Rede vor dem Bundestag Schimon Peres gedenkt der Toten des Holocaust


Der israelische Staatspräsident Schimon Peres gedenkt mit einer Rede vor dem deutschen Bundestag der Opfer des NS-Regimes. Heute vor 65 Jahren befreiten russische Truppen das Konzentrationslager Auschwitz.

Es ist keine alltägliche Rede für Schimon Peres. Israels Präsident spricht am Mittwoch vor dem Bundestag über Verbrechen, die eigentlich nicht mit Worten in einer Rede fassbar sind: Auch deshalb wählt er vielleicht eingangs ein Kaddisch-Gebet, um der Millionen Juden zu gedenken, die während der NS-Zeit ermordet wurden. Der 86-jährige Friedensnobelpreisträger erinnert an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 65 Jahren. Der internationale Holocaust-Gedenktag ist ein Tag der Trauer für Israelis, doch ihr Staatsoberhaupt hat diesen Tag gewählt, um vor Deutschen in Berlin neben deren Verantwortung auch Frieden und Freundschaft zu beschwören.

Dass der einst stramme Verteidigungspolitiker Peres zu einem Friedenspolitiker geworden ist, zeigt sich während seines dreitägigen Staatsbesuchs in Deutschland mehrmals: Wenn er im Gespräch mit israelischen und deutschen Jugendlichen diese auffordert, nicht nach kurzlebigen Gewinnen zu streben, sondern nach Frieden. Oder wenn er nach einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) von der Verheißung einer Zukunft für "unsere jungen Menschen und Ihre jungen Menschen" spricht - im Wissen um die Vergangenheit.

Die Jugendlichen lauschten Peres, der ihr Urgroßvater sein könnte, am Dienstag respektvoll. Und als er, der als junger Politiker Israels Gründervater David Ben Gurion zuarbeitete, am Mittwoch im Plenum von seinem eigenen Großvater spricht, ist das "Gewicht der Erinnerung" des Judenmords körperlich spürbar. Rabbi Zwi Meltzer - "mein Lehrer und Erzieher" - habe ihn, den elfjährigen "Lieblingsenkel", 1934 mit einer "überschwänglichen Umarmung" aus Wiszniewo im damaligen Polen verabschiedet. "Mein Junge, bleib immer ein Jude", habe sein Großvater gesagt. Für Peres führte die Reise nach Tel Aviv. Seine Großeltern und sein Onkel wurden in der Synagoge der Stadt lebendig verbrannt.

Peres ist der dritte Präsident seines Landes, der vor dem Bundestag eine Rede hält. Als Eser Weizman 1996 als erster israelischer Staatsgast vor dem deutschen Parlament sprach, tat er dies nach eigenen Worten mit einem "Rucksack der Erinnerungen" auf den Schultern. Mosche Katzav erinnerte 2005 an das "Trauma der Vergangenheit", um daraus eine "Hoffnung für die Zukunft" werden zu lassen.

Peres spricht von der "Brücke über dem Abgrund", die mit "schmerzenden Händen und Schultern, die dem Gewicht der Erinnerung kaum standhielten, aufgebaut" worden sei und "auf starken, moralischen Grundfesten" stehe. Eine "einzigartige Freundschaft" verbinde Israel und Deutschland. Und Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) wählt in der Gedenkstunde seine eigene Beschreibung des bilateralen Verhältnisses, das "nie normal war und deshalb auch nicht normal werden muss und soll".

Doch der Staatsgast aus Israel hat auch Wünsche, die in der Forderung "Nie wieder" deutlich werden und heute vor allem dem Iran gelten. Ohne die Machthaber in Teheran beim Namen zu nennen, spricht Peres von "Drohungen, unser Volk und unseren Staat zu zerstören", die "im Schatten von Massenvernichtungswaffen" ausgesprochen würden.

Die "Reparationsleistungen", die sich Israel heute von Deutschland für den Ernstfall erhofft, würden in einer anderen Währung gerechnet: "Ein Angriff auf Israel kommt einem Angriff auf Deutschland gleich", zitiert Peres aus Merkels Rede vor dem US-Kongress Ende Oktober. Für die von Peres als "bewegende Worte unverbrüchlicher Unterstützung" umschriebene Passage nennt Lammert den Adressaten: Das Szenario einer Atommacht Iran sei "nicht nur für Israel unerträglich", auch die Weltgemeinschaft könne "eine solche Bedrohung nicht dulden". "Manches ist verhandelbar, das Existenzrecht Israels nicht."

Es ist dies einer der wenigen Momente, in denen die Reden dieser Gedenkstunde von starkem Applaus unterbrochen werden. Die "Zeit läuft aus", hatte Merkel am Dienstag mit Blick auf mögliche Iran-Sanktionen gesagt und den Februar als entscheidend bezeichnet. Israel wird auf die Taten achten.

Daniel Karl Jahn, AFP AFP

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker