsche Juristen ist YPG gleich PKK", sagt er, aber er sei nun mal bei keiner Terrororganisation gewesen, zur PKK wäre er doch nie gegangen. Er erklärt das mit: "Die sind mir zu radikal." Da dürfe man kein Geld haben. Kein Facebook. Keine Beziehung. Haller aber möchte Geld und Facebook und Beziehung. Und Kinder, irgendwann. "Ich fühle mich hier schon wohler als dort unten, wo man die ganze Zeit in den Bergen und vom Minimum lebt. So krass will ich das dann doch nicht machen. Ich könnte es einfach nicht."

Gerechtigkeit ist Ihnen wichtig, sagen Sie. Ist es für Sie in Ordnung, dafür selbst zur Waffe zu greifen und Menschen zu töten?

Eigentlich schon. Bei den Verbrechen, die der Islamischen Staat da unten begangen hat, bin ich der Meinung, dass sie es nicht verdienen auf diesem Planeten zu leben. Und die Strafe dafür ist dann einfach der Tod. Menschenrechte sollten nicht für jene gelten, die diese Menschenrechte ablehnen.

Wegen seiner Taten in Syrien wird gegen Christian Haller ermittelt. Er sagt dazu: "Ich habe niemanden umgebracht - nicht nach dem Sinne des deutschen Gesetzes." Denn es sei etwas Grundverschiedenes, ob man "zu jemandem nach Hause geht und den umbringt" oder ob man "jemanden im Verteidigungsfall tötet". Für Haller ist klar: Er gehört zur zweiten Kategorie. Er ist doch kein Killer.

Christian Haller in Syrien: Ich vermisse meinen Hund. Vollkornbrot. Mein Fitnessstudio.

Christian Haller in Syrien: Was er vermisse? Hund, Vollkornbrot und Fitnessstudio, sagte er 2015 der "Bild"

"Ich wünschte, ich wäre im Moment in Afrin."

Im Winter dieses Jahres nerven Christian Haller keine Stadt, kein Job und keine Frau. Nach seiner zweiten Rückkehr aus Syrien zog er wieder näher an die alte Heimat und siehe da, die Freunde, die wenigen, aber guten von damals, die waren noch immer da. Die Selbstständigkeit tue ihm zudem gut, mit einem Chef, der Mitarbeiter ausbeute und der nur auf Profit schaue, könne er schlicht nichts anfangen. Und die Frau, die er nun kennengelernt habe, nun ja, die sei etwas ganz Besonderes. "Es entwickelt sich zu 'was sehr Schönem", sagt Haller und muss ein wenig lachen.

Christian Haller ist nun fünf Monate zurück in Deutschland. Er sagt, es laufe gut. Nicht alle Tage seien großartig, aber keine Flashbacks, keine Depressionen, keine Anfälle. Professionelle Hilfe bekommt er nicht, Männer seiner Generation machten das mit sich selbst aus. Manchmal, sagt er, berichte er seinen Freunden, was er da unten gemacht habe, wie es da gewesen sei. Richtig verstehen würde das dann niemand. Haller sagt, damit könne er umgehen. Er sei nicht mehr einsam und besessen von Nachrichten, das sei er auch nicht mehr. 'N normales Leben beginnen, eben.

Das, was da unten passiere, interessiere ihn nur noch am Rande. Der Bürgerkrieg, der IS, der Putin, jetzt der "versuchte Genozid an den Kurden", die Politik des Westens, schon wieder passiv, feige, Frieden predigen und Waffen liefern, schon klar, heuchlerisch. Quatsch, wenn jetzt behauptet werde, die Peschmerga gäben keine deutschen Waffen an die YPG weiter. "So ein Milan-Waffensystem verkauft ein Peschmerga-General an die YPG oder die PKK für eine Million Dollar. Das ist der Nahe Osten. Waffen finden immer ihren Weg." Und irgendwann sagt Haller, der im deutschen Bundestag allein die Wagenknecht einigermaßen gut findet: "Wir Freiwilligen dachten wirklich, wir könnten 'was ändern. Quatsch. Wir sind alle nur Spielbälle der großen Machtpolitik." "Da unten", das war für ihn schon lange nicht mehr so weit weg. 

Es kommt etwas unvermittelt, als Christian Haller noch einmal über Erdogan nachdenken muss und dann sagt: "Ich wünschte, ich wäre im Moment in Afrin."

Sie würden nochmal hingehen?

Definitiv. Die Türkei hat Freunde von mir getötet. Die Türkei hat auch schon auf mich geschossen - von daher ein ganz, ganz klarer Feind.

Ist das Ihr Krieg?
Wenn man so einen Gerechtigkeitssinn hat und Dinge wie Extremismus und Islamismus ablehnt, dann ja, irgendwie schon. Überall, wo unschuldige Menschen angegriffen werden, ohne Grund, getötet werden, dann stehen die Männer und Frauen, die stark genug sind zu kämpfen, in der Verantwortung. Ich habe immer gesagt: Die Starken und Reichen haben eine Verantwortung gegenüber den Armen.

Ist das nicht die Aufgabe des souveränen Rechtsstaats?

Ich versuche mich ja auf den Rechtsstaat zu verlassen. Aber der Rechtsstaat hilft nicht immer. Und er ist auch nicht immer gerecht.

Christian Haller muss nicht lange überlegen, bis er ein Beispiel für seine These findet. Er sagt: Der Mann, der ihm damals das Jochbein zertrümmert habe, der sei bis heute nicht bestraft worden. "Nicht wirklich."