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PRESSESCHAU: 02.04.: Festnahme Slobodan Milosevics

Das alles bestimmende Thema in den Kommentaren der europäischen Presselandschaft ist die Verhaftung des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic.

»El Pais«: Milosevic gehört vor UN-Tribunal

Die linksliberale spanische Zeitung »El Pais« (Madrid) schreibt am Montag zur Festnahme des jugoslawischen Ex- Präsidenten Slobodan Milosevic: »Despoten präsentieren sich normalerweise als Führer, für die es keine Alternative außer dem Chaos gibt. So dürfte Slobodan Milosevic, den die westlichen Mächte noch vor kurzem als möglichen Partner hofiert hatten, kaum damit gerechnet haben, in einer Zelle des Belgrader Zentralgefängnisses zu landen. In seinem Land wird die Festnahme dazu beitragen, die Risse innerhalb des Regierungsbündnisses zu kitten. Milosevic soll wegen Korruption und Amtsmissbrauchs vor Gericht gestellt werden. Es ist aber wenig wahrscheinlich, dass er sich auf Dauer dem Internationalen Gerichtshof entziehen kann. Den Haag ist der einzige angemessene Ort, der unheilvollen Milosevic-Ära ein Ende zu setzen.«

»De Standaard«: Westeuropa zahlt Milosevic-Folgen

Die flämische Tageszeitung »De Standaard« kommentiert am Montag die Festnahme des serbischen Ex-Staatschefs Slobodan Milosevic: »Es ist Milosevic, der den serbischen Nationalismus missbraucht hat, um von 1987 an die Kosovo-Frage auf die Spitze zu treiben. Und es ist Milosevic, der mit seiner harten Linie und seinen unmöglichen Verhandlungsbedingungen den Separatismus von Slowenien und Kroatien beschleunigt hat. Mit allen seinen Folgen in den beiden Teilrepubliken und der völligen Abtakelung des Rests von Ex- Jugoslawien als Endergebnis. Die internationale Gemeinschaft - allen voran der westeuropäische Steuerzahler - bezahlt dafür noch immer den Preis in Form endloser militärischer und wirtschaftlicher Interventionen in der Region. Slobodan Milosevic wird deshalb früher oder später auch in Den Haag belangt werden, vor dem Internationalen Gerichtshof.«

»Corriere della Sera«: Meisterwerk Kostunicas

Die Mailänder Zeitung »Corriere della Sera« kommentiert am Montag die Festnahme Milosevics: »Ein Regime, das von einer demokratischen Wahl gestürzt wurde, eine Revolution ohne Tote und ein Diktator, der sich der Polizei ergibt - das sind seltene Ereignisse in der Geschichte, und das speziell in einem Land wie Serbien, nach einem enthumanisierten Leben und nach einem Jahrzehnt des Krieges und der Mafia-Korruption. Aber genau das ist die Chronologie der Ereignisse der vergangenen Monate in Belgrad, vom Sturm auf das Parlament bis zum Abgang von Milosevic aus seinem Bunker. Statt der Tragödie, die alle erwartet hatten, ist daraus das politische Meisterwerk Kostunicas geworden. Der neue jugoslawische Präsident, bis zum vergangenen Jahr ein unbekannter Rechtsprofessor, schüchtern, spröde, ein klassischer «Mann ohne Eigenschaften», der vergangene Nacht ein weiteres Wunder vollbracht hat.«

»Le Figaro«: Mit Milosevic ist ein Symbol gestürzt

Für die konservative französische Tageszeitung »Le Figaro« (Paris) hat am Montag die Festnahme des Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic in Belgrad Symbolwert: »Mit Milosevic ist ein Symbol gestürzt worden. In der Region beginnt man zu verstehen, dass die Ära der Kommunisten, die sich zu Nationalisten gewandelt haben, endgültig vorbei ist. Das gilt für das Kroatien nach Tudjman ebenso wie für die Protagonisten eines Groß- Albaniens. Gleichzeitig gilt, dass mit der demokratischen Normalisierung in Serbien der Unabhängigkeitstraum für Kosovo in weite Ferne rückt. Für die Zukunft des Balkans ist diese Gewissensprüfung der Serben und ihrer Nachbarn viel wichtiger als unsere Gewissensprüfung. Der Anfang ist gemacht, wenn Milosevic in Serbien vor Gericht gestellt wird.«

»The Guardian«: Prozess in Belgrad wäre auch denkbar

Zur Festnahme des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic schreibt am Montag die britische Zeitung »The Guardian« (London): »Es ist entscheidend, dass die Serben alles darüber erfahren, wie Milosevic ihr Land täuschte, teilte, betrog und ruinierte. Doch genauso entscheidend ist es, dass den vielen Opfern der Kriegsverbrechen Milosevics, in Bosnien und anderswo, Gerechtigkeit widerfährt. Diese Forderungen überschneiden sich. Um ein weiteres Tauziehen um die Auslieferung zu verhindern, könnte man doch ein Gericht in Belgrad unter der gemeinsamen Aufsicht des UN-Kriegsverbrecher-Tribunals und des serbischen Staats begründen.«