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stern-Reportage

US-Zwischenwahlen: Zerbricht Amerika am Hass, den Trump sät? Einblicke in ein aufgeheiztes Land

Donald Trump hetzt gegen Einwanderer und Gegner. Er verprellt Frauen und die Opposition. Bei der anstehenden Wahl geht es nicht allein um Sitze im Kongress - es geht darum, ob die Amerikaner ihn weiter gewähren lassen.

Midterm-Wahlen: Erbitterter Wahlkampf in den USA – stern-Reporter unterwegs in einem zerrissenen Land

Als Mikie Sherrill erst von den Bomben hört und ein paar Tage später von dem kaltblütigen Mord an elf Juden in der Synagoge in Pittsburgh, ist sie erschüttert. Sie muss innehalten. Kein Wahlkampf, nicht jetzt, nicht in dieser aufgeheizten Situation, in der sich ihr Land befindet. Seit Monaten ist die demokratische Kongresskandidatin im 11. Wahlkreis in New Jersey unterwegs, klingelt an Haustüren, verteilt Flugblätter, schüttelt Hände, hält Reden. Sie will einen Abgeordnetensitz im Repräsentantenhaus in Washington erobern. Sie will, dass ihre Partei dort die Mehrheit gewinnt. Sie will, dass Donald Trump endlich verliert. Aber jetzt muss sie erst einmal zur Ruhe kommen.

Im Irak-Krieg ihr Leben riskiert

Mikie Sherrill hat das Gefühl, dass in ihrer einst so stolzen Nation, für die sie während des Irak-Krieges als Hubschrauberpilotin ihr Leben riskierte, dass in diesen Vereinigten Staaten etwas zerbrochen ist in diesen Tagen. Sie greift nach ihrem Handy und schreibt ihren Anhängern eine Botschaft: "Wir müssen als Land zusammenkommen."

Das Land kommt nur nicht zur Ruhe und schon gar nicht zusammen, nicht einmal in der Trauer über elf tote Amerikaner jüdischen Glaubens, erschossen am Sonnabendvormittag mitten im Gottesdienst der "Tree of Life"-Synagoge in Pittsburgh im Bundesstaat Pennsylvania. "Alle Juden müssen sterben!", hatte der weiße, allem Anschein nach rechtsradikale Täter gerufen und wahllos in die betende Menge geschossen.

Donald Trump macht Wahlkampf mit Angst

Es war der tödlichste Angriff auf eine jüdische Gemeinde in der Geschichte der USA, verübt von einem Rassisten, der auf der Internetplattform Gab, einer Art "Twitter für Rassisten" , antisemitische Beiträge am laufenden Band veröffentlicht hat. Er leugnete den Holocaust und warf den "dreckigen, teuflischen Juden" vor, die "dreckigen, teuflischen Muslime" ins Land zu lassen.

Dies müsste die Stunde des Präsidenten sein. Er sollte das Land in seiner Trauer vereinen, er sollte Trost spenden und Wunden heilen. Er müsste innehalten und die gesellschaftlichen Lager, die in Hass aufeinander gefangen sind, zur Besinnung aufrufen. Was jedoch macht Donald Trump? Wahlkampf!

Soll er sich im Ton mäßigen? Nein!

Zunächst hatte er das Verbrechen noch als "absolut böse" verurteilt, die Amerikaner zu Einigkeit gemahnt und bewaffnetes Sicherheitspersonal bei Gottesdiensten gefordert. Er versprach, nach Pittsburgh zu fahren, irgendwann. Doch nur Stunden später stand er schon wieder vor seinen Anhängern auf einer Wahlkampfveranstaltung in Murphysboro, Illinois. Die Menge johlte, wie immer. Er tat kurz so, als sei jetzt alles anders. "Wenn ihr nichts dagegen habt, werde ich mich in meinem Ton mäßigen, nur ein kleines bisschen", sagte er. "Ist das okay?" - "Nein", schrie es aus Tausenden Kehlen zurück.

Er ließ es genussvoll geschehen

Und Trump gab seinen Leuten, wonach sie verlangten. Er bezeichnete sich selbst als "größten Konservativen aller Zeiten" und verspottete gemäßigte Republikaner als "Loser". Er attackierte Demokraten und Medien für deren "Hass", nannte sie "törichte und sehr dumme Leute". Als er Hillary Clinton erwähnte, brüllte die Menge, wie schon so oft auf seinen Wahlveranstaltungen zuvor, "Sperrt sie ein!". Der Präsident ließ es genussvoll geschehen.

Hasserfüllte 72 Stunden

Die USA hatten gerade gewalttätige, hasserfüllte 72 Stunden hinter sich, wie sie das an Gewalt nicht arme Land nicht oft erlebt. Begonnen hatte es am Mittwoch, als ein Weißer in und vor einem Supermarkt in Kentucky gezielt zwei Schwarze erschoss. Vorher hatte er vergebens versucht, in eine von Schwarzen besuchte Kirche einzudringen. Am Donnerstag wurde bekannt, dass ein fanatischer Trump-Anhänger aus Florida Briefbomben an prominente Demokraten wie Obama, die Clintons und Robert De Niro verschickt hatte. Und dann kam am Sonnabend Pittsburgh, die grausamen Morde in der Synagoge.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Hass in pure Gewalt umschlug. Viele Amerikaner sehen die Taten als Sinnbild eines vergifteten Wahlkampfs, der das Land an den moralischen Abgrund treibt.

Der bekannte "New York Times"-Kolumnist Thomas L. Friedman sieht die Vereinigten Staaten gar auf einen "zweiten amerikanischen Bürgerkrieg" zusteuern, wenn sich die Gesellschaft nicht endlich besinne. Er sei mit wütenden Straßenkämpfen für Bürgerrechte und gegen den Vietnamkrieg aufgewachsen, sagt Friedman. Die Lage heute sei jedoch schlimmer: "Wir finden keine gemeinsame Basis mehr, uns respektvoll zu streiten. Die andere Seite ist ‚der Feind‘."

Geschrieben hatte er das vor den Gewalttaten. Hinterher sagte er, es sei genau das eingetreten, wovor er Angst gehabt habe. Das Fundament der amerikanischen Demokratie werde zertrümmert.

Mittlerweile glauben 84 Prozent der Amerikaner, ihr Land sei in den wesentlichen Fragen tief gespalten. Und 77 Prozent geben an, mit dem Zustand der Politik unzufrieden zu sein. An der Spitze ihres Landes steht ein Präsident, der seit seinem Amtsantritt mehr als 5000 Lügen verbreitet hat, wie Fact-Checker minutiös dokumentiert haben. Ein Präsident, der pöbelt, jeden Tag auf Twitter seine Gegner diffamiert, der die Realität verdreht und Verschwörungstheorien verbreitet. Der das gesellschaftliche Klima von Misstrauen, Hass und Gewalt wie kein anderer prägt.

Gleichgültigkeit, Niedertracht, Lüge

Gefragt, ob er für die Tat mit den Briefbomben irgendeine Art von Verantwortung trage, antwortete der Präsident nur: "Nein, überhaupt nicht." Und fügte hinzu: "Der Mann war kein Unterstützer von mir." Typisch Trump: Gleichgültigkeit, Niedertracht, Lüge.

Es mag schwer sein, die genauen Motive eines Täters zu ergründen und ob eine gesellschaftliche Stimmung die Tat eines Einzelnen provozieren kann. Cesar Sayoc war offenbar ein psychisch labiler Außenseiter, hatte kaum soziale Kontakte, war aggressiv und vorbestraft. Aber dass er auch ein fanatischer Hardcore-Fan des Präsidenten war, lässt sich nicht leugnen. Sein weißer Lieferwagen ist übersät mit Trump-Aufklebern, gleich daneben Bilder von Hillary Clinton, Barack Obama, beide mit einem Fadenkreuz im Gesicht. Sein mutmaßlicher Twitter-Account war nicht nur voll mit Hassbotschaften und Verschwörungstheorien, sondern auch mit Geburtstagsgrüßen an "den größten Präsidenten aller Zeiten Trump - Trump - Trump".

Verbrechen zum falschen Zeitpunkt

Für Trump kommen diese Verbrechen, so zynisch sieht er es, einfach zum falschen Zeitpunkt. Er wirft den Medien vor, schuld an dem aufgeheizten gesellschaftlichen Klima zu sein. Er beschuldigt sie, nicht mehr über die wirklichen Probleme zu berichten, wie etwa die "Karawane", den Fußmarsch verzweifelter Flüchtlinge aus Honduras und Guatemala, die, Hunderte Kilometer von der amerikanischen Südgrenze entfernt, durch Mexiko ziehen.

Trump sieht in diesen Menschen eine existenzielle Bedrohung für sein Land. Die "Sache mit der 'Bombe‘'", schrieb er auf Twitter und setzte das Wort Bombe in Anführungszeichen, nehme der Kampagne der Republikaner vor den Kongresswahlen den Schwung: "Sehr unglücklich, was da gerade passiert." Unglücklich.

Schon wenige Stunden nachdem die demokratische Kandidatin Mikie Sherrill sich gewünscht hatte, das Land möge zusammenkommen, hatte Donald Trump jede Hoffnung darauf zerstört.

Frauen-Power: Sie sind zu einer Wahlveranstaltung von Mikie Sherrill gekommen. Frauen sind die Hoffnung der Demokraten

Frauen-Power: Sie sind zu einer Wahlveranstaltung von Mikie Sherrill gekommen. Frauen sind die Hoffnung der Demokraten

stern

Der erste Wahlkampf für viele Sherrill steht mit einem Donut in der Hand in ihrem Wahlkampfbus in einem gepflegten Vorgarten in West Orange, New Jersey. Die Menschen hier besitzen große Autos und Garagen mit den Ausmaßen von Einfamilienhäusern. Sie leben in Suburbia, diesem Abziehbild des amerikanischen Traums. Sie sind Facharbeiter, Ingenieure, Selbstständige, Hausfrauen, die Mittelschicht, von der so viel abhängt in diesen Wochen. Für Mikie Sherrill. Für die USA.

Um Mikie Sherrill herum haben sich viele Frauen und ein paar Männer versammelt, sie ziehen heute für die Kongresskandidatin von Haus zu Haus.

Sie ruft ihnen zu: "Das hier ist der Schlachtfeld-Wahlkreis im Schlachtfeld-Staat in der Schlacht unseres Lebens. Dies ist die Frontlinie. Hier geht es nicht nur um die Zukunft unseres Bezirks, sondern auch um die Zukunft unseres Landes."

Rettung der Demokratie vor Donald Trump

Viele hier machen das erste Mal Wahlkampf. Die meisten hielten Kongresswahlen bisher für nebensächlich. Sie kannten nicht mal den Namen des demokratischen Kandidaten. Heute jedoch ist alles anders. Alle hier sind davon überzeugt, dass diese Wahlen am 6. November alles entscheiden werden. Jetzt umso mehr.

Es geht, so sagen sie, um nichts weniger als die Rettung der amerikanischen Demokratie vor Donald Trump.

Die Kongresswahlen sind der Urnengang zwischen zwei Präsidentschaftswahlen. Traditionell schenken die Amerikaner diesen Wahlen wenig Beachtung. Im Trump-Zeitalter gelten sie plötzlich als entscheidender Feldzug um die Macht im Land für die nächsten Jahre. "Diese Wahl ist wichtiger als alle anderen in meinem Leben", sagt Obama. Über das Land habe sich eine "politische Dunkelheit" gelegt.

Trump oder Sozialismus. Demokraten oder Untergang. So lässt sich die amerikanische Gefühlslage zusammenfassen. Die einen lieben Trump, die anderen hassen ihn. Dazwischen gibt es nicht mehr viel.

Den größten Anteil daran hat der Präsident selbst. "Der Briefbombenbastler, der Schütze in der Synagoge und der Rassist, der vor einem Jahr die Frau in Charlottesville überfuhr, sie alle haben nicht nur Trumps Zustimmung gesucht. Seine Rolle war es, den Ton zu setzen", schrieb die "Washington Post". "Ihre Rolle war es, den Rest zu erledigen."

Und wie Donald Trump den Ton setzt. Gerade in diesen Wahlkampfwochen ist der Präsident wie entfesselt. Er peitscht in seinen riesigen Wahlveranstaltungen seine Anhänger auf. Die Demokraten? Ein "wütender, linker Mob" , die "Partei des Verbrechens" . Der Widerstand gegen den konservativen Richter Brett Kavanaugh, die #MeToo-Bewegung? Eine "Schande für unser Land".

Trump schreckt nicht einmal davor zurück, klassische antisemitische Verschwörungstheorien zu verbreiten. Er behauptete, die Demonstranten gegen die Berufung Kavanaughs an das Oberste Gericht seien vom amerikanischen Milliardär George Soros, einem Juden, bezahlt worden. Er twitterte ein Foto von Hillary Clinton, daneben stand: "Korrupteste Kandidatin aller Zeiten!" Im Hintergrund ein Symbol, das anmutete wie ein Davidstern.

Der Präsident ist "kein Antisemit"

Trump hat so viel über Juden gesagt, dass sein jüdischer Schwiegersohn ihn öffentlich verteidigen musste. Der Präsident sei "kein Antisemit", sagte Kushner.

Im Jahr 2017, dem ersten Amtsjahr von Trump, stieg die Anzahl der antisemitischen Angriffe um 60 Prozent.

Der Antisemitismus steckt mittlerweile auch tief in der Republikanischen Partei. Der republikanische Mehrheitsführer im Kongress, Kevin McCarthy, schrieb auf Twitter, reiche jüdische Demokraten, unter ihnen George Soros, würden die Kongresswahlen für ihre Partei kaufen. Und löschte den Tweet, als kurz danach an Soros eine Briefbombe geschickt wurde.

Rechte Verschwörungstheoretiker machen ohnehin Soros für alles Mögliche verantwortlich. Durch Trump finden diese Verschwörungstheorien Einzug in den konservativen Mainstream. Ein republikanischer Abgeordneter verschickte vor Kurzem auf Twitter ein Video, in dem behauptet wurde, Soros und seine Helfer würden zwei Frauen und ihren Kindern Geld geben, damit sie sich der Karawane durch Mexiko anschließen und die US-Grenze stürmen. Trump teilte dieses Video auf seinem Twitter-Account. Er hat über 55 Millionen Follower.

Das Land kann sich nicht mal mehr darauf einigen, was Wahrheit und was Lüge ist. Ohne Wahrheit jedoch gibt es keine politische Debatte mehr. Und ohne politische Debatte keine Demokratie.

Die Demokraten setzen auf Frauen

Die Hoffnung des liberalen Amerika sind die Frauen. 63 Prozent von ihnen sagen, sie würden für die Demokraten stimmen. Noch nie kandidierten so viele für ein politisches Amt. Auch das Wahlkampfteam der Demokratin Mikie Sherrill besteht komplett aus Frauen, sie stellen auch die meisten ihrer Helfer in ihrer chaotisch-geschäftigen Wahlkampfzentrale.

Mikie Sherrills eindrucksvolle Biografie wird an diesem Morgen auf Wahlkampfzetteln verteilt: 46 Jahre alt, zehn Jahre Helikopterpilotin in der Navy, Staatsanwältin, verheiratet, vier Kinder, Trainerin des Lacrosse-Teams ihrer Tochter, Managerin des Fußballteams ihres Sohnes.

Gedenken an Synagogen-Anschlag

Zusammenhalt: Mit Kerzen gedenken Menschen in Pittsburgh der Opfer des antisemitischen Anschlags auf die "Tree of Life"-Synagoge. Im Kugelhagel des Attentäters starben elf Menschen, sechs wurden verletzt

DPA

Für Lacrosse und Fußball bleibt keine Zeit mehr. Mikie Sherrill sagt, sie müsse wieder ihrem Land dienen, diesmal nicht als Soldatin, sondern als Politikerin. Sie weiß, welche Aufgabe sie sich aufgeladen hat. Ihr Wahlkreis ist seit Langem in der Hand der Republikaner. 2016 gewann Trump hier knapp gegen Hillary Clinton.

Mikie Sherrill eilt zu ihrer Wahlkampfmanagerin ins Auto und fährt zum nächsten Auftritt in der nächsten Vorstadt, um über ihre Themen zu sprechen: bessere Krankenversicherung und schärfere Waffengesetze.

Im Kleinstadt-Amerika im Süden des Landes, in Alabama, brauchte sie mit diesem Programm gar nicht erst anzutreten. Dort, 1000 Meilen von New Jersey entfernt, ist evangelikaler Glauben an das weiße Amerika mit den Verschwörungstheorien von Donald Trump verschmolzen.

In Fayette, Alabama, stehen an einem sonnigen Oktobersonntag 50 Männer und Frauen, alle weiß, am Highway 43 und halten den vorbeifahrenden Autos Schilder entgegen: "Herr, vergib uns und unserer Nation für Abtreibung."

Donald Trump kommt hier im Ranking gleich nach Gott. Bei der Präsidentschaftswahl vor zwei Jahren erhielt er in Fayette County 81,4 Prozent der Stimmen. In Fayette leben nur 4500 Menschen, drei Viertel von ihnen Weiße, aber es gibt über 50 Kirchen. Hier ist es wahrscheinlicher, Gott in die Arme zu laufen als ein Restaurant zu finden, in dem man ein Bier bekommt. Der evangelikale Protestantismus ist hier, wie überall im Bible Belt im Süden der USA, keine Religion, sondern Alltagskultur. Die Menschen sind freundlich, stockkonservativ und fromm.

Um kurz vor halb elf steigt der Baptisten-Prediger John Killian die Treppenstufen zur First Baptist Church hinauf, die Bibel unter den Arm geklemmt. Er hat über 40 Jahre als Pastor gearbeitet. Killians Vorfahren stammen aus Würzburg. Sie sind nach Amerika ausgewandert, um hier Gottes eigenes Land aufzubauen. Dieses Gefühl des Auserwähltseins, sagt Killian, würden viele evangelikale Christen im heutigen Amerika vermissen. "Unsere Freiheit ist bedroht."

Stolz, gesegnet, weiß und männlich

Da ist ihnen einer wie Donald Trump gerade recht gekommen. Er verspricht, Amerika wieder so zu machen, wie es hier schon immer gesehen wurde: groß und stolz, gesegnet von Gott, weiß und männlich. "Trump rettet unser Amerika" , sagt Killian.

Fast 80 Prozent der weißen Evangelikalen haben 2016 Trump gewählt, das sind Millionen Stimmen. Trump hat einen Evangelikalen Beirat fürs Weiße Haus gegründet und betet öffentlichkeitswirksam mit Pastoren.

John Killian gibt zu, dass er Donald Trump am Anfang nicht mochte. Vielen seinen Glaubensbrüdern ging es ähnlich. Trumps Großkotzigkeit, seine Affären, seine zwei Scheidungen - das war mit ihrer christlichen Moral kaum zu vereinbaren. Trumps Politik, hat Killian entschieden, ist ihm jedoch wichtiger als Trumps Privatleben. "Wenn Sie einen Klempner für Ihr Haus brauchen", fragt Killian, "würden Sie sich dann für den besten Christen entscheiden oder für den besten Klempner?"

Clinton will härter gegen Trump vorgehen

Angesichts dieses unmoralischen Pragmatismus ringen die Demokraten bis heute um die richtige Strategie im Umgang mit einem niederträchtigen Präsidenten. Hillary Clinton forderte neulich, die Demokraten müssten "härter" gegen Trump vorgehen. Erst wenn sie die Macht zurückerobert hätten, könnten sie "zum Anstand zurückkehren".

Da klatschen viele im Saal

Mikie Sherrill in New Jersey sieht das anders. Anstand, Fakten, Diskussion sind ihre Stärken. Sie redet heute Abend über kaputte Straßen und einen verzögerten Tunnelbau. Trump erwähnt sie mit keinem einzigen Wort. Sie sitzt mit ihrem republikanischen Widersacher Jay Webber auf dem Podium. Es ist kein Heimspiel für Sherrill, viele Zuschauer loben die Republikaner für Steuersenkungen und Trumps geplante Mauer an der Grenze zu Mexiko. Doch die Demokratin präsentiert Zahlen und Fakten, erwähnt wie nebenbei immer wieder ihren Dienst in der Navy. Sie weiß, selbst die größten Demokratenhasser unter den Republikanern bekommen bei Armeeveteranen ein weiches Herz.

Als ihr republikanischer Kontrahent den geifernden Provinz-Trump gibt und sie eine Lügnerin nennt, weist sie nüchtern darauf hin, dass er im Parlament gegen die Gleichbezahlung von Mann und Frau gestimmt habe. Da klatschen viele im Saal.

Was, wenn sie nicht gewinnen?

"Wir müssen mehr sein als die Anti-Trump-Partei", sagt sie hinterher auf dem Gang. "Das reicht nicht. Die Leute wollen meine Vorschläge für die Probleme vor ihrer Haustür hören." Viele Republikaner seien von Trumps Aggressivität selbst abgestoßen. "Die kann ich als Demokratin nur mit Fakten erreichen, nicht, indem ich selbst wüte."

Trump testet gerade, ob ihn seine Demagogie in zwei Jahren noch einmal ins Weiße Haus tragen könnte. Auch für ihn geht es um alles.

Die Demokratin Mikie Sherrill schwört am Abend ihr Team ein: "Wenn wir jetzt gewinnen, können wir in zwei Jahren verhindern, dass Trump Präsident bleibt. Das sind wir unserem Land schuldig."

Und was, wenn nicht?