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Dennoch zeigt er Größe: Manfred Weber wollte das wichtigste Amt Europas und wurde zum größten Opfer im Postenpoker

Ursula von der Leyen könnte die große Gewinnerin im EU-Postengeschacher werden. Der große Verlierer steht bereits fest. Er heißt Manfred Weber, kommt von der CSU, hat lange vom Posten des Kommissionschefs geträumt – aber musste den Traum jäh begraben.

CSU-Mann Manfred Weber wollte EU-Kommissionschef werden und musste seine Ambitionen letztlich begraben

CSU-Mann Manfred Weber wollte EU-Kommissionschef werden und musste seine Ambitionen letztlich begraben

DPA

Loyal. Das Wort passt wohl am besten zu Manfred Weber. Auch er selbst beschrieb sich am Tag seiner größten und bittersten Niederlage mit diesem Wort. Loyal stehe er zu seiner politischen Familie, sagte der CSU-Mann. Weber zeigt Größe und feiert sein persönliches Scheitern als Erfolg seiner Partei. Dabei hat er allen Grund, enttäuscht, verärgert, ja wütend zu sein.

Weber war als Spitzenkandidat für die Europäische Volkspartei (EVP) in die EU-Wahl gegangen. Er kämpfte persönlich um Wählerstimmen, und zwar so erfolgreich, dass er die EVP am Ende zur stärksten Kraft Europas machte. Als Dank wird das Spitzenkandidatenprinzip ausgehebelt und er kein EU-Kommissionspräsident. Wie von ihm gehofft, wie eigentlich vorgesehen und wie auch von vielen – nicht zuletzt Kanzlerin Angela Merkel – wochenlang beschrien. Dafür soll das Amt aber immerhin eine Christdemokratin bekommen. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sei ein "gutes Ergebnis", findet Weber – zumindest sagt er das. Wenngleich er eingesteht: Es war für ihn persönlich "ein schwieriger Tag".

Manfred Weber: Hier endet meine Reise

Erst am Dienstagnachmittag hatte Weber ganz offiziell seinen Anspruch auf den wichtigsten Posten in der EU aufgegeben. Zuvor hatte es massiven Widerstand gegen ihn in der Runde der Staats- und Regierungschefs Europas gegeben, angeführt von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. "Hier hat meine Reise im letzten September als Spitzenkandidat begonnen, hier endet sie", hatte Weber laut seinem Sprecher in der EVP-Fraktionssitzung in Straßburg gesagt. "Es war mir eine Ehre, diese Aufgabe für die EVP und für Europa zu übernehmen."

Der 46-Jährige galt noch nie als lauter Vertreter seiner Zunft, hatte in den vergangenen Wochen aber mehrfach seinen Anspruch auf den Posten des Kommissionschefs verteidigt und bekräftigt. Vergangenen Herbst hatte er auf einen Einstieg ins Rennen um den CSU-Vorsitz mit Verweis auf seine Europa-Ambitionen verzichtet, obwohl er als einer der wenigen aussichtsreichen möglichen Kontrahenten für Markus Söder gehandelt wurde. "Wenn ein CSU-Politiker die gesamte EVP in die Europawahlen führt und EU-Kommissionspräsident werden kann, ist das für meine Partei eine große Chance", hatte Weber im November gesagt. "Dies eröffnet völlig neue Perspektiven für die CSU."

Scharfe Kritik aus CSU

Dass Weber nun letztlich düpiert und übergangen wurde, sorgte für harsche Kritik von fast allen Seiten, natürlich auch aus der CSU. Der Landtagsabgeordnete Steffen Vogel polterte auf Facebook: "Jetzt langt es! Verteidigungs-Uschi hat so einen tollen Job als Ministerin gemacht, dass sie jetzt Kommissionschefin wird! (...) Ich bin schockiert, fassungslos und traurig." Sein Parteichef Markus Söder sprach sanft zurückhaltender von einer "Niederlage für Europa", die Präsidentin des bayerischen Landtages, Ilse Aigner, von "keinem guten Tag für die Demokratie."

CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer verteidigte den von-der-Leyen-Kompromiss, nannte ihn ein "gutes Signal für die Handlungsfähigkeit in Europa". Weber sprach sie ihre Hochachtung dafür aus, dass er bereit war, seine persönlichen Interessen zurückzustellen im Dienste Europas, im Dienste der EVP, und auch im Dienste Deutschlands".

Trostpreis für den Verlierer

Ein Trostpreis im Postenpoker wurde Weber übrigens bereits zugeteilt. Präsident des Europaparlaments soll er werden. Allerdings nicht sofort und für die vollen fünf Jahre, sondern für zweieinhalb und erst ab dem Jahr 2022. Das Amt soll nach dem Willen der Staats- und Regierungsschef aufgeteilt werden, die erste Hälfte bekommt ein Sozialdemokrat (was der Italiener David-Maria Sassoli wurde), die zweite ein EVP-Politiker, und damit wohl Manfred Weber. Der jedoch bleibt skeptisch. Auf die Frage, ob er dann antreten könnte, sagte Weber: "Nach allem, was ich in den letzten Wochen erlebt habe, wage ich keine Prognose für 2022." 

Quellen: DPA / AFP / Tagesschau