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Russland: Putins Gegnerin bei der Wahl: Wenn eine "Blondine in Schokolade" zur Stimme der Vernunft wird

Schrill, frivol und ziemlich nackt: Als "Blondine in Schokolade" ist Xenia Sobtschak in die Annalen des russischen Trash-TVs eingegangen. Ihre Kandidatur für das Präsidentenamt löste Gelächter aus. Aber nun ist sie eine der wenigen, die mutige Worte wagt.

Xenia Sobtschak posiert für die Presse in einem Einkaufszentrum

Xenia Sobtschak posiert für die Presse in einem Einkaufszentrum

Dass die russischen Parlamentswahlen am 18. März nicht ohne knallige Überraschung auskommen werden, wurde bereits im Sommer deutlich. Damals tauchten die ersten Gerüchte auf, dass eine Frau sich als Kandidatin für das Präsidentenamt aufstellen lassen will. Seit 14 Jahren hat man in Russland sowas nicht mehr erlebt! Die politischen Analysten des Landes überboten sich in spekulativen Überlegungen, um wen es sich denn handeln könnte. Unzählige Namen wurden durchgekaut. Und irgendwann fiel auch der von Xenia Sobtschak. Als Scherz.

Die 35-Jährige ist als die "Blondine in Schokolade" in die Annalen des russischen Trash-Fernsehens eingegangen (den Titel verdankt sie ihrer Synchronisationstimme von Paris Hilton in "Die Partyanimals sind zurück!"). Frivol, dreist und ziemlich nackt tingelte sie durch die Party-Szene in Moskau, ließ sich für den Playboy ablichten und goss allerlei schmutzige Details aus ihrem Privatleben über die russische Öffentlichkeit aus. Als Moderatorin der skandalösen Reality-Show "Dom-2" (zu Deutsch: Haus-2) erreichte Sobtschak 2004 den bis dato denkwürdigsten Punkt ihrer TV-Karriere: Acht Jahre lang präsentierte sie das hormonübersättigte Liebesgeplänkel von Provinz-Barbies mit aufgeklebten Plastiknägeln und Möchtegern-Machos auf Steroiden, die ungeniert vor laufenden Kameras kopulierten.

Dass ausgerechnet Sobtschak die ominöse Frau sein sollte, die ein Auge auf das Präsidentenamt geworfen hat, konnte ja nur ein schlechter Witz sein - dachten viele. Doch sie irrten.

Wer gegen alle ist, wählt Xenia Sobtschak

Im Oktober 2017 verkündete die russische Paris Hilton, wie ihre Kritiker sie verspotten, ihre Absicht, sich zur Wahl zu stellen. Und zwar wie es sich für ein It-Girl gehört: via Youtube. "Sie haben keinen Favoriten? Dann machen Sie ihr Kreuzchen bei Sobtschak", rief sie ihr Auditorium aus der heimischen Küche auf. "Ich kandidiere. Und zwar nicht als einfache Kandidatin, sondern als Stellvertreterin für alle, die nicht kandidieren können."

In einem Programmbrief erklärte Sobtschak ihre Beweggründe für die Entscheidung und positioniert sich als eine Protest-Kandidatin. "In den noch dramatischeren Oktobertagen des Jahres 1993 wurde in Russland die legale Möglichkeit geschaffen, Wahlen zu boykottieren", erinnerte sie. Damals wurde auf den Wahlzetteln eine neue Spalte integriert: "Gegen alle" hieß sie. Wer es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren konnte, für einen der aufgestellten Kandidaten zu stimmen, konnte hier sein Kreuzchen machen. "Ein legales und absolut friedliches Instrument, um seine Unzufriedenheit mit dem Wahlverfahren, der Zusammensetzung der Anwärter und der nicht abwählbaren Regierung zum Ausdruck zu bringen", so Sobtschak. 

Doch diese Spalte existiert seit 2006 nicht mehr. "Mit meiner Teilnahme an den Präsidentschaftswahlen im März möchte ich sie wieder einführen", verkündet die Skandal-Blondine in ihrem Brief.

"Ihr habt etwas dagegen, dass außer Sjuganow, Jawlinsky, Putin und ihren gesichtslosen Getreuen niemand auf den Wahllisten steht? Ihr möchtet Eure Position bekunden, aber Euer Favorit darf nicht kandidieren? Dann wählt Sobtschak", rief die 35-Jährige die Bürger auf. "Ihr wählt sie nicht zur Präsidentin. Ihr bekommt einfach eine legale und friedliche Möglichkeit, zu sagen: 'Es reicht!'" 

"Es eine Schande, die Wahl in eine Lachnummer zu verwandeln"

Die Kandidatur Sobtschaks hat die russische Öffentlichkeit in zwei Lager gespalten. Die einen halten das Ganze für eine Farce. So wie etwa Gennadij Sjuganow, Chef der kommunistischen Partei Russlands. "Ich nehme unser Land, seine Bewohner, Wähler und die Wahl selbst sehr ernst. Das alles in eine Tragikomödie zu verwandeln, macht keinen Sinn", kommentierte er Sobtschaks Kandidatur. "Xenia hat unser Land und unser Volk als genetischen Abschaum bezeichnet. Wie kann sie Präsidentin werden wollen, wenn sie solch eine Beurteilung abgibt? Ich glaube, sowas ist nicht einmal in Burkina Faso möglich. Daher ist es eine Schande, die Wahl in eine Lachnummer zu verwandeln."

Sobtschak hatte 2012 in einem Interview erklärt, die Ereignisse des 20. Jahrhunderts hätten dazu geführt, dass "Russland zu einem Land des genetischen Abschaums" verkommen sei. Der Skandal war da natürlich programmiert.

In die Kreml-Elite hinein geboren 

Doch es gibt auch das Lager derer, die der ungewöhnlichen Präsidentschaftskandidatin gar nicht so schlechte Chancen zugestehen. "Ich denke, alles hängt davon ab, mit welchem Programm sie in die Wahlkampf ziehen wird", kommentierte der prominente oppositionelle Politiker Dmitri Gudkow im vergangenen Oktober. "Wenn es eine echte, harte Anti-Putin-Kampagne wird, dann besteht die Chance, dass sie eine neue Generation an Wählern mobilisiert und ein gewisses Resultat erzielt. Alles hängt von Xenia ab, ich kann ihr nur Glück wünschen. Obwohl ich eigentlich Nawalny unterstütze, aber ich denke nicht, dass es große Überschneidungen zwischen den Wählerschaften der beiden gibt."

Wladimir Putin besucht mit der Witwe von Anatoli Sobtschak das Grab seines Mentors in Sankt Petersburg

August 2007: Wladimir Putin besucht mit der Witwe von Anatoli Sobtschak das Grab seines Mentors in Sankt Petersburg

Dass Sobschak in eine ernsthafte Opposition zu Putin gehen würde, erwartete im vergangenen Herbst tatsächlich niemand. Von ihrer Geburt an gehört sie zur Kreml-Elite. Es war ihr Vater, unter dessen Fittichen Putin einst seine Polit-Karriere begonnen hatte. Anatoli Sobtschak war zwischen 1991 und 1996 der Bürgermeister von Sankt Petersburg und gilt als politischer Ziehvater nicht nur von Putin, sondern auch von Dmitri Medwedew.

Putin, der in den 90er Jahren in Sankt Petersburg zum Stellvertreter von Sobtschak erhoben wurde, ist bis heute ein enger Freund der Familie. 2000 verstarb sein Mentor. Jahr für Jahr besucht Putin seitdem an seinem Todestag sein Grab - zusammen mit Sobtschaks Witwe, ebenfalls einer Politikerin. 

Große Überraschung: Sobtschak geht tatsächlich in die Opposition 

Doch dann die Überraschung: Im Wahlkampf versuchte Sobtaschak tatsächlich die alten Familienband abzuschütteln und ging in eine provokante Opposition zu praktisch allen politischen Kräften in Russland, auch zu Putin. Russlands Annexion der Halbinsel Krim verurteilt sie als Völkerrechtsbruch. Den Sowjetdiktator Josef Stalin, den der Kreml bereist seit einigen Jahren wieder zu resozialisieren versucht, bezeichnet sie als Verbrecher. Und Lenin, immer noch für viele ein Nationalidol, müsse endlich aus dem Mausoleum unter die Erde verschwinden, forderte sie. Sogar gegen die Kandidatur von Putin hat sie bei Gericht Zweifel angemeldet.

Im Endspurt vor den Wahlen fiel ausgerechten die "Blondine in Schokolade" durch Vernunft auf. Nachdem Putin am 1. März in seiner Rede an die Nation seine neue Wunder-Waffen-Armada präsentiert hatte, gehörte Sobtschak zu den einigen wenigen, die sich von der Militär-Hysterie distanziert haben. 

Während einer Wahlkampfdebatte in der Sendung eines der Chef-Propagandisten des Kremls Wladimir Solowjew, sagte sie: "Niemand interessiert sich für irgendwelche Raketen, die sonst wie toll fliegen können. Wir müssen uns mit unserem Sozialsystem beschäftigen, mit dem Sozialwohnungsbau, weil im ganzen Land die Menschen in Baracken hausen [...], mit unseren Gesundheitssystem, Bildung. Das sind die Sachen, die wichtig sind, und nicht die Raketen. Das macht nur Männer wie Putin an. Das führt jedoch dazu, dass wir außer Waffen und natürlichen Ressourcen nichts exportieren können. Wir sind nicht in der Lage etwas anderes zu produzieren [...]. Auf was außer diesen Raketen können wir in Russland stolz sein?", fragte Sobtschak provokativ und lief damit dem geltenden Imperativ der staatlichen Medien zuwider, der die Überlegenheit Russlands in allen denkbaren Sphären propagiert. 

"Wenn ich Präsidentin wäre, hätte ich vielleicht auch die Krim zurückgeholt"

Doch mit ihren harschen Auftritten kann Sobtschak bei der Bevölkerung nicht punkten. In Umfragen kommt sie auf zwei Prozent. Manche können sie schlicht nicht ernst nehmen. Andere sehen in ihr eine Marionette des Kremls. Denn vor nicht allzu langer Zeit klang sie noch ganz anders. Aus ihrer Bewunderung und Verbundenheit zu Putin hat Sobtschak in der Vergangenheit kein Geheimnis gemacht. "Ich fühle mich gegenüber Putin verpflichtet und werde es ihm immer hoch anrechnen, dass er seinerzeit meinem Vater in einer schwierigen Situation beigestanden hat", sagte sie einst.

Auch auf politischer Ebene hielt sie große Stücke auf ihn. "Er ist der Präsident, der die Krim zurück nach Russland geholt hat. In jedem Lehrbuch wird das ein wichtiges Kapitel sein", sagte sie nach der Annektierung der Halbinsel. "Wenn ich Präsidentin wäre, hätte ich es vielleicht auch gewagt, die Krim wieder zurückzuholen."

Wahrhaft Oppositionelle werden diese Worte nicht vergessen haben. Und andere wählen eher Putin. Zu ihren Chancen bei der Wahl macht sich Sobtschak aber ohnehin keine Illusionen. "Putin gewinnt immer bei Wahlen", sagt sie. Aber sie wolle kämpfen, in der Politik bleiben und eine Bewegung gründen, "mit der ich in sechs Jahren in die nächste Präsidentenwahl gehe."

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