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Massaker in Zentralasien: Lage in Kirgistan eskaliert

Wegen der andauernden Unruhen im Süden von Kirgistan gerät die Lage zunehmend außer Kontrolle. Seit Donnerstag sind bereits 100 Opfer und 1000 Verletzte zu beklagen. Beobachter sprechen von einer humanitären Katastrophe.

Das Hochgebirgsland an der Grenze zu China kommt seit dem Sturz des autoritären Präsidenten Kurmanbek Bakijew Anfang April nicht zur Ruhe. Nach den neuen gewaltsamen ethnischen Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und Usbeken bleibt die Lage unübersichtlich. "Es gibt nichts zu essen, weil die Geschäfte geplündert und gebrandschatzt wurden", berichtet die deutsche Zentralasien-Expertin Andrea Berg. "Seit Beginn der Unruhen am Donnerstag ist auch das Gas abgeschaltet", so die Beobachterin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

Inoffiziellen Angaben zufolge gibt es eine deutlich höhere Anzahl von Toten. "Die gut organisierte usbekische Gemeinschaft berichtet, dass sie 520 Leichen eingesammelt habe. Natürlich muss man mit diesen Zahlen vorsichtig sein", sagte Berg. Tausende Usbeken hätten nach den Angriffen durch betrunkene kirgisische Jugendliche die Flucht in ihr Nachbarland angetreten. "Über die Hintergründe der Ausschreitungen kann ich im Moment wenig sagen. Wegen der seit schon zwei Monaten gespannten Lage im ganzen Land reicht schon ein Funken für eine neue Eskalation."

Die Regierung in Bischkek im Norden des Landes macht die Anhänger des Anfang April gestürzten autoritären Präsidenten Kurmanbek Bakijew für Gewaltexzesse verantwortlich. Die Behörden nennen zudem ethnische Konflikte zwischen Kirgisen und Usbeken als Ursache. "Klar ist im Moment nur, dass die Menschen in größter Panik sind und auf internationale Hilfe hoffen, weil sie ihren örtlichen Behörden nicht mehr vertrauen", sagte Berg.

Die Regierung ordne eine teilweise Mobilmachung in der zentralasiatischen Republik an, um "die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten, das System zu schützen und die Ordnung wieder herzustellen", hieß es in der in der Hauptstadt Bischkek veröffentlichten Erklärung. "Gewalt, Plünderungen und Massaker sind angestiegen."

30 Tote bei Unruhen in kirgisischem Dorf

In einem Dorf im Süden Kirgistans haben Kirgisen etwa 30 Angehörige der usbekischstämmigen Minderheit getötet. Ein Militärsprecher sagte, die blutigen Ausschreitungen hätten sich am Sonntag im Dorf Susak in der Region Dschalal-Abad ereignet. Ein weiteres usbekisches Dorf, Dostuk, sei von kirgisischen Angreifern angezündet worden. Die Menschen flüchteten aus ihren Häusern, nachdem diese von Mitgliedern der kirgisischen Bevölkerungsmehrheit angezündet worden waren. Es handelt sich um die schwersten Ausschreitungen seit dem Sturz von Präsident Kurmanbek Bakijew vor zwei Monaten.

Nach Verhängung des Ausnahmezustandes in Osch und Dschalal-Abad errichtete das Militär zahlreiche Posten mit Soldaten. Tausende usbekische Flüchtlinge versuchten, die Grenze zu ihrem benachbarten Heimatland zu überqueren. Die kirgisische Übergangsregierung bat Russland erneut um militärischen Beistand und Ausrüstung, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Moskau hatte dies am Samstag zunächst abgelehnt. Die Behörden begannen damit, Verletzte aus der Region auszufliegen. Auch in Moskau landete ein Rettungsflugzeug mit Schwerverletzten aus Osch.

Appell von Guido Westerwelle

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) hat sich wegen der fortdauernden Gewalt in der zentralasiatischen Republik "sehr besorgt" geäußert. "Ich richte meinen dringenden Appell an alle Seiten, die Gewalt sofort einzustellen", sagte Westerwelle in einer am Sonntag veröffentlichten Mitteilung des Auswärtigen Amtes. Deutschland, das als einziges EU-Land in dem Nachbarland zu China eine Botschaft unterhält, werde sich für die Ausreise der deutschen und EU-Bürger aus der Konfliktregion einsetzen. In der Stadt Osch sitzen demnach mindestens zwei Deutsche fest. Unter ihnen ist auch die deutsche Zentralasien-Expertin Andrea Berg.

DPA/DAPD/AFP / DPA