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Neue Kolumne aus Südafrika: Traktor der guten Hoffnung

38.000 Kilometer in vier Jahren. Von einem holländischen Dorf nach Südafrika: Mit einem Traktor fährt die 33-Jährige Manon Ossevoort bis ans Ende der Welt. Fürs erste ist das das Kap der guten Hoffnung.

Von Marc Goergen, Kapstadt

Für jemand mit einem derart verrückten Projekt wirkt Manon Ossevoort eigentlich zu normal. Wie die 33-Jährige hier in der Nähe von Kapstadt gut gelaunt im Café sitzt; wie sich mit beiden Händen an der Teetasse wärmt; wie sie ihre Hündin streichelt, dabei lacht, scherzt und erzählt. Als ob nichts dabei sei, mit dem Traktor von Holland bis zum Kap der Guten zu Hoffnung zu fahren. Und noch weiter zu wollen.

Vor vier Jahren ist Manon Ossevoort mit einem 1976er Deutz aus ihrem Heimatdorf nahe der deutsch-holländischen Grenze aufgebrochen. Sie hat Belgien durchquert, Frankreich und Italien, hat nach Afrika übergesetzt, tuckerte durch Ägypten, den Sudan, Kenia, Tansania, Mosambik, Simbabwe, Botsuana, Namibia, Südafrika und erreichte schließlich nach 38.000 Kilometern im Oktober 2008 den südwestlichsten Zipfel des afrikanischen Kontinents: das Kap der Guten Hoffnung. Seitdem beschäftigt sie sich mit Traktorumbau und Kältetraining. Denn am Kap ist ihre Reise noch nicht zu Ende.

Mit dem Traktor zuim Südpol

Sie will zum Südpol. Mit dem Traktor. "Ich verstehe, dass viele Leute das Ganze erst mal verrückt finden. Dabei steckt in dem Projekt viel von meiner Vergangenheit. Und die ist eher unspektakulär", sagt Ossevoort.

Sie kommt aus einem kleinen Dorf. Ihre Eltern sind Landwirte. Alles sehr bodenständig. Sie studiert Theater in Amsterdam und dabei kommt ihr der Gedanke, ans Ende der Welt zu fahren. Zunächst ist es nur ein Traum, dann wird aus dem Traum ein Theaterprojekt und schließlich ein festes Ziel: das Ende der Welt. Und wo ist das? Zum Beispiel am Südpol. Und der passende Untersatz für ein Mädchen vom Lande? Eben ein Traktor. "Das Ganze ist für mich nicht nur ein Abenteuer. Ich will den Leuten auch zeigen, was möglich ist, wenn man sich hohe Ziele setzt", sagt sie.

Einen Traktor findet sie rasch - ein Nachbar schenkt ihr sein altes Gefährt. Mehrere Jahre bereitet sie sich vor. Unternimmt eine Testfahrt nach Paris, um unter dem Eiffelturm einen Kaffee zu trinken. Lässt hinter den Fahrersitz des Traktors ein Dach bauen. Darunter will sie schlafen. Endlich, im Sommer 2005, sie ist 28, geht's los. Mit 20 Kilometer die Stunde gen Südpol.

Der erste Rückschlag noch in Europa

Doch noch in Europa der erste Rückschlag. Sie will in Griechenland nach Ägypten übersetzen - und bekommt erst im Kosovo heraus, dass dies gar nicht möglich ist. Also zurück nach Italien, viele Wochen lang Tuckerei bis in den Hafen von Genua. In Ägypten die nächste Hürde. Eineinhalb Monate dauert es, bis der Zoll den alten Deutz freigibt - den Beamten in Alexandria erscheint der Grund des Imports einfach zu absurd.

Während sie sich langsam auf dem Kontinent nach unten arbeitet, lässt sie sich von Menschen, die sie trifft, ihre Träume erzählen. Es ist Teil ihres Projekts: Sie sammelt die Träume, um sie mit zum Südpol zu nehmen. Dort will Ossevoort sie deponieren, vielleicht versenken, vielleicht in einem Schneemann verbuddeln. Es ist die spirituelle Seite ihrer Reise.

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In Kenia gibt sie ein Geheimnis preis

Die praktische zeigt die Holländerin als Helferin in der Not. In Sudan schleppt sie einen liegen gebliebenen Bus mehrere Tage zurück in die Hauptstadt Khartoum; in Simbabwe transportiert sie sogar eine Schwangere ins 60 Kilometer entfernte Krankenhaus. Das Kind liegt falsch. Als es schließlich gesund geboren wird, nennt es die Mutter zum Dank "Manonika". In Kenia wird Ossevoort, mittlerweile eine lokale Berühmtheit, sogar von Frauenrechtlerinnen um eine Rede gebeten. Es geht um die Verschärfung der Gesetze bei Vergewaltigung.

Ossevoort spricht bei einer Veranstaltung und gibt dabei auch ihr eigenes Geheimnis preis: Sie ist mit 18 Jahren selbst vergewaltigt worden. Der Täter konnte nur verurteilt werden, weil kurz zuvor die holländischen Gesetze verschärft wurde - das, so fordert sie, müsse auch in Kenia geschehen. Später erfährt sie: Die Frauen erreichen ihr Ziel tatsächlich. "Das war der bewegendste Moment der ganzen Fahrt", sagt sie.

Sie wird kein einziges Mal überfallen, auch bedroht fühlt sie sich nie. "Der Traktor wirkt auf alle Menschen offenbar beruhigend. Als Zeichen für friedliche Landarbeit, als das Gegenteil von Gewalt und Krieg", sagt sie.

Nur die Einsamkeit macht ihr zu schaffen. Nach einem Jahr, das ist sie irgendwo in Ägypten, ist sie kurz davor aufzugeben. Ihre einzige Begleitung ist ein Hund. Der ist ihr im Kosovo zugelaufen. Als das Tier in Tansania stirbt, nimmt Ossevoort ein paar Tage später einen neuen Welpen zu sich. Sie nennt die Hündin Biba.

Heute liegt Biba mit rundem Bauch zu Manon Ossevoorts Füßen im Café - die Hündin wird schon in wenigen Tagen selbst Welpen gebären. Es scheint wie ein Bild dafür, wie lange Ossevoort nun schon unterwegs ist. Und das Ende ihrer Tour ist noch nicht in Sicht. "Eigentlich wollte ich ja im November zum Südpol aufbrechen", sagt sie. Doch der Umbau des Traktors auf Raupen verzögerte sich, dazu kommen Geldsorgen, und so wird sie wohl noch ein weiteres Jahr, bis zum nächsten arktischen Sommer, hier in dem kleinen Dorf Kommetjie bleiben - wenn die südafrikanischen Behörden sie denn lassen. Die Einfuhrerlaubnis des Traktors läuft ab, und im schlimmsten Fall müsste sie mit dem Gefährt einen Monat lang bis zurück nach Namibia fahren. "Aber damit will ich mich erstmal noch gar nicht beschäftigen. Denn wenn ich etwas auf dieser Reise gelernt habe, dann positiv zu denken", sagt sie. "Und dass es am Ende immer irgendwie doch noch klappt."