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Schuldenkrise: Zypern gerettet, Europa entfremdet

Der Inselstaat entgeht der Pleite. Doch wie kam der Kompromiss zustande? Zypern setzte auf Erpressung, seine Europartner auf Drohung. Europa zahlt einen hohen Preis für den Erhalt seiner Währung.

Von Andreas Hoffmann

Wer hat eigentlich gesagt, dass europäische Politik langweilig ist? Was sich Zypern und die Euroländer in den letzten Tagen geleistet haben, glich einem Thriller. Klein gegen Groß, Groß gegen Klein. Der Kleine will sich dem Großen nicht beugen, der Große will sich nicht vorführen und erpressen lassen.

Das Ergebnis: Der Euroraum bricht nicht auseinander, ja, die Rettung der gemeinsamen Währung wird sogar gerechter. Europas Steuerzahler übernehmen nicht einfach die Rechnung für Zyperns aufgeblähten Finanzsektor. Stattdessen werden marode Banken abgewickelt, und blechen müssen #link;neues-rettungspaket-zypern-erhebt-30-prozent-zwangsabgabe-1988824;vor allem reiche Investoren#, die in den letzten Jahren ihr Geld auf der Mittelmeerinsel angelegt und damit gut verdient haben. Sie dürften 40 Prozent oder mehr ihrer Einlagen verlieren.

Rettung mit unbekannten Nebenwirkungen

Vor allem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble kann sich freuen. Er hat sich mit seinen Forderungen am Ende durchgesetzt. Insofern müssen Europas Bürger dem zyprischen Parlament dankbar sein, dass es die geplante Bankenabgabe für Sparer abgelehnt hat. Dass die jetzt gefundene Lösung nicht schon vor einer Woche möglich war, lag vor allem am zyprischen Staatspräsidenten Nikos Anastasiadis. Er wollte seine Banken vor allzu viel Unheil bewahren und brachte so die fast schon vergessene Eurokrise zurück in die Schlagzeilen.

Die Nebenwirkung der Rettung ist noch nicht abzusehen. In Zypern werden die Geldhäuser schrumpfen, Bankangestellte verlieren ihren Job, und das Land muss kräftig sparen. Viel bittere Medizin, von der noch keiner weiß, ob sie tatsächlich hilft. Das Land hat kein Geschäftsmodell mehr und wie ein neues aussehen könnte, weiß keiner. Vielleicht droht den Zyprern das Schicksal der Griechen, die heute in einer Depression leben, wo Massenarbeitslosigkeit und eine Schrumpf-Wirtschaft den Staat sprengen können. Und wie werden die Europäer nach dieser Woche in der Welt wahrgenommen? Als gute Krisenmanager, die ihre Währung gerettet haben? Oder als Bombenleger, die mit brennenden Dynamitstangen hantieren?

Am Schluss raufen sich die Europäer zusammen

Welcher Eindruck am Ende vorherrscht, ist entscheidend. Er bestimmt die Zukunft des Kontinents. Senken die weltweiten Anleger den Daumen, könnten sie ihre Milliarden abziehen und Länder, wie Spanien oder Italien, unter Druck setzen. Der Abzug der Gelder würde die dortigen Banken und Staaten weiter ins Trudeln bringen, neue Hilfspakete wären nötig, denen die Nordländer aber kaum zustimmen wollen.

Es muss nicht so kommen. Am Schluss raufen sich die Europäer immer zusammen, wie die Zypern-Rettung beweist. Die vergangene Woche zeigte auch: Die Menschen verfallen eben nicht in Panik. Im Süden stürmten keine erbosten Kunden die Banken und räumten die Konten leer. Spanien konnte seine Staatsanleihen günstig loswerden, die Verluste an den Börsen hielten sich in Grenzen. Es könnte gut gehen, mit diesem Euro.

Zypern-Showdown verstärkt die Entfremdung Europas

Es bleiben aber tiefe Wunden, die der Zypern-Showdown geschlagen hat. Die Länder verstehen einander immer weniger, was besonders tragisch ist, weil Euroland auf gutem Weg war. In den Krisenländern hellte sich die düstere Lage auf, die öffentlichen Defizite sanken, die Exporte stiegen und einzelne Länder bekamen leichter Geld für ihre Staatsanleihen. Das alles waren gute Signale - aber es waren ökonomische Signale. Sie wurden übertönt von den Kritikern im Süden und Norden. In Italien sammelten Beppo Grillo und Silvio Berlusconi mit Anti-Europarolen viele Wählerstimmen, in Deutschland will eine Anti-Euro-Partei bei der Bundestagswahl antreten.

Europa entfremdet sich. Der Zypern-Showdown hat die Entfremdung verstärkt. Die Deutschen sehen nur das Chaos der Zyprer, die Zyprer nur die Bevormundung der Deutschen. Wer gelesen hat, wie der maltesische Finanzminister die Verhandlungen in der Eurogruppe erlebt hat ("der zyprische Staatspräsident zeigte sich verhandlungsbereit, als man ihm eine Pistole an die Schläfe hielt"), erkennt: Etwas ist kaputt gegangen in Europa.

Europa funktioniert, wenn die Balance gewahrt bleibt

Natürlich wollen sich die Geberländer nicht erpressen lassen. So kann Europa nicht funktionieren. Aber der alte Kontinent kann auch nicht funktionieren, wenn die Deutschen dem Kontinent vorschreiben wollen, wo es lang gehen soll. Das haben wir in den vergangenen hundert Jahren schon zweimal versucht, die Folgen waren fürchterlich. Europa funktioniert nur, wenn die Ba-lance gewahrt bleibt, wenn den Kleinen nicht der Atem geraubt wird und die Großen nicht überfordert werden. Aber ist dieser Punkt nicht längst überschritten?

Überfordern die Deutschen nicht all die Milliarden, die sie nach Europa pumpen? Keineswegs. Wir retten nicht allein den Euro. Das Geld für den Rettungsschirm ESM haben 17 Länder eingezahlt, pro Kopf betrachtet schultern Luxemburger, Niederländer oder Iren höhere Lasten als die Deutschen. Viel echtes Geld ist oh-nehin nicht geflossen. In der Regel geht es um Garantien und Kredite, für die die Länder Zinsen zahlen müssen.

Deutschland hat viel zu verlieren

Ob die Darlehen am Ende vollständig zurückgezahlt werden, weiß natürlich keiner. Aber selbst in dem unwahrscheinlichen Fall, dass etwa alle geflossenen und zugesagten Kredite an Griechenland von etwa 160 Milliarden Euro abgeschrieben werden müssten, hielt sich der Verlust in Grenzen. Deutschlands Anteil würde vielleicht bei 30 bis 40 Milliarden Euro liegen. Das ist nicht wenig, aber wir haben in den letzten Jahren nach Schätzungen etwa 40 bis 50 Milliarden Euro an der Krise verdient. Für unsere Staatsanleihen müssen wir nämlich nur wenig Zinsen zahlen, weil die ganze Welt sie haben will. Nein, Deutschland ist in Sachen Euro nicht Mutter Teresa, auch wenn das viele Bürger glauben. Wir sind die Deutsche Bank. Wir verdienen gut an der Krise.

Bei einem Ende des Euros hätten wir auch am meisten zu verlieren. Die schönen Autos, Maschinen und Chemieprodukte, die jetzt sehr begehrt sind, würden sich zu Ladenhütern entwickeln. Keiner könnte sie sich dann noch leisten. Sie wären zu teuer geworden. Bei einer Rückkehr zur D-Mark würde die Währung stark aufwerten. Ohne den Euro wäre das riesige Auslandsvermögen, das Deutschland in den letzten Jahren als Folge der Exportüberschüsse angehäuft hat, auch nicht mehr viel wert. Das Ausland könnte seine Schulden nicht zurückzahlen, die Werte wären futsch. Von dem politischen Tohuwabohu eines Eurozusammenbruchs wollen wir gar nicht reden. Die Länder würden sich gegenseitig die Schuld zu schieben und endlos streiten, von über 60 Jahren europäischer Einigung bliebe nicht mehr viel übrig.

Die Deutschen haben viel zu verlieren, wenn der Euro scheitert. Von uns hängt es ab, ob er überlebt. Rechthaberei und neuer Wilhelminismus werden ihn nicht retten, mögen sie im Bundestagswahlkampf auch noch so gut ankommen.