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Trumps Ex-Berater: Nach Aus im Weißen Haus: Wie Steve Bannon im Hintergrund an Europas Ordnung rüttelt

Einst war er als Schattenpräsident gefürchtet, dann flog Steve Bannon aus Donald Trumps Stab. Seiner Mission tat das keinen Abbruch: Bannon tritt für "Alt-Right International" ein - und hat dabei vor allem Europa im Blick.

Steve Bannon verfolgt seine politischen Ziele verstärkt in Europa - im Sinne Trumps?

Auch nach dem Rausschmiss aus dem Weißen Haus: Steve Bannon ist in seiner Mission, Europa zu radikalisieren, unterwegs - und er hat damit Erfolg.

Getty Images

Was macht eigentlich Steve Bannon? Sie erinnern sich, jener Mann, der mal Donald Trumps Chefstratege war. Der, der mit dem rechtsnationalen Newsportal "Breitbart" rund um die US-Präsidentenwahl 2016 den Hass auf das sogenannte Establishment ebenso hoffähig machte wie die ultrarechte "Alt-Right-Bewegung". Der als Schattenpräsident gefürchtet wurde, mit Trump als Marionette. Oder in Anlehnung an den Böswewicht aus den Harry-Potter-Büchern auch "Dunkler Lord" der Weltpolitik genannt wurde - unter anderem wegen Prophezeiungen, die USA würden innerhalb von zehn Jahren Krieg gegen China führen. Den hat Trump doch gefeuert, werden Sie jetzt vielleicht sagen, und das war's dann mit dem "Dunklen Lord". Doch das ist nicht wirklich so.

Ganz im Gegenteil, sagen politische Beobachter sogar. Bannon, dem schon kurz nach seinem Rausschmiss aus dem Weißen Haus nachgesagt wurde, er könne nun die politischen Agenda Trumps viel wirkungsvoller umsetzen als im Korsett der Administration, ist seither unbeirrt auf seinem weltweiten Kreuzzug. Eine Mission, die aktuell Europa im Visier hat und die die Radikalisierug des alten Kontinents weiter vorantreibt. Während man sich in Berlin über den neuen US-Botschafter Richard Grenell und seine - just in einem "Breitbart"-Interview - offen bekundete Sympathie für "andere Konservative" aufregt, reist Steve Bannon in Europa rum, um eben jene "anderen Konservativen" zu hofieren und anzustacheln. Niemand kann derzeit mit Sicherheit sagen, ob es sich dabei um konzertierte Aktionen im Sinne Trump'scher Politik handelt oder um geschicktes Agieren des gewieften Strippenziehers Bannon.

Populismus als neues Organisationsprinzip

Wie auch immer: Der Mann aus Virginia zeigt seit Monaten ein intensives Interesse für den alten Kontinent. Seit dem Frühjahr war der 63-Jährige mehrfach in Europa. Schon im März traf er sich beispielsweise in Italien mit dem Lega-Führer Matteo Salvini und drängte ihn, ein Bündnis mit der Fünf-Sterne-Bewegung einzugehen. Inzwischen ist diese Regierungskoalition Realität und Salvini Innenminister. Mit dem neuen rechts-links Bündnis hat sich in Italien Experten zufolge jener politische Traum Bannons erfüllt, der in den USA durch republikanische Orientierung Trumps ausgebremst wurde. "Sie sind die ersten, die das linke und rechte Paradigma wirklich brechen können", soll Bannon Salvini angestachelt haben, berichtete "Vanity Fair". "Sie können zeigen, dass Populismus das neue Organisationsprinzip ist." Lega und Fünf Sterne bildeten eine "historische Allianz".

Populismus als neues Organisationsprinzip, Aufbrechen des Links-Rechts-Schemas - das klingt tatsächlich nach mehr als dem  'schen (Twitter-)Krieg gegen die nach Meinung des aktuellen US-Präsidenten "gescheiterten Demokraten". Und es findet Gehör überall in Europa.

Steve Bannon findet überall in Europa Gehör

In Budapest wurde Bannon Ende Mai als "großer Denker" vorgestellt. "Die fundamentale Frage unserer Zeit ist, ob der Westen den Willen hat, zu überleben", wiederholte er dort sein und auch Trumps Credo aus erster Stunde, und wenig später: "Vor acht Monaten hat das ungarische Volk die Antwort gegeben - mit dem überwältigenden Sieg für Viktor Orbán." Bannons Vorgabe eines neuen Feindbildes für Europa: die Achse China-Türkei-IranWährend einer Podiumsdiskussion in Prag wenige Tage vor seinem Auftritt in Ungarn nannte er die liberale Nachkriegsordnung einen "Fetisch". 

Sein Auftritt beim erst kürzlich in Rassemblement National (Nationale Sammlungsbewegung) umbenannten französischen Front National von Marine Le Pen im vergangenen März ist ebenso legendär wie in seiner Zielsetzung eindeutig: "Sollen sie euch doch rassistisch, fremdenfeindlich, nativistisch, homophob, frauenfeindlich nennen", rief Bannon den französischen Nationalisten zu, "tragt es wie ein Ehren-Abzeichen!" Zu dieser Zeit holte sich auch AfD-Co-Fraktionschefin Alice Weidel Tipps von ehemaligen "Breitbart"-Mann darüber, wie man alternative Wahrheiten verbreitet. Der erst kürzlich angekündigte AfD-Newsroom soll eine Folge dieses Treffens sein. 

Verwirklicht sich Bannons neue Welt zuerst in Europa? 

Dass all' dies der Kompensation der Ausbootung durch Trump dienen soll, wie viele Journalisten meinen, mag man kaum glauben. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Steve Bannon schon 2014 seine Weltsicht in Europa vertrat - und zwar in einem vatikanischen Palast vor erzkonservativem, erzkatholischem Publikum. 2014? Das war bevor sich Donald Trump auf den Weg zur Macht im Weißen Haus machte. Doch was treibt Bannon aktuell an? "Ist Trump ein Opportunist, der das Rampenlicht sucht, wo Populisten gewinnen?", fragt die Kolumnistin des britischen "Guardian", Natalie Nougayrède, in ihrer Bannon-Analyse. Oder könnte er der Vorkämpfer einer transatlantischen "Alt-Right", die Vorhut eines Trump-artigen Angriffs auf das europäische Projekt? 

Die EU, so Nougayrède weiter, wolle Bannon nicht unbedingt fallen sehen, aber sie sollte einem Aus der gemeinsamen Währung in seiner Vorstellung zu einer "Konföderation freier und unabhängiger Staaten" mutieren. Der Aufstieg der Populisten in fast allen Ländern Europas lasse Bannon daran glauben, dass der alte Kontinent die Keimzelle für die neue Weltordnung sein könne - anders als die .

Kein ein Einzelner eine so große Wirkung erzielen?

Fraglich bleibt, ob ein einzelner Mann wirklich so viel Einfluss ausüben kann. Fakt ist aber: Steve Bannon hat Trump zum Wahlsieger gemacht. Und in Europa ist der Populismus massiv auf dem Vormarsch. Bannons Vorhaben einer "Alt-Right International" fällt in der EU auf fruchtbaren Boden und er gießt das Pflänzchen unentwegt. Schon ist - beispielsweise in Polen - die Rede von einer Rückbesinnung auf die Traditionen der 1950er- und 1960er-Jahre und einer aggressiven, konfrontativen Haltung gegenüber Brüssel. Im Mai 2019 stehen Europawahlen an. Dass dem nächsten EU-Parlament deutlich mehr Euroskeptiker und Populisten angehören werden als bisher, steht schon jetzt außer Frage. Wie groß Steven Bannons Anteil daran ist, lässt sich kaum beziffern, aber auch kaum unterschätzen. Das Wissen darum dürfte ein Grund dafür sein, dass Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Europas starker Mann, in diesen Tagen vor einem "politischen Bürgerkrieg" in der EU warnt. 

dho