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Parteitag der Republikaner: McCain im Auge des Orkans

Der Präsident unbeliebt, die Partei zerstritten, der Kandidat kein großer Redner. Der Parteitag der US-Republikaner wäre ohnehin kein Fest geworden. Jetzt verhilft der Wirbelsturm "Gustav" John McCain zu einer viel besseren Bühne: Er kann sich als Krisenmanager profilieren, als Macher, als Patriot - der Parteitag rückt in den Hintergrund.

Von Katja Gloger, Minneapolis

"Gustav" heißt der große Unbekannte dieses Parteitages, der noch keiner ist - und gut möglich, dass der verheerende Hurrikan aus dem Golf von Mexiko das Beste ist, was den Republikanern und ihrem Kandidaten John McCain im Moment passieren kann.

War da etwa was? Vor ein paar Tagen erst, in Denver? Ein Parteitag der Superlative, auf dem Barack Obama vor über 80.000 Zuschauern sprach? Und eine sensationell-kämpferische Rede hielt, die von 40 Millionen Fernsehzuschauern gesehen wurde?

Wie sollten die Republikaner so einen Erfolg auf ihrem Parteitag in Minneapolis in dieser Woche toppen? Mit der für Montag geplanten Rede eines Präsidenten, der bei den Amerikanern ungefähr so populär ist wie der späte Helmut Kohl? Mit einer Tagesordnung für vier endlose Tage, über der abgenutzte Worte wie "Dienst für die Allgemeinheit", "Reform", "Wohlstand" und "Frieden" stehen. Und mit einem Kandidaten, der zwar ein formidabler Kämpfer, aber nun wirklich kein großartiger Redner ist. Vor großem Publikum rasselt John McCain seine Reden so hastig vom Teleprompter herunter, dass man ihn kaum versteht.

Dabei gilt es jetzt, dem Wahlvolk begreiflich zu machen, dass Kandidat McCain wirklich eine neue Politik propagiert.

Ein unbeliebter Präsident, eine geschwächte Partei

Es ist kein Geheimnis, dass John McCain und George W. Bush keine politischen Freunde sind. John McCain ist überzeugt, dass ihm Bush vor acht Jahren seine Wahlchancen mit gemeinen Tricks vereitelte. Bush wiederum glaubt, dieser McCain torpediere seine Politik – wie etwa vor drei Jahren, als McCain nach der Katrina-Katastrophe gegen Bushs Unfähigkeit zu Felde zog. Also versuchen sie alles, einander aus dem Weg zu gehen. So wie bei ihrer letzten Zusammenkunft, während eines "fundraisers", einer Spendenveranstaltung in Arizona. Da sah man sie 14 Sekunden zusammenstehen, mit verkrampftem Lächeln für die Fotografen. 14 Sekunden. Dieses Treffen fand im Mai statt.

Die Republikaner sind in einer miserablen Verfassung. Die Partei, die angetreten war, Washington mit einer "konservativen Revolution" zu erschüttern, hat sich gründlich diskreditiert. Sie ist von Korruptions- und Sexskandalen erschüttert. Man verbindet sie mit einem unpopulären Krieg. Man wirft ihr vor, die Sorgen der Bürger zu vernachlässigen. Einer Umfrage zufolge meinen mittlerweile 69 Prozent der Amerikaner, die Regierung solle all den Menschen mehr helfen, die sich selbst nicht helfen können. Und acht von zehn Amerikanern glauben, ihr Land entwickelt sich in die falsche Richtung.

McCain könnte den Fall der Republikaner stoppen

Zähneknirschend hatte das Parteiestablishment den Erfolg John McCains in den Vorwahlen akzeptieren müssen. Dieser John McCain, der dickköpfige, tatenhungrige alte Mann, der sich in der Rolle des ewigen Außenseiters gefällt, des Kämpfers gegen das Establishment, auch wenn es gegen die eigene Partei geht. Zwar hatte auch John McCain einen Waffenstillstand mit seiner Partei geschlossen. War vor den einflussreichen Evangelikalen in die Knie gegangen, hatte neulich auch Bushs Steuererleichterungen für die Reichen befürwortet, obwohl er sie anfangs hart kritisiert hatte. Und mit der überraschenden Wahl der ehemaligen Kleinstadt-Schönheitskönigin, fünffachen Mutter und Abtreibungsgegnerin Sarah Palin aus dem fernen Bundesstaat Alaska konnte er auch sozial konservative Republikaner begeistern.

Er hatte in den vergangenen Wochen stetig an Boden gewonnen - nicht wegen, sondern trotz seiner Partei. Hatte mit angriffslustigen Werbespots über Obamas angeblichen Superstar-Status Punkte gesammelt und konnte sich als erfahrener Kalter Krieger präsentieren, als Russland die Panzer nach Georgien rollen ließ. Sein demokratischer Konkurrent Barack Obama liegt im Moment gerade einmal ein Prozent vor John McCain – und das nach dem Parteitag der Demokraten. Ausgerechnet dieser John McCain könnte die schon totgesagten Republikaner zu einem unerwarteten Sieg im November führen.

McCain gibt den Krisenmanager

Und dann wirbelte auch noch "Gustav" heran. Eine goldene Gelegenheit, endlich Tatkraft zu demonstrieren, Nähe zum Volk, Hilfsbereitschaft – ganz anders als noch vor drei Jahren, als ein desinteressierter Präsident die Katrina-Katastrophe massiv unterschätzte. Und für John McCain die beste Ausrede, sich von diesem Parteitag und dem Präsidenten möglichst weit fernzuhalten. Denn Katrina hatte die Unfähigkeit der Bush-Regierung bewiesen, die Abgehobenheit eines Präsidenten ohne Mitgefühl. Der ehemalige Marineflieger John McCain aber folgte seinem Instinkt: anstatt vor dem Sturm davonzulaufen, begab er sich ins Auge des Orkans.

"In Zeiten einer Katastrophe ist Handeln gefragt", wandte sich der Kandidat gestern mit ernstem Gesicht nach dem Besuch einer Einsatzzentrale in Jackson, Mississippi ans Volk – und beinahe hätte man ihn mit dem Präsidenten verwechseln können. " Jetzt geht es nicht mehr um eine Parteiveranstaltung. Wir müssen jetzt als Amerikaner handeln." Auch Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin ist an der betroffenen Südküste unterwegs – so präsentiert sich eine echte Volkspartei. Und zugleich ein Republikaner, der eben doch anders ist als George W. Bush.

Persönlich ordnete John McCain an, den ersten Tag des Parteitages bis auf notwendige Formalitäten abzusagen. Die Moderatoren der großen Nachrichtensendungen flogen aus Minneapolis Richtung Süden. Der Präsident muss jetzt keine Rede mehr halten, auch Vize Cheney darf zu Hause bleiben. Glück gehabt! Partys sind faktisch verboten, jetzt werden Spendenveranstaltungen für die möglicherweise Tausenden Opfer der nationalen Katastrophe organisiert. Die Delegierten aus dem betroffenen Bundesstaat Louisiana wurden in einem Sonderflugzeug rasch nach Hause geflogen. Und schon heißt es, John McCain werde möglicherweise gar nicht zu seinem eigenen Wahlparteitag kommen – schon überlegen seine PR-Strategen eine politisch förderliche Videoschaltung aus dem Katastrophengebiet.

Gut möglich, dass nicht nur Wladimir Putin, sondern auch Gustav zum Wahlhelfer für John McCain wird. Und Hanna, der nächste Hurrikan, sammelt gerade Kraft über dem Atlantik.