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Porträt: Raúl Castro - der ideologische Pragmatiker

Der Bruder des erkrankten kubanischen Staatschefs Fidel Castro gilt als weniger charismatisch, aber radikaler.

Raúl Castro gilt als weniger charismatisch, dafür aber erheblich radikaler als sein fünf Jahre älterer Bruder. Und seit Fidel Castros Amtsantritt vor 47 Jahren ist der nunmehr 75-Jährige der vom Staats- und Parteichef persönlich erkorene Nachfolger.

Am Montagabend übertrug Fidel Castro wegen einer schweren Erkrankung erstmals die Macht vorübergehend an Raúl, der Verteidigungsminister und Vizepräsident ist. Der Vorgang ist von der Verfassung gedeckt: Als erster Vizepräsident des Staatsrats übernimmt Raúl Castro für den Fall von "Abwesenheit, Krankheit oder Tod" die Amtsgeschäfte des Staatschefs.

Raus "kann auf mehr Zeit zählen"

Seit 1959 steht er hinter seinem Bruder in der zweiten Reihe, gilt aber als einflussreich. Bei seiner Ernennung zu seinem Stellvertreter sagte Fidel Castro drei Wochen nach dem Sieg der Revolution am 1. Januar 1959: "Hinter mir sind andere, die radikaler sind als ich." Auf einem Parteitag im Oktober 1997 bestimmte er seinen Bruder offiziell zu seinem Nachfolger und erklärte: "Raúl ist jünger, energischer als ich. Er kann auf mehr Zeit zählen."

Als Chef der Streitkräfte ist Raúl Castro tief in das kubanische militärische Engagement in den 70er Jahren in Angola und Äthiopien verwickelt. Zudem sorgte er in Kuba mit Sondereinsätzen und wirtschaftlichen Initiativen des Militärs dafür, den Zusammenbruch der Wirtschaft nach Auflösung der Sowjetunion 1991 zu verhindern. Raúl Castro hat selten Interviews gegeben. Anfang 2001 äußerte er sich ungewöhnlich offen über ein Kuba nach dem Tod seines Bruders und legte den USA nahe, besser noch zu Lebzeiten Fidels Frieden mit Kuba zu machen. "Ich gehöre zu denen, die glauben, dass es im Interesse des Imperialismus ist, trotz unserer unversöhnlichen Differenzen die Beziehungen noch während Fidels Lebzeiten zu normalisieren", sagte er in dem Interview des kubanischen Fernsehens. Danach, fügte er hinzu, werde es schwieriger sein.

Dogmatisch, aber flexibel

Raúl Castro war bereits vor der Revolution Mitglied einer kommunistischen Jugendgruppe. Fidel Castro bekannte sich erst 1961 zum Sozialismus. An der wirtschaftlichen Front hat sich der jüngere Castro immer wieder als flexibel erwiesen. Als Verteidigungsminister leitete er einige wichtige Experimente mit marktwirtschaftlichen Reformen. So produzierten Militäreinheiten Lebensmittel und verkauften diese auf freien Märkten. Die Streitkräfte betrieben zudem ein wichtiges Tourismusunternehmen, Gaviota. Bei einem Besuch in China 1997 zeigte sich Raúl Castro am dortigen wirtschaftlichen Reformkurs interessiert. Raúl Castro wurde 1962 stellvertretender Ministerpräsident und stieg 1972 zum Ersten stellvertretenden Ministerpräsidenten auf.

Im Juli 1962 kam er von einem Besuch in Moskau mit der Zusage zurück, die Sowjetunion werde in dem Karibikstaat Raketen stationieren. Das führte bis zum Oktober 1962 zur Kubakrise, die die Welt an den Rand eines Atomkriegs zwischen den damaligen Supermächten USA und UdSSR führte. Raúl Castro zeigte sich aber immer zu Verhandlungen mit den USA bereit, die seit Jahrzehnten versuchen, die Insel zu isolieren. 1964 sagte er, er sei zu Gesprächen "sogar auf dem Mond" bereit.

Anita Snow/AP / AP