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Michail Chodorkowski in Berlin "Das ist ein unglaubliches Gefühl der Freiheit"


Seine Freilassung aus russischer Haft war eine Sensation. In Berlin hat Putin-Gegner Michail Chodorkowski jetzt seinen Sohn und seine Eltern getroffen - und den politischen Kampf wieder aufgenommen.

Der begnadigte und freigelassene Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski hat sich in Berlin nach mehr als zehn Jahren Haft erstmals wieder in Freiheit mit seinen Eltern getroffen. Seine krebskranke Mutter Marina und sein Vater Boris waren am Samstagvormittag in der Hauptstadt gelandet. Zuvor hatte Chodorkowski bereits seinen Sohn Pawel wiedergesehen, der normalerweise in New York lebt. "Der älteste Sohn von Michail Borissowitsch, Pawel, hat seinen Papa schon getroffen. Sie sind jetzt in Berlin zusammen", sagte Chodorkowskis Sprecherin Olga Pispanen dem russischen Rundfunksender Moskauer Echo am Samstagmorgen. Den genauen Zeitpunkt des Wiedersehens nannte sie nicht.

Am Sonntag will sich Chodorkowski an die Weltöffentlichkeit wenden. Der 50-Jährige werde in Berlin eine Pressekonferenz abhalten, kündigte sein Pressebüro in Moskau an.

Von seiner Kreml-kritischen Haltung scheint der ehemalige Öl-Milliardär auch während seiner zehn Jahre dauernden Haft nichts verloren zu haben. Er wolle sich für andere Gefangene in seinem Land einsetzen, kündigte Chodorkowski nach Angaben der regierungskritischen Moskauer Zeitschrift "The New Times", für die er als Autor schreibt, an. "Es gibt noch viel zu tun, die Freilassung der Geiseln, die noch im Gefängnis sind, vor allem Platon Lebedew", sagte der 50-Jährige. Lebedew war Geschäftspartner des einstigen Yukos-Chefs gewesen, und wurde mit ihm in zwei international umstrittenen Verfahren unter anderem wegen Steuerbetrugs verurteilt.

"Freiheit, Freiheit, Freiheit"

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte Chodorkowski am Freitag überraschend aus angeblich humanitären Gründen begnadigt. Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher hatte dabei vermittelt. Chodorkowski geht es Genscher zufolge den Umständen entsprechend gut. "Vor allen Dingen freut er sich darauf, dass er seine Familie nun in wenigen Stunden, wie er hofft, in die Arme schließen kann", sagte der FDP-Politiker, der den Russen am Freitag in Berlin in Empfang genommen hatte, in der ARD.

"Nach zehn Jahren jetzt ist das ein unglaubliches Gefühl der Freiheit", sagte Chodorkowski "The New Times" zufolge in einem kurzen Anruf. Er sei allen dankbar, die geholfen hätten, damit er das Straflager verlassen könne. "Das Wichtigste ist jetzt: Freiheit, Freiheit, Freiheit."

Genscher zog schon länger die Strippen

Chodorkowski war bei seiner Freilassung wohl davon ausgegangen, dass seine Mutter in Berlin sei. Die russische Strafvollzugsbehörde teilte mit, Chodorkowski habe um die Ausreise nach Deutschland gebeten, weil dort seine krebskranke Mutter behandelt werde. Nachdem er das Straflager verlassen konnte, flog er sofort nach Berlin - in einem Firmenflugzeug, das Genscher organisiert hatte. Tatsächlich war Marina Chodorkowskaja jedoch längst nach Russland zurückgekehrt.

Genscher hatte sich hinter den Kulissen schon länger um die Freilassung Chodorkowskis bemüht und dazu nach eigenen Angaben auch zweimal Putin zu Gesprächen getroffen. Das Gnadengesuch Chodorkowskis habe er mit einem eigenen Brief weitergereicht, sagte der ehemalige Außenminister.

Ex-Justizministerin fordert Bleiberecht

Über die weiteren Pläne Chodorkowskis verlautete nichts. Menschenrechtler haben dem einst reichsten Mann Russlands bereits eine führende Rolle beim Aufbau der Zivilgesellschaft in seiner Heimat angeboten. Ob und wann er nach Russland zurückkehrt, ist aber bislang offen. In Berlin stieg er zunächst im Hotel "Adlon" ab.

Die frühere Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) fordert ein dauerhaftes Bleiberecht für Chodorkowski in Deutschland. Wenn er dies wolle, sollte die Bundesregierung ihm einen Aufenthalt ermöglichen, sagte sie der "Passauer Neuen Presse". Sie schlug eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis oder politisches Asyl für Chodorkowski vor.

Der ukrainische Oppositionspolitiker Vitali Klitschko forderte den Präsidenten seines Landes, Viktor Janukowitsch, in der "Bild"-Zeitung auf, Putins Beispiel zu folgen und die Begnadigung der inhaftierten ehemaligen Regierungschefin Julia Timoschenko zu erwirken.

mad/AFP/DPA/Reuters DPA Reuters

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