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Österreich: Ein Land nimmt Anstoß

Wir lieben ihren Schmäh und belächeln ihren Schmu. Wir fahren immer wieder zu ihnen in Urlaub, obwohl sie uns schon auf dem Weg dahin abzocken. Sie aber können uns einfach nicht leiden. Schon deshalb ist jede Begegnung Österreich gegen Deutschland ein Klassiker. Nicht nur im Fußball.

Von Claus Lutterbeck

Hinterm Wiener Westbahnhof hatte meine Frau sich mal verfahren, sie kurbelte das Fenster runter und fragte höflich: "Entschuldigen Sie bitte…" Ein Mann im Unterhemd, der so aussah, als wäre er von Deix in den Mazda hineingezeichnet worden, brummte: "Aan Biefge sogi goanix", und fuhr weiter. Einem Piefke sagt er gar nichts.

Er mag uns nicht. Wir können machen, was wir wollen, der Österreicher mag uns nicht. Wir übernachten 48 Millionen Mal in seinen Betten, von denen einige viel zu kurz sind, wie meins neulich in der Pension "Neuer Markt" in Wien. Wir retten mit unseren Tourismus-Milliarden jedes Jahr den rot-weiß-roten Staatshaushalt, ihre Wirtschaft wächst doppelt so schnell wie unsere. Aber der Österreicher kann uns nicht leiden. Die Deutschen seien "großzügig, nicht verbohrt, hilfsbereit und einschüchternd intelligent", seufzt der Schriftsteller und Kolumnist Franzobel in seinem Buch "Großer Fußballtest", "trotzdem, ich mag sie nicht, niemand mag sie".

Falls wir nicht mit 130 auf seinen paar Metern Autobahn dahinschleichen, kassiert er uns gnadenlos ab. Er verkauft uns aberwitzig teure Maut-Pickerl, die man nie wieder von der Autoscheibe abkriegt. Die Kinder von jedem Salzburger Tankwart fahren schneller Ski als unsere Nationalmannschaft. Eigentlich könnten sie ganz gelassen sein, aber nein: "Wann i an Deitschn seh", sagt der Stürmer Hans Krankl, "wer' i zum Rasnmäher."

Umgekehrt: Warum können wir sie leiden? Toni Polster beispielsweise, der es einst für den 1. FC Köln hat polstern lassen. Er konnte das "Rechthaberische" an uns nie ausstehen, das "zack, zack", die "Verbissenheit", für "jeden Dreck gibt es eine Strafe", und dass man ihm dauernd in die Ohrläppchen gestochen hat wegen der Laktatwerte. Das Ergebnis: In Köln ist der Toni noch heute ein Volksheld, als jüngst der Aufstieg in die Bundesliga gefeiert wurde, ließ man ihn extra einfliegen.

Alles zuckern sie ein, vor allem uns

Oder der gelernte Milchfachmann und promovierte Kirchenrechtler Helmut Thoma, 69, der RTL einst mit Softsex und Ratespielen so profitabel gemacht hat, dass sich das deutsche Fernsehen bis heute nicht davon erholt hat. Weshalb so viele Alpenländler auf germanischen Spitzenposten sitzen? Thoma, geboren in der Talentweltzentrale Wien: "Weil die Talentdichte in Deutschland nicht ganz so hoch ist."

Wenn der Pole so vorlaut wäre, würden wir wahrscheinlich morgen bei ihm einmarschieren. Dem Österreicher aber lassen wir alles durchgehen. Wir mögen ihn, weil wir seinem Grünen Veltliner, seinem schwarzen Schmäh, seinem Weißen Rössl, seinem Charme und seinen Mozart-Kugeln wehrlos ausgeliefert sind. Alles zuckern sie ein, vor allem uns. Wir können den Fernseher einschalten, wann wir wollen - entweder kocht Johann Lafer oder singt Hansi Hinterseer. Und wir kriegen nie genug, ihre Einschaltquoten sind besorgniserregend hoch.

Wie tief kann ein Volk sinken?

Wir sind vernarrt in sie. Nach einem harten Tag auf der Skipiste stehen wir Germanen abends im geheizten Bierpilz an der Liftstation und grölen mit DJ Ötzi "I bin so schön, i bin so doll, i bin der Anton aus Tirol", so laut, dass man es noch in Husum hört. Der Österreicher denkt sich dabei: "Wie tief kann ein Volk im Urlaub eigentlich sinken?", schenkt uns noch einen Jagatee nach und erzählt folgenden Witz: Was ist der Unterschied zwischen einem deutschen Touristen und einem deutschen Terroristen? Der Terrorist hat im Ausland Freunde.

Zugegeben, manchmal geht unsere Sympathie ein bisserl weit. Als der 19-jährige Kölner Robert A. neulich in der Notschlafstelle Fünfhaus den Wiener Josef S. mit einer Hantel erschlug, aufschlitzte und annagte, schrieb ein Wiener Boulevardblatt vorwurfsvoll: "Deutscher tötet und isst Österreicher." Der unappetitliche Vorfall bestätige nur einen Verdacht, den man immer gehabt habe, lästert der Wiener Kabarettist Alfred Dorfer, dass nämlich der Deutsche, selbst wenn er "auswärts esse", nicht viel von guter Küche verstehe. "A Feinschmecker kann's net gwesn sein, ich als Kannibale würd' doch keinen 49-jährigen österreichischen Obdachlosen essen."

Deutscher Chef? Bloß nicht!

Als ob unser Verhältnis nicht belastet genug wäre, will der Kannibale nun auch noch im Alpenland studieren, Medizin, ließ er kürzlich aus dem Knast verlauten. Seine Chancen stehen schlecht. Für die 550 Medizin-Studienplätze an der Uni Innsbruck haben sich im vergangenen Semester 447 Österreicher und 2147 Deutsche beworben, genommen werden nur wenige. Der Ösi gönnt uns nix.

Er sitzt bei Lufthansa, Siemens, RTL und VW-Porsche höchst erfolgreich im Chefsessel, wie auch beim stern. Und wie sieht es umgekehrt aus? Als der Fußballer Hans Krankl gefragt wurde, ob er sich einen deutschen Trainer für sein Nationalteam vorstellen könnte, sagte er: "Das schließt sich aus." Der Berliner "Tagesspiegel" fragte nach: Weil ein Deutscher das nicht kann? Krankl: "Können schon. Aber ich möchte das nicht." Keiner da unten möchte einen deutschen Chef haben. Als der Bremer Claus Peymann Direktor des Wiener Burgtheaters war, schrieb ihm ein aufgebrachter Wiener: "Ihr Deutsche habt uns immer nur Unglück gebracht", eine äußerst hinterfotzige Anspielung auf jenen Herrn aus stark inzestuös belasteter Familie, der sich erst 1932 einen deutschen Pass erschlichen hat.

Deutsche für die niedrigen Arbeiten

Der Wiener Hans Mahr, jahrelang Chefredakteur von RTL, hätte nichts dagegen, wenn ein Deutscher mal Chef beim staatlichen Sender ORF werden würde. Aber er hält es für "ausgeschlossen, da machen die Unsrigen nie mit". Für die niedrigen Arbeiten sind wir freilich gut genug. Halb Sachsen schuftet zusammen mit Ghanaern und Slowaken in den verrauchten Tiroler Skihütten, schleppt Tonnen von Krautfleckerl, spült die dreckigen Seidel, Krügerl und Stamperl weg und lässt sich zum Dank von betrunkenen Holländern als Nazis beschimpfen. Küsst der Austriake uns die Hand dafür? Nein, er beißt hinein. Als kürzlich eine Umfrage gemacht wurde, welches Land auf keinen Fall Europameister werden dürfe, siegte Deutschland haushoch vor der Türkei.

"Deutschen-Bashing", das Abwatschen des Nachbarn, sei das "liebste Hobby", schrieb die Wiener Zeitschrift "Falter". Und die Fußball-EM fachte die Piefke-Grill-Saison weiter an: Ein Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften ist längst mehr, als ein Spiel. Deutschland will nur gewinnen. Österreich will Rache für die Niederlage bei Königgrätz 1866, Rache für den Anschluss 1938, für Adenauers Spruch, er habe "von kompetenter Seite erfahren", die Österreicher seien "eigentlich Bajuwaren", für die Transitblechlawine am Brenner, für die Frechheit des Historikers Helmut Kohl, der einst von unseren offenen Grenzen zu Ungarn sprach und unser Urlaubsland dazwischen einfach vergessen hatte, und natürlich für den fiesen Griff von Olli Kahn an Andi Herzogs Gurgel 1996. Der deutsche Torwart verkörpert alles, was man an uns nicht mag. Immer wenn sein Deutschland-Hass schwächele, schreibt Dichter Franzobel, genüge "ein Blick auf Olli Kahn, und er ist wieder da".

Es stimmt ja, es fällt uns manchmal schwer, ein Land ernst zu nehmen, in dem die Monster Fritzl heißen. Aber da wird sogar der Karikaturist Manfred Deix, 59, grantig, wenn die "Süddeutsche" schreibt: "Es ist schon auffällig, dass solche Dinge immer in Österreich passieren." Keiner zeichnet seine Landsleute so böse wie Deix, aber jetzt muss er sie doch mal in Schutz nehmen. Das Verbrechen von Amstetten als ein typisch österreichisches zu bezeichnen, hält er für "einen totalen Blödsinn: "Die Oaschlochquote is in allen Ländern gleich."

Das anstehende Match ist mit historischen Schadstoffen schwer belastet, es geht schon mit den Nationalhymnen los. "Net amal a eigene Hymne bringt's zam", stichelte der nette Herr, den wir beim Heurigen trafen, "sogar die is gschtohln." Tatsächlich hat unsere Melodie der Österreicher Josef Haydn als "Kaiserlied" komponiert - nach einer kroatischen Volksweise. Allerdings stammt auch der Text der österreichischen Nationalhymne - "Volk, begnadet für das Schöne" - von einer Kroatin.

Gegen Deutschland wird zusammengehalten

Gespielt wird zudem noch auf historisch belastetem Grund. Das Wiener Ernst-Happel-Stadion hieß noch Praterstadion, als dort im September 1939 tausend Wiener Juden eingesperrt wurden. Am Tag nach ihrer Deportation ging der Spielbetrieb weiter. Und 1944 wurde es von alliierten Bomben stark beschädigt, denn die Wehrmacht hatte in den Katakomben ihre Planungsgruppe untergebracht. Seit 1992 trägt es den Namen von Ernst Happel. Der Wiener Grantler war ein genialer Trainer, der das Kunststück geschafft hat, sogar den Hamburger SV zum Meister zu machen, und das zweimal hintereinander. Von zu viel Nähe zu seinen Spielern hielt er nichts. Als der deutsche Mittelfeldspieler Hansi Müller ihn während ihrer gemeinsamen Zeit in Innsbruck einmal bat: "Trainer, wir müssen reden!", raunzte Happel ihn an: "Wann S' reden wollen, müssen S' Staubsaugervertreter werdn."

Jedenfalls möchte Österreich unbedingt das "Wunder von Cordoba 1978" wiederholen. In dem staubigen argentinischen Industrienest hat man die Favoriten in letzter Minute mit 3:2 aus dem WM-Turnier geworfen. Was die Spieler so angestachelt hat damals, war die deutsche Arroganz: "Die haben uns als Zwerge angesehen, da haben wir ihnen den Mund gestopft", sagte Hans Krankl. Doch ein Wunder lässt sich nicht so einfach wiederholen - diese schmerzhafte Lektion musste auch Österreich lernen. Immer wieder.

Cordoba begründete den österreichischen Patriotismus

Bis zu jenem Mittwoch im Juni 78 definierte sich Österreich eher als "Nichtdeutschland", in der Schule wurde nicht Deutsch gelehrt, sondern die "Unterrichtssprache". Nach dem Spiel war alles anders. In Cordoba, sagt Elizabeth T. Spira augenzwinkernd, "ist der wahre österreichische Patriotismus entstanden, seither sind wir eine Nation". Die jüdische Filmemacherin dreht seit Jahren aberwitzige Reportagen über den Wiener Alltag, die leider nicht regelmäßig im deutschen Fernsehen zu sehen sind (dafür auf Youtube). Ihre Familie hat in der englischen Emigration überlebt, sie kam gern in ihre Vaterstadt zurück: "Ich brauche meine Antisemiten, die sind der Humus für meine Geschichten." Wie im Film über den Hundebesitzer, der seinen Schäferhund Adolf nennt, "weil er Neger und Türken net mog, I waas aa net, warum". Spira interessiert sich nicht für Fußball, "aber Cordoba, das hat auch mich gfreut. Wenn's gegen Deutschland geht, halten wir alle zusammen. Nur dann."

Bei uns ist der Kick vergessen, in Österreich ist er Mythos. Bei McDonald's wird dieser Tage für 5,99 Euro ein "Cordoba Burger" gebraten, Mastercard wirbt mit "Cordoba08", die Postbank verschenkt Schlüsselanhänger, die den legendären Schrei des Radioreporters Edi Finger abspielen: "Toor, Toor, Toor, i wer' narrisch." Im Technischen Museum Wien wird das rot-weiße Baumwoll-Leiberl ausgestellt, das Hansi Krankl trug, als er dem deutschen Torwart Sepp Maier "ganz greislig ins Kreuzeck" einschenkte.

Platz 92 der Fifa-Liste

Irgendwann landet das Trikot mit der Nummer 9 bestimmt noch im Stephansdom, der übrigens während der EM länger offen hat als sonst. Damit man auch abends noch in sich gehen kann, bietet die Erzdiözese Wien allen Fußballfans die "Numbers of hope 3:2" an. Die Nummern der Hoffnung, die sie aus unerfindlichen Gründen auf Englisch verkündet hat, sollen an den Spruch 3:2 aus dem Matthäus-Evangelium erinnern: "Kehrt um, denn das Himmelreich ist nah."

Man musste schon sehr fest im Glauben sein, wenn man auf ein neues Fußballwunder hoffte, denn die österreichische Nationalmannschaft steht derzeit auf Platz 92 der Fifa-Weltrangliste. Beim ersten Testspiel im burgenländischen Mattersburg gewann sie mühelos 6:0 gegen den Kärntner Regionalligisten SV Spittal/Drau. Was dabei auffiel: Das kleine Stadion war trotz freien Eintritts halb leer, die Zuschauer applaudierten gelangweilt, angefeuert wurden nur die Kärntner. Hochstimmung dagegen herrschte nebenan im VIP-Zelt, wo sechs Sorten Wein und reichlich Obstbrände ausgeschenkt wurden, wo Ströme von Freibier flossen und ein erlesenes Büfett in Windeseile weggeputzt war. Warum die Nationalmannschaft so wenig Unterstützung bekomme, es sei denn, sie schaffen ausnahmsweise mal die Qualifikation zu einem großen Turnier, fragte ich meinen Tischnachbarn. "Weil's eh nix bringen. Die Hälfte der Präsidenten unserer Erstligavereine steht mit einem Bein im Gefängnis. Und wer will bei uns schon Nationaltrainer werden?" Als man Ernst Happel einst fragte, schnappte er zurück: "Ich bin Patriot, aber kein Idiot." Seit 1945 wurden in Österreich mehr Nationaltrainer verschlissen als Ministerpräsidenten in Italien (34:24). Das muss man erst mal schaffen.

Vom österreichischen Rekordschützen Toni Polster, 44 Tore in 95 Spielen, wollten wir gern wissen, was er von der jungen Mannschaft hält, die derzeit in Rot-Weiß-Rot spielt. Wir trafen ihn im Donauzentrum, einem gigantischen Einkaufspark, wo er als Sänger bei einer Benefiz-Modenschau auftrat. Sein Hit "Der Letzte macht das Flutlicht aus" kam vom Band. Man kann die CD auch auf seiner Website für 14,90 Euro kaufen. Er hatte keine Lust auf Fußballfragen, "i hob soo lange Eier", sagte er, "i hob dös alles scho tausendmal gsagt", im Übrigen kann man seine besten Sprüche in dem Buch "Der lachende Fußball" nachlesen, das man für 19,90 Euro bei ihm auf der Website erwerben kann. Nur so viel möchte er sagen: Cordoba sei "arg lang her" und die jetzige Mannschaft "die schlechteste in der Geschichte des österreichischen Fußballs".

An der Niederlage weiden

Wir trafen bei der Modenschau zufällig auch den Mann, der alle Jahre wieder zum "nervigsten Österreicher" gewählt wird, den Baumeister Richard "Mörtel" Lugner. Der 75-Jährige mit dem sanften Dackelblick lädt zum Opernball gern Frauen wie Gina Lollobrigida, Raquel Welch oder Paris Hilton ein, was ihn selbst zum Promi macht. Sonst kennt man immer nur Schauspieler mit chronischen Eheproblemen, aber Bauunternehmer? Seine zweite Frau ist mit dem Opec-Generalsekretär durchgebrannt, die dritte nach einer Schönheits-OP gestorben, die vierte, Mausi, wird regelmäßig zur "nervigsten Österreicherin" gewählt und ist im Winter unter reger Anteilnahme von Presse, Funk und Fernsehen mit allen Möbeln bei ihm ausgezogen. Deshalb kam er zur Modenschau mit seiner jungen Freundin Bettina, die er bei einer TV-Show kennengelernt hat. An ihr schätzt er, dass sie nicht so teuer ist wie Mausi. Die Neue trage auch mal ein Kleid für 89 Euro, verkündete Lugner neulich, "warum soll man sich eine teure Frau leisten, wenn man auch eine billige haben kann"? Auch der Rapid-Anhänger ("Mein Verein war 1941 Deutscher Meister!") versteht sich als Fußballexperte, die derzeitige Nationalmannschaft hält er für "chancenlos".

Selbst Niki Lauda rümpft die Nase - allerdings über die ganze Sportart, die dem Pragmatiker wie ein Glücksspiel erscheint. "Wann'st beim Autofahrn immer in der letzten Startreihe stehst, kannst net gwinnen. Im Fußball gibt's das Wunder. Ich bitt' Sie! Das kamma doch net ernst nehmen."

Auch eigene Künstler werden gehasst

Triumph oder Schmach, der Österreicher wird sich auch an Niederlagen weiden. "Niemand singt so traurige Lieder wie wir", seufzt Hans Mahr. "Wie heißt es im berühmten Wienerlied? 'Weil ich vom Glück ein Stiefkind bin…' Wir warten aufs Unglück, und wenn es nicht groß genug ist, bauschen wir es auf." Der Schriftsteller Thomas Bernhard hat aus dieser Marotte große Kunst gemacht, sein chronisches Leiden am Heimatland ("sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige") und seine maßlosen Beschimpfungen ("in jedem Österreicher steckt ein Massenmörder") gehören zum Komischsten, was auf Deutsch je geschrieben wurde. Elfriede Jelinek bekam für ihre Eruptionen sogar den Nobelpreis für Literatur: "Der Hass ist mein Motor." Sie müsse die "Drecksarbeit" machen für all jene Landsleute, die lieber über "Sonnenuntergänge auf Mallorca sülzen".

Noch mehr als die deutschen Urlauber, so lästert man in Wien, hasse man in Österreich nur die eigenen Künstler. Wie den Kunstverwurster Hermann Nitsch, der bei seinen tagelangen Orgien-Mysterien rituell Biovieh schlachtet, die Gedärme über ausgesucht schönen, nackten, jungen Menschen verteilt und mit dem frischen Blut Leinwände bemalt, die er teuer verkauft. Nitsch steckt sich die Schmähungen ("Vorheizer der Hölle") wie Orden an, schließlich habe man auch den Erfinder der Zwölftonmusik Arnold Schönberg und den Maler Gustav Klimt angefeindet, ja solch große Kunst habe überhaupt erst in der feindseligen, erzkonservativen Atmosphäre Wiens entstehen können.

"Existenzieller Fußball"

Es sind ja nicht nur die Künstler, die so öffentlich leiden. Der Kabarettist Josef Hader hat beobachtet, die Fußballspieler sähen schon "vor dem Spiel traurig aus" und kämen dann mit "hängenden Köpfen aufs Feld", er nennt das "existenziellen Fußball". Es ist eine Volkskrankheit, sie heißt "das Bummerl haben" und bezeichnet das lustvolle Leiden an allem Schlechten, das einem jemals widerfahren könnte.

Für ahnungslose Ausländer ist das Trauerspiel manchmal schwer erträglich, für Kenner freilich ist es Commedia dell'Arte auf höchstem Niveau. Als der Düsseldorfer Schauspieler Dirk Stermann vor 20 Jahren beim ORF als Moderator begann, hörte er jeden Morgen dieselbe Begrüßungsformel auf dem Flur: "Wie geht's? - Gschissn. Und dir? - Aa gschissn." Wer das nicht aushält, sagt er, "der muss aus Wien schnell weg". Die anderen werden süchtig danach. Derzeit trifft das Geraunze die arme Nationalmannschaft besonders hart.

Die jungen Männer, die wir am Stehtisch vor "Toni's Inselgrill" auf der Donauinsel treffen, leben ihre Depression beim Thema der Saison aus. "Der Hickersberger hat sogar gegen Färöer verlorn, ja gegen wen will der denn gwinnen?" Sie vertilgen Brote, die fingerdick mit rohen Zwiebeln belegt sind, haben Schweinsteiger-Frisuren, tätowierte Freundinnen, einen Hund mit Beißkorb und hoffen nur eins: "Mir fliegn aussi, eh klar. Oba die Deitschn möchten mir am Morgen nach dem Österreich-Spiel heimfliegn sehn." Die Lokalpresse hat schon mal die schnellste Verbindung für den größten anzunehmenden Kick im Kampf gegen den Erzfeind rausgesucht: "Dienstagmorgen, 17.6.2008, 6.35 Uhr mit der Lufthansa nach Frankfurt, 607 Euro."

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