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Analyse

"Super Tuesday": "Der gute Mann": Joe Biden ist der große Gewinner – und Bernie Sanders hat nichts gelernt

Es war ein Wahlabend, an dem die Experten völlig daneben lagen: Joe Biden hat im Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur dank unerwarteter Erfolge über seine Rivalen jetzt das Momentum auf seiner Seite.

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Spät an diesem dramatischen Abend betrat Joe Biden mit seiner Frau und seiner Schwester die Bühne in Los Angeles und konnte es selber kaum glauben: "Man nennt diesen Tag nicht umsonst Super Tuesday", rief er seinen jubelnden Anhängern zu.

Dann rief er die Staaten hinaus, die er an diesem "Super Tuesday" gewonnen hatte: Virginia (überraschend), North Carolina (überraschend), Alabama (erwartbar), Arkansas (überraschend) Tennessee (überraschend), Oklahoma (überraschend), Minnesota (sehr überraschend), sogar Maine (sehr überraschend) und Massachusetts (sehr überraschend). 

Joe Biden: South Carolina brachte die Wende

Bis zum vergangenen Samstag in South Carolina hatte Joe Biden nicht einen einzigen Bundesstaat gewonnen. Nicht 1988 bei seinem ersten Versuch. Nicht 2008 bei seinem zweiten. Er hatte sich diesmal schon in Iowa und New Hampshire blamiert. Er war eigentlich schon tot.

Samstag kam die Wende. South Carolina hatte ihn gerettet. Genau genommen hatte ihn Jim Clyburn gerettet, der einflussreiche schwarze Abgeordnete in South Carolina. Clyburn hatte Joe Biden seine Unterstützung ausgesprochen und ihn einen "guten Mann" genannt – und daran hatten sich bis zu 50 Prozent der schwarzen Wähler orientiert.

"Der gute Mann." Das hört man überall. Anständig. Einfühlsam. Nahbar. Das spielte bei den Vorwahlen jetzt eine Rolle, weil er das genaue Gegenteil von Donald Trump ist. 

Und auf gewisse Weise auch das Gegenteil von Bernie Sanders.

Eigentlich galt Bernie Sanders als großer Favorit an diesem "Super Tuesday". Er wollte nicht nur viele Staaten gewinnen, vielleicht sogar alle 14, sondern so viele Delegiertenstimmen auf sich vereinen, dass er von nun an uneinholbar gewesen wäre. 

Damit ist er gescheitert. Er hat gerade mal seinen Heimatstaat Vermont gewonnen, Colorado, Utah und Kalifornien, wo noch Stimmen ausgezählt werden. 

Also ging Sanders noch am Abend in die Offensive. Auf der Bühne in Vermont, eingerahmt von seiner Familie, stellte er Biden als Mann des Krieges hin, als Mann, der die Rente kürzen wollte, der schlechte Handelsverträge gemacht hat, der gegen Trump nicht gewinnen kann, weil er nicht die Jugend auf seiner Seite hat und keine breite Basis.

Mit dieser Analyse lag Sanders an diesem Abend daneben. Zwar hat er die Jugend auf seiner Seite, auch viele Latinos. Aber nicht die Alten. Nicht die gemäßigten Wähler. Nicht die in der Mitte. Nicht die Frauen. Vor allem nicht die Schwarzen. Die mangelnde Unterstützung von Afro-Amerikanern hat ihm schon vor vier Jahren das Genick gegen Hillary Clinton gebrochen. Und jetzt womöglich wieder. Er hat nichts gelernt.

Das "Comeback Kid" setzt alles auf eine Karte

Das Momentum ist jetzt mit Biden. Auch die prominenten Abgeordneten und Gouverneure laufen jetzt zu Biden. Und schon in einer Woche wählen weitere Staaten, wo Biden Favorit ist: Missouri, Mississippi. Washington und Michigan gelten als umkämpft. 

Es war auch eine jener Wahlabende, an dem die Experten mal wieder daneben lagen. Keiner hatte vor einer Woche noch auf Biden gesetzt. Er hatte kein Geld mehr, keine Büros, keine Wahlhelfer. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt: South Carolina. Höher pokern konnte er nicht – und es zahlte sich aus. Er war wieder mal das Comeback Kid. "Totgesagt" von Medien und Experten, wie er nicht ohne Stolz auf der Bühne sagte. 

Jetzt ist es das Duell der beiden alten weißen Männer. Elizabeth Warren, die wieder mal enttäuschte und nicht mal ihren Heimatstaat Massachusetts gewinnen konnte, hat keine Chancen mehr. Auch Michael Bloomberg, der mehr als 500 Millionen Dollar investierte, hat keine Chancen mehr.

Nun heißt es Biden gegen Sanders. Und nachdem vor einem Jahr Biden Favorit war und bis gestern Sanders, so ist es nun wieder: Joseph Robinette Biden, 77, aus Scranton, Pennsylvania.