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TV-Duell zur Europawahl "Der plappert mir ja alles nach"


Schulz oder Juncker? Ist das etwa die Frage? Der ultimative, zugespitzte, definitiv proeuropäische Rückblick auf das erste übernationale TV-Duell zur Europawahl.
Von Jens König

Ja, am gestrigen Abend wurde Geschichte geschrieben, die wenigsten Zuschauer werden es allerdings so empfunden haben. Zum ersten Mal duellierten sich die beiden aussichtsreichsten Spitzenkandidaten bei der Europawahl live im Fernsehen, übertragen in Deutschland (im ZDF) und in Österreich (ORF 2). Ein übernationales, europäisches Ereignis also in Zeiten des überall erstarkenden Nationalismus. Das war durchaus mutig, nicht nur, weil zur gleichen Zeit Heidi Klum und Wolfgang Joop Germany's next Topmodel kürten. Sondern auch, weil die Europawahl bei den Bürgern – formulieren wir's mal vorsichtig – nicht gerade Begeisterungsstürme entfacht.

Das Fernsehen setzte, wie die Parteien auch, auf totale Personalisierung. Martin Schulz, der Sozi aus Deutschland, gegen Jean-Claude Juncker, den Konservativen aus Luxemburg. Beide wollen, einen Sieg bei der Europawahl am 25. Mai vorausgesetzt, Präsident der Europäischen Kommission werden. Und beide haben dafür die Unterstützung ihrer jeweiligen Lager. Ob es so kommt oder die Staats- und Regierungschefs am Ende nicht doch wieder einen Kandidaten ihrer Wahl aus dem Hut zaubern, kann heute keiner mit Gewissheit sagen. Aber so oder so – es geht um Europas nächsten Top-Politiker. Wissen wir nach dem gestrigen Duell, wer der bessere von beiden wäre? Na ja.

Das Ereignis hinter dem Ereignis?

War natürlich hinter den Kulissen zu beobachten. Beim Empfang nach dem Duell im ZDF-Hauptstadtstudio in Berlin nahm Kanzleramtsminister Peter Altmaier, Vertrauter von Angela Merkel, Jean-Claude Juncker in den Arm. "Ich soll dir ganz liebe Grüße von Angela bestellen“, flötete Altmaier. Klar, Juncker hatte in den 90 Minuten zuvor ja auch einen lupenreinen Merkel-Auftritt hingelegt: keine Angriffsfläche bieten, im Zweifel die Position des Gegners einfach übernehmen. Schulz hatte das erkennbar zugesetzt. Er war ein bisschen genervt von Junckers Strategie. "Der plappert mir ja alles nach“, sagte er nach dem Duell im VIP-Raum.

Der witzigste Schlagabtausch?

Den gab es gleich am Anfang des, nun ja, Duells. Das ZDF hatte im Einspiel-Film behauptet, Juncker sei 60 und Schulz 59 Jahre alt. "Ich bin nicht 60, sondern 59“, sagte Juncker. "Und ich bin 58, nicht 59“, sagte Schulz. "Aber Sie sehen aus wie 59“, konterte Juncker. "Über Ihr Alter reden wir später“, keilte Schulz zurück.

Die wichtigsten Streitpunkte?

Gute Frage. Wirklich gestritten wurde nicht so viel. Schulz und Juncker, die sich duzen und seit 20 Jahren kennen, die sich schätzen und nicht gegenseitig niedermachen – sie haben in den wichtigen europäischen Fragen oft nur in Details unterschiedliche Auffassungen. Ukraine-Krise? Auf keinen Fall Krieg, höchstens Wirtschaftssanktionen. Noch mehr Länder in die EU? In den nächsten Jahren nicht. Brüsseler Bürokratie? Klar, muss abgebaut werden. Den größten Unterschied an diesem Abend gab es in der Steuerpolitik: Schulz plädierte für einheitliche Mindeststeuersätze in der EU, Juncker lehnte das ab und forderte "steuerlichen Wettbewerb“.

Der bessere Stilist?

War eindeutig Schulz. Angriffslustiger, klarer, ehrgeiziger. Juncker verströmt den Charme des abgebrühten, alternden Vollprofis, der in 4.723 Brüsseler Verhandlungsnächsten schon alles erlebt hat und der selbst nicht so recht weiß, warum er jetzt auch noch Präsident der Europäischen Kommission werden will. Schulz, der nicht studiert hat und lange unter Minderwertigkeitskomplexen litt, will unbedingt nach oben. Er hat sein Programm schon im Kopf. "Als Präsident der Europäischen Kommission mache ich die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen zur Chefsache.“ Und: "Ich will eine Kommission, die zur Hälfte aus Frauen besteht.“

Sieger?

Keiner von beiden. Schulz geht allerdings mit leichten Vorteilen in die letzten zweieinhalb Wahlkampfwochen.

Noch offene Fragen?

Ja, eine Frage blieb ungeklärt. Schulz warf dem langjährigen luxemburgischen Regierungschef Juncker vor, er stehe für ein Europa, das hinter verschlossenen Türen tagt. Juncker wollte Schulz da mit reinziehen und antwortete: "Wir sind uns zum ersten Mal in abgedunkelten Räumen begegnet.“ Nach dem Duell im VIP-Raum schüttelte Schulz sich vor Lachen: "Liebe Leute, den Darkroom, in dem Juncker mich kennengelernt haben will, kenne ich nicht.“ Weiß jemand Näheres?


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