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Nach Gaddafis Tod in Libyen Übergangsrat will die Scharia einführen


Darauf haben die Libyer lange gewartet: Nach monatelangem Bürgerkrieg wird das Land für befreit erklärt. Der Vorsitzende des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, kündigte die Einführung des islamischen Rechts an.

Feierstimmung in Libyen: Drei Tage nach dem Tod von Muammar al Gaddafi blickt Libyen in die Zukunft. Zehntausende Menschen versammelten sich am Sonntag zu einem Festakt in Bengasi. Der Vorsitzende des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, verkündete offiziell den Sieg über das Gaddafi-Regime und versprach, die Basis für das neue Libyen werde die islamische Rechtssprechung.

Dschalil rief zur Versöhnung und Toleranz auf. Die Libyer sollten das Recht nicht in die eigene Hand nehmen. Zugleich machte er sich stark für eine islamische Orientierung Libyens: "Bei uns ist das islamische Recht die Grundlage der Rechtsordnung", erklärte Dschalil. "Ein Gesetz, das dem islamischen Recht widerspricht, ist null und nichtig."

In diesem Sinne sei auch das geltende libysche Eherecht zurückzuweisen, das die Zahl der Frauen für einen Muslim begrenzt. Man werde auch islamische Banken gründen, die keine Zinsen verlangen. Er warnte vor einer Spaltung des Landes. "Wir sind alle Brüder geworden, was wir lange Zeit nicht waren."

Wahlen im Sommer 2012

Auf dem Festplatz in Bengasi, wo der Aufstand gegen Gaddafi vor acht Monaten begonnen hatte, schwenkten begeisterte Menschen Fahnen. Viele tanzten auf den Straßen, wie auf Fernsehbildern zu erkennen war.

Nun soll binnen 30 Tagen eine provisorische Regierung gebildet werden. Diese solle dann bis Juni 2012 Wahlen zu einer verfassungsgebenden Versammlung vorbereiten, kündigte Dschalil an. Dieses Gremium soll eine Verfassung ausarbeiten, auf deren Grundlage innerhalb eines Jahres ein Parlament und ein Präsident gewählt werden.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) gratulierte den Libyern zur Befreiung vom Regime Gaddafis. "Heute hat für Libyen eine neue Zeitrechnung begonnen. Angst und Unterdrückung sind der Hoffnung auf Frieden und Freiheit gewichen", sagte Westerwelle am Sonntag nach Angaben des Auswärtigen Amtes. Westerwelle rief die Libyer zur Einheit und Aussöhnung auf.

Streit um Leiche Gaddafis beigelegt

Noch vor den Feiern wurde der Streit um die Leiche des Ex-Diktators vorerst beigelegt. Die Leichen Gaddafis und seines Sohnes Mutassim sollen nun an Angehörige übergeben werden, statt wie ursprünglich geplant an einem unbekannten Ort vergraben zu werden.

Der Chef der libyschen Übergangsregierung, Mahmud Dschibril, sagte in einem BBC-Interview, er hätte den Ex-Diktator lieber lebend gefasst und vor Gericht gebracht. "Ich will wissen, warum er dem libyschen Volk das angetan hat. Ich wünschte, ich wäre sein Ankläger in seinem Prozess", sagte Dschibril. Er begrüße eine gründliche Untersuchung der Vorfälle um Gaddafis Tod durch die Vereinten Nationen.

Auch US-Außenministerin Hillary Clinton unterstützt die Forderung nach einer Untersuchung der genauen Todesumstände. In einem Interview mit dem Fernsehsender NBC sagte Clinton am Sonntag, diese Aufklärung sei Teil des Übergangs von einer Diktatur zu einer Demokratie. Sie rief auch zur Versöhnung auf: "Jeder, der Teil des alten Regimes war und an dessen Händen kein Blut haftet, sollte sicher und in ein neues Libyen miteinbezogen sein."

Die letzten Tage des Diktators

Ein enger Mitarbeiter Gaddafis schilderte in Interviews, wie der einstige Machthaber seine letzte Tage verbrachte. Er habe viel im Koran gelesen und Nudeln gegessen, die seine Helfer aus verlassenen Häusern herbeigeschafft hatten. Zudem habe er sich beschwert, dass es in der zerschossenen Stadt Sirte keinen Strom gab. Der einstige Machthaber habe nie verstanden, warum sich die Libyer gegen ihn erhoben hätten, sagte Mansur Dhao Ibrahim der "New York Times".

Gaddafi war diesen Angaben zufolge bis zuletzt bewaffnet gewesen, habe aber nie einen Schuss abgefeuert. Kontakt zur Außenwelt habe er zum Schluss nur über sein Satellitentelefon gehabt, mit dem er TV- oder Radiosender anrief. Immer wieder habe Gaddafi in der verwüsteten Stadt, in der er häufig die Häuser wechselte, geklagt: "Warum gibt es keinen Strom? Warum gibt es kein Wasser?"

In einem anderen Interview habe Mansur Dhao Ibrahim geschildert, wie die letzten Getreuen am Donnerstag versucht hätten, die Stadt in einem Konvoi zu verlassen. Gaddafi habe in einem Toyota Land Cruiser gesessen und während der Fahrt wenig gesagt. Nach etwa einer halben Stunde hätten Nato-Kampfflugzeuge den Konvoi ausgemacht und beschossen, schildert der Gaddafi-Vertraute die Ereignisse. Er selbst sei getroffen und verwundet worden, der Gaddafi-Vertraute. Zusammen mit dem Ex-Herrscher habe er zunächst versucht, eine Farm zu erreichen, dann eine größere Straße und schließlich die Abwasserrohre, in denen Gaddafi später gefunden wurde. Er selbst sei erneut getroffen worden und ohnmächtig geworden. Erst im Krankenhaus sei er wieder aufgewacht.

swd/DPA DPA

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