US-Wahlkampf "Es ist Zeit für Rock and Roll"


Der Vereinfacher gegen den Feingeist - beim ersten Fernsehduell George W. Bush gegen John Kerry stand die Außenpolitik auf der Agenda. Es sollte ein Heimspiel für den amtierenden Präsidenten sein, doch der Herausforderer erkämpfte sich mehr als ein Unentschieden.
Von Katja Gloger, Washington

Auch Denise Mulle suchte die Antwort. Irgendwann in diesem Frühjahr wurde der 52-jährigen Geschäftsfrau aus Clayton, einer Vorstadt von St. Louis im US-Bundesstaat Missouri, klar: Bush muss raus aus dem Weißen Haus. Seitdem engagiert sie sich für John Kerry. Von dessen demokratischer Partei erhielt sie eine Liste mit Namen unentschlossener Wähler und verschickte mehr als 100 Einladungen. Auf einer Party bei ihr Zuhause wolle man bei Wein und Knabberzeug über die Wahl diskutieren. Sechs Interessierte kamen. "Und mein größtes Problem war", berichtet Denise, "ihnen zu erklären, warum man John Kerry eigentlich zum Präsidenten wählen soll."

Siegesgewiss stand starrköpfig, optimistisch statt arrogant

Seit gestern Abend dürfte sich Denise Mulle ziemlich gut fühlen. Um 21 Uhr fand in der Universität von Miami die erste TV-Debatte der beiden Kandidaten statt, rund 50 Millionen Menschen sahen zu. Thema: die Außenpolitik. Ausgerechnet das Feld, auf dem George W. Bush am verwundbarsten schien, hatten seine Wahlstrategen durchgesetzt. Denn auf diesem Gebiet, hofften sie, würde der große Vereinfacher seine größte Stärke ausspielen können: Optimismus. Standhaftigkeit. Siegesgewissheit. Er durfte nur einen Fehler nicht begehen: Er durfte auf keinen Fall kalt, arrogant oder gar starrköpfig wirken.

John F. Kerry hingegen hatte es viel schwerer: er musste dem Land endlich seine Botschaft erklären. Und mehr noch: er musste sich selbst erklären. Und gestern Abend legte er einen ziemlich guten Auftritt hin.

Dunkelgraue Anzüge, rote Krawatte, blaue Krawatte

Es war das erste der drei großen TV-Spektakel, in denen die beiden Kandidaten direkt zusammentreffen. Da standen sie nebeneinander an ihren dunkelbraunen Stehpulten, dunkelgraue Anzüge, rot die eine Krawatte , blau die andere, und antworteten auf die 18 Fragen des TV-Moderators Jim Lehrer, keine Antwort durfte länger als maximal 120 Sekunden dauern, kein Kommentar länger als 30 Sekunden. Die Zuschauer durften keinen Mucks von sich geben, im Hintergrund wachten die Gattinnen, beide im strahlend weißen Kostüm. Monatelang hatte die Debatten-Kommission die Feinheiten des Spektakels festgelegt. Die Höhe der Stehpulte, der Abstand zwischen den beiden Kandidaten, die feste Position der Kamera. Eine Debatte? Ein Duell? "Präsidiale Präsentationen" nennt der Fernsehsender CNN die Veranstaltungsreihe folgerichtig.

Die Zahlen sehen nicht gut aus für John F. Kerry. In den Umfragen liegt George W. Bush bislang mit rund sechs Prozent vor seinem Herausforderer. Mehr noch: offenbar wird Bushs Vorsprung in den Bundesstaaten immer größer, die er vor vier Jahren nur knapp gewann. So kann er in den nächsten Wochen in traditionell demokratischen Wählerhochburgen auf Stimmenfang gehen. Und George W. Bush ist ein verdammt guter Wahlkämpfer. Da draußen, beim Volk, da trifft er den richtigen Ton.

John Kerry wusste: dieser Abend würde seine letzte große Chance. Würde er, der Mann mit dem faltigen Gesicht und den traurigen Augen, punkten können gegen den vor Selbstsicherheit strotzenden Amtsinhaber, den Präsidenten der Vereinigten Staaten? Würde er überzeugen können als Oberkommandierender eines Landes im Krieg? Er konnte punkten. Und manchmal ähnelte er dabei sogar dem jungen John F. Kennedy.

Bush trommelt die Botschaft, die er schon seit Monaten trommelt

Denn trotzig trommelte Präsident Bush die Botschaft, die er seit Monaten trommelt: Da draußen lauern Terroristen. In Afghanistan, im Irak und anderswo. Das Land befindet sich im Krieg. "Ich werde die Feinde besiegen. Ich werde Amerika beschützen." Bush glaubt, es reiche, sich weiterhin als "Leader" zu präsentieren, als Oberkommandierender. Einer, der handelt. Einer, der tut, was er sagt - auch wenn es das Falsche ist. "Wenn wir unseren Willen verlieren, dann verlieren den Krieg." Fehler? Würde dieser Mann nie zugeben." Es ist harte Arbeit. Die Freiheit marschiert", so beschrieb der US-Präsident die Lage im Irak. Als ob solche Sätze wahrer würden, wenn man sie nur unbeirrt wiederholt.

Und doch, bei aller gespielten Naivität, gestern Abend geriet der Präsident in die Defensive. Wirkte irritiert, nervös, manchmal gar ein bisschen beleidigt, versprach sich. Denn seine Taktik, John Kerry als inkonsequenten Flip-Flopper darzustellen und ansonsten starr den Sieg im Irak zu verkünden, sie ging gestern Abend nicht auf. "Bush glich einem Zirkuspferd, das nur einen Trick beherrscht", meinte einer der unzähligen TV-Kommentatoren. Wer war besser? lautete die Frage in einer ersten Mini-Meinungsumfrage Minuten nach der Debatte. 53 Prozent glaubten, John Kerry war besser.

Denn John F. Kerry konnte endlich seine Kompetenz beweisen. Fakten statt Fiktion! Wahrheit statt Propaganda! In den Tagen zuvor hatte der detail verliebte Faktenfresser geübt, sich kurz zu fassen. "Beim Thema bleiben!" hatten ihm seine PR-Berater eingehämmert. "Keine Nebensätze! Und bitte mehr lächeln!" Denn John F. Kerry, wissen seine Strategen, hat ein "likeability"-Defizit. Bislang wussten die Wähler noch nicht genau, ob sie diesen Mann mögen.

"Der Präsident hat uns getäuscht"

Da stand er, der hoch gewachsene Senator aus Massachusetts, elegantes Inbild des kühlen, reichen Ostküsten-Patriziers und zog leidenschaftlich die Katastrophen-Bilanz der Bush-Administration. Dass Saddam Hussein in Wahrheit nichts zu tun hat mit dem 11. September und den Terroristen der al Kaida - "Saddam Hussein hat uns nicht angegriffen." Osama bin Laden – drei Jahre nach den Terroranschlägen des 11. September immer noch nicht gefangen. Dass bis heute im Irak keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden. Dass der Irak an der Schwelle zum Bürgerkrieg steht. Dass durch immer länger dauernde Einsätze für Soldaten die Wehrpflicht quasi durch die Hintertür eingeführt würde. "Der Krieg ist ein kolossaler Fehler. Der Präsident hat uns getäuscht. Die Welt ist gefährlicher geworden. Amerika hat den Respekt der Welt verloren. Und wir müssen eine Menge tun, um unsere Glaubwürdigkeit wiederzugewinnen."

Vor allem gewann er Glaubwürdigkeit für sich selbst. Gestern Abend konnte sich Kerry als besonnener Führer präsentieren, ruhig, klug und vorsichtig. Einer, der denkt, bevor er handelt. Er konnte Kompetenz gegen Aktionismus setzen. Wahrheit gegen Lüge. "Und ich möchte die Wahrheit mit den Amerikanern teilen", hatte er am Abend vor der Debatte erklärt.

"Flip-Flopper" mit millionenschwerer Ehefrau

Denn fünf Wochen vor der Wahl kennen ihn die möglicherweise entscheidenden Wechselwähler vor allem als wankelmütigen "Flip-Flopper". Als "wischi-waschi" Berufspolitiker mit millionenschwerer Ehefrau. Kerry, der "Flip-Flopper" - zwei schmierige Worte, eine geniale Erfindung der Manipulatoren aus dem Bush-Lager. Unermüdlich waren sie über Kerrys widersprüchliches Abstimmungsverhalten im Senat hergezogen. "John Kerry hat so viele Meinungen, dass er eigentlich auch 90 Minuten lang mit sich selbst debattieren könnte", lästert Bush.

Und Kerry? " Wenn er nur das Thema wechseln will, dann sieht es schon so aus, als ändere er seine Meinung ", meint der Kommentator Michael Barone. Noch am Morgen der Debatte fand er in der TV-Nachrichtensendung "Good Morning America" keine klare Antwort auf die einfache Frage: "Hat sich der Krieg im Irak gelohnt? Irgendwie komme es jetzt doch darauf an, ein "gutes Ergebnis" zu erreichen, meinte er. "Das soll wohl heißen, wenn wir den Krieg gewinnen, dann hat es sich gelohnt", konterte Bushs oberste PR-Strategin Karen Hughes böse, "und wenn nicht, dann eben nicht. Da scheint es sich ja um echte Führungsstärke zu handeln."

Der Feingeist meldet sich militärisch zum Dienst

Viel zu lange hatten die Wahlkampf-Strategen allein auf Kerry als hochdekorierten Helden des Vietnam-Krieges gesetzt. Meinten, dem Feingeist mit den grauen Wuschelhaaren so Glaubwürdigkeit zu verschaffen. So hatte sich Kerry auf dem Parteitag der Demokraten im Juli präsentiert mit militärischem Gruß und den Worten: "Melde mich zum Dienst."

Umgehend begann die Schmutzkampagne der Gegner: Auf einmal wurden Zweifel laut an Kerrys Einsatz als Bootskommandant in Vietnam; Zweifel an einem Einsatz 1969, als er sein eigenes Leben riskierte, um Kameraden zu retten. Die millionenschwere Schmierenkampagne der angeblich unabhängigen Gruppe "Patrouillenbootleute für die Wahrheit" zielte ins Herz der patriotischen Amerikaner. Das dazu gehörende Buch "Ungeeignet, das Kommando zu übernehmen" steht seit knapp zwei Monaten auf Nummer Eins der US-Bestseller-Liste.

Den ewigen Vietnam-Helden zu machen, hat Kerry geschadet

Und Kerry? "Ich habe einen Plan", sagte er brav und wehrte sich nicht. Schlug viel zu spät zurück. Glaubte, Bush werde sich selbst entlarven. Die grässlichen Bilder aus dem Irak, der Folter-Skandal von Abu Ghreib würden den Amerikanern die Wahrheit über ihren Präsidenten präsentieren. "Wir haben den Präsidenten einfach nicht zur Verantwortung gezogen, stöhnte ein Kerry-Berater. "Das hat ihm mehr geschadet als alles andere." Stattdessen ließ sich Kerry windsurfend vor der Küste der Superreichen-Insel Nantucket fotografieren – wie einer aus der Upper-Class eben, der sich teuren Hobbys widmen kann. Ganz in der Nähe verbringt zwar auch Bush gern seine Wochenenden – aber wenn er sich fotografieren lässt, dann allenfalls beim Fischen.

So verlor John F. Kerry den August. Tage, in denen Bush die eingängige "Flip-Flopper"-Botschaft überall im Land verkündete, vor allem in den 18 "Schlachtfeld-Bundesstaaten", in denen das Rennen um die Stimmen der Wahlmänner noch offen ist. Der Wähler mag den Angreifer, so kalkulierten die Bush-Strategen, nicht den Zauderer.

Kerry ist wie das Rennpferd "Seabisquit"

"Kerry wird erst richtig gut, wenn er in der Ecke steht", machen sich die Demokraten jetzt Mut. Er sei eben wie "Seabisquit", jenes legendäre Rennpferd, das allen davonlief – aber immer erst im letzten Moment aufholte. In den 32 Jahren seiner Karriere hat Kerry nur eine einzige Wahl verloren. Er hasst es, zu verlieren, heißt es. "Mit mir kann man gut in einem Schützengraben sitzen", hatte er 1996 gesagt, als er um ein Haar seine Wiederwahl zum Senator verlor. "Ich weiß, wann man kämpfen muss."

In den vergangenen Wochen holte er die erfahrenen PR-Strategen Clintons in seinen Stab. Schickte Kontrolleure in die Provinz, damit auch ja keine Wählerstimme verloren geht; intensivierte seinen Wahlkampf im Internet.

Jetzt setzt man auf seine Spontaneität. Auf seine Gabe, den magischen Moment zu erhaschen, eine Geste vielleicht oder einen "Sound-bite", jenen alles entscheidenden kleinen Satz, mit dem er sich die Herzen der Amerikaner endlich erobert. Denn oft waren es diese kleinen Momente während der TV-Debatten, die eine Wahl entschieden: So siegte der strahlend-jugendlich wirkende John F. Kennedy 1960 über den graugesichtigen schwitzenden Richard Nixon. So gewann der damals 73-jährige Ronald Reagan 1984 im Showdown gegen seinen viel jüngeren Gegner Walter Mondale, weil er charmant mit seinem Alter kokettierte: "Ich werde Alter nicht zum Wahlkampfthema machen", sagte er. "Ich werde die Jugend und Unerfahrenheit meines Gegners nicht ausnutzen." Und George Bush Senior verlor 1992 seine Wiederwahl auch, weil er mitten im TV-Duell mit Bill Clinton zweimal ungeduldig auf die Uhr schaute – als ob seine Zeit abgelaufen sei.

Noch 32 Tage, eine endlose Zeit

Es sind noch knapp fünf Wochen bis zur Wahl, eine endlos lange Zeit, zwei weitere Debatten folgen. Darin wird es um Innen- und Sozialpolitik gehen. Um Gesundheitswesen und Haushaltsdefizite, um Abtreibung und Schwulenehe. In den nächsten Tagen werden die Kommentatoren der Fernsehstationen jede Silbe der beiden Reden auseinander nehmen. Die Manipulatoren der Parteien werden die Schwächen der beiden Reden in ihren Werbspots ausbreiten. Es sind noch 32 Tage bis zur Wahl, eine endlos lange Zeit. "It´s time to rock and roll" hatte John Kerry in einem seiner Wahlkämpfe einmal gesagt. "Es ist Zeit für den Rock and Roll." Es ist Zeit für magische Momente.


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