HOME

Wahlkampf: Österreichs "Schmutzkübelkampagne": Wie einer im Hintergrund still und heimlich profitiert

Heinz-Christian Strache muss eine Woche vor Tag x eigentlich nur noch eines tun: nichts. Wenn's so weiter geht, könnte er, der Rechtspopulist, Mitte Oktober als heimlicher Sieger aus der Österreich-Wahl hervorgehen.

"Ich bin auf Österreich-Kurs", sagt Heinz-Christian Strache

Bundeskanzler hier, Vizekanzler da, Heinz-Christian Strache will darüber vor der österreichischen Nationalratswahl nicht reden. Er sagt: "Ich bin auf Österreich- Kurs."

Picture Alliance

muss eine Woche vor Tag x eigentlich nur noch eines tun: nichts. Nur stillsitzen. Zuschauen. Abwarten. Im Endspurt des österreichischen Nationalratswahlkampfs steckt das Land tief im Dreck dessen, was der Österreicher eine "Schmutzkübelkampagne" nennt. SPÖ und ÖVP - quasi die SPD und CDU der Alpenrepublik - versinken heillos in einer politischen Schlammschlacht, zerfleischen sich gegenseitig. Nur eine Partei ist außen vor: Es ist die, die normalerweise für Furore und Skandale sorgt. Die Partei von Heinz-Christian Strache.

Wenige Tage vor der Wahl zum österreichischen Nationalrat verhält sich der FPÖ-Chef und -Spitzenkandidat beinahe auffällig ruhig. Bei seinen Auftritten redet er bedächtig, streckenweise klingt er fast staatsmännisch. Sprechen Journalisten ihn darauf an - Herr Strache, Sie wirken dieses Mal zurückgenommener, warum eigentlich? -, sagt er, naja, er sei eben gelassener und ruhiger geworden. Oder er sagt, er, immerhin seit zwölf Jahren Chef seiner Partei, sei jetzt die stabile Kraft, die Verlässlichkeit in der österreichischen Innenpolitik. HC Strache muss nicht mehr sagen. Wenn's so weiter geht, könnte er, der Rechtspopulist, am 15. Oktober als heimlicher Sieger aus der Österreich-Wahl hervorgehen. Warum poltern? Läuft doch.

Heinz-Christian Strache: Martin Schulz nannte ihn "Nazi"

Dabei ist Nichts-Sagen, Stillsitzen, Zuschauen, Abwarten genau das, was Heinz-Christian Strache bisher überhaupt nicht konnte oder wollte. Seit über 25 Jahren ist er der böse Bube der österreichischen Politik: Strache poltert, er pöbelt, er polemisiert. Der Skandal ist sein Erfolgsrezept. Heinz-Christian Strache, das ist jener Politiker, der im Mai vor acht Jahren auf einer Bühne in Wien mit einem Kreuz herumwedelte und "Abendland in Christenhand" forderte. Martin Schulz, damals SPD-Spitzenkandidat bei den Wahlen zum Europaparlament, sagte danach: "Das ist ein würdiger Nachfolger des Herrn aus Braunau. In meinen Augen ist Herr Strache ein Nazi." Wenige Wochen später holte die Partei des angeblichen "Nazis" bei der Europawahl 12,7 Prozent.

Bei der Wahl in neun Tagen reicht Strache dieser Wert nie und nimmer mehr. Am 15. Oktober wählt Österreich einen neuen Nationalrat - und danach will Strache mehr: Kanzler werden, zum Beispiel. Doch im Gegensatz zu früher sagt der 48-Jährige das nicht mehr laut: "Ich glaube, es wäre anmaßend zu sagen, ich will das und ich fordere das", wird Strache nun in einem Interview mit dem "Kurier" zitiert. "Vielleicht werden wir stärkste Kraft. Das entscheiden die Österreicherinnen und Österreicher." Das ist Heinz-Christian Strache 2017. Bodenständig, bescheiden, und ganz, ganz nah beim Volk. Ihr entscheidet. Ich gehorche.

Österreich in FPÖ-Hand - dann kam Sebastian Kurz

Was Strache nicht sagt: Die Aussicht, tatsächlich stärkste Partei zu werden, war noch vor wenigen Monaten deutlich besser als heute. Bis zum Frühling lag die FPÖ in den meisten Umfragen an der Spitze, teilweise sogar unangefochten, ÖVP und SPÖ dümpelten irgendwo im Hinterfeld herum. Und noch vor einem Jahr sah es so aus, als könne die Partei möglicherweise bald das erste rechtspopulistische Staatsoberhaupt in der stellen. Österreich im Jahr 2016 - das war ein Land wie gemacht für die FPÖ: Die Nation sprach über Flüchtlinge, Sicherheit, die Obergrenze, die Balkan-Route, Europa, Heimat. Das waren doch ihre Schlachtfelder. Themen wie aus dem Bilderbuch für eine Partei, die schon vor Jahren mit Slogans wie "Asylbetrüger haben zu gehen - Rot-Schwarz will das nicht verstehen" oder "Wir helfen zuerst im eigenen Land - Rot-Schwarz hilft Bank und Spekulant" gereimt hatte. Oder - besonders griffig - mit: "Daham statt Islam".

Doch dann entschied sich Österreich bei der Wiederholung der Stichwahl der Chaos-Bundespräsidentenwahl im Dezember 2016 doch für den Grünen-Kandidaten Alexander Van der Bellen. FPÖ-Kandidat Norbert Hofer hatte, wenn auch nur knapp, das Nachsehen. Ein herber Rückschlag. Die endgültige Wende kam dann fünf Monate später: Sie kam an einem Sonntagnachmittag Mitte Mai, in einem gut sitzendem Anzug, mit aalglatt nach hinten gegeltem Haar. Sie kam in Gestalt von Sebastian Kurz. Der 31-jährige Außenminister erklärte damals kurz und knapp: Ich übernehme jetzt die ÖVP. Die Koalition ÖVP-SPÖ ist am Ende. Im Herbst wählen wir neu. Und ich will euer Kanzler werden. Kurz wäre der jüngste der Geschichte.

Österreich: ÖVP und SPÖ versinken in schmutzigem Wahlkampf

Seitdem ist in Österreichs Politzirkus nichts mehr so wie es vorher war. Sebastian Kurz war die große Hoffnung der österreichischen Konservativen, die letzte Hoffnung, sagten einige, und Kurz enttäuschte sie nicht. Unmittelbar nachdem er an diesem Maitag in Wien die Macht an sich gerissen hatte, setzte sich die ÖVP spielend an die Spitze sämtlicher Umfragen. Es war, als hätte das Land nur auf Kurz gewartet. Denn "der Basti" zeigte: Auch ich kann Flüchtlinge, Migration, Obergrenze und im Zweifel kann ich auch Populismus. Zudem wurde er nicht müde zu erinnern: Ich war es, der damals die Balkanroute geschlossen hat, vergesst das nicht. "Die Zeit" schrieb im Mai über Kurz: "Kurzum: Er ist das Angebot für alle, die Antiausländer-, ein wenig Anti-EU-Positionen vertreten, aber aus Anstand keine Ultrarechten wählen wollen."

Die Führung in den Umfragen gab bis heute nicht mehr her. Auch in den jüngsten Umfragen lag die ÖVP vorne - sie kam auf etwa 33 Prozent. SPÖ und FPÖ matchten sich um Rang 2 - mit Prozentpunkten zwischen 23 und 27 Prozent. Doch das war bevor die großen österreichischen Volksparteien ÖVP und SPÖ in der heißen Phase des Wahlkampfs in eine nie da gewesene Schlammschlacht schlitterten: Es geht um Facebook-Gruppen mit teils rassistischen Inhalten, die im Auftrag der SPÖ Sebastian Kurz verunglimpft haben sollen. Es geht um die Behauptung eines PR-Experten, der Sprecher von Sebastian Kurz habe ihm über 100.000 Euro geboten, damit er als "Spitzel" Insider-Informationen aus dem SPÖ-Wahlkampf an die ÖVP weiterleite. Am Freitag verkündet die ÖVP auf einer Pressekonferenz: Wir klagen! Daraufhin die SPÖ: Wir zeigen an!

"Schmutzkübelkampagne": Kann die FPÖ profitieren?

Angesichts dieser Schlammschlacht erachte er es als möglich, dass sich am Wahlabend die FPÖ am meisten freuen könne, sagte Politologe Peter Filzmeier bereits Stunden zuvor in der Nachrichtensendung "ZiB 2". "Wenn man Solidarisierungseffekte - quasi: 'Jetzt erst recht!' - für SPÖ und ÖVP ausschließt, dann bleiben nur zwei Szenarien: Entweder die Empörung ist zwar groß, aber nur über die jeweils andere Seite. Oder: Es kommt wirklich zu Erosions- und Implosionsprozessen der SPÖ und/oder ÖVP. Dann gibt es sehr große Wählerwanderung zugunsten eines lachenden Dritten: der Freiheitlichen Partei. Dann ist die FPÖ wieder im Rennen um den ersten Platz."

Heinz-Christian Strache sagt am Freitag nur: Was für ein schäbiger Tiefpunkt der politischen Kultur. "Wie soll das angenehm sein?" Einfach nur zum Genieren. Dann postet er noch ein wenig auf Facebook: Burka-Trägerin attackiert Lehrerin, so was eben. Mehr muss er nicht sagen, mehr muss er nicht tun. Läuft doch.