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USA-Iran: "Es wird etwas passieren"

Das Säbelrasseln zwischen den USA und dem Iran ist lauter geworden. Die Falken in Washington dringen auf Krieg. Auch Hunderttausende Exiliraner machen Druck - an ihrer Spitze der "junge Schah", Reza Pahlawi.

Von Jan Christoph Wiechmann

Es ist wieder einer dieser Tage im Leben des jungen Schahs, an denen Revolution in der Luft liegt. Über die Flure seiner Villa huschen Berater und sprechen geheimnisvoll von nächtlichen Aufständen in den Straßen Teherans. In der Bibliothek warten Kamerateams auf eine fulminante Rede Seiner Majestät an das persische Volk. Und aus Washington dringt die Nachricht, dass im Pentagon Luftangriffe gegen den Iran geplant werden. Reza Pahlawi, 47, betritt das Kaminzimmer mit seiner jüngsten Tochter im Arm. Er setzt sich in einen throngleichen Sessel vor ein Gemälde, das ihn in einem throngleichen Sessel zeigt. Neben ihm, auf einem Foto, lächelt siegesgewiss sein Vater, der Schah von Persien, der Freund Amerikas, der eiserne Diktator. Pahlawi hat kaum Platz genommen, da warnt er schon vor dem iranischen Regime und "brandstiftenden" Mullahs, vor der "schlimmsten Theokratie seit der spanischen Inquisition" und einem möglichen atomaren Terroranschlag am Lake Michigan mit Millionen Toten. Er klingt ein bisschen wie George Bush und Dick Cheney.

Eigentlich fehlt nur noch ein Faschismus- Vergleich in seiner Liste politischer Grausamkeiten, und dann folgt auch dieser: Die Regierung unter Präsident Ahmadinedschad sei die faschistischste bisher, sagt Pahlawi und blickt sein Gegenüber erwartungsvoll an. Vom Faschismus verstehen die Deutschen doch was. Seine Wortwahl mag hart sein, das weiß Pahlawi, aber nur 50 Kilometer entfernt, im Weißen Haus, haben sie derzeit ganz andere Vergleiche parat. Nur wenige Tage vor dem Besuch Angela Merkels auf Bushs Ranch in Texas schwillt das Säbelrasseln gewaltig an. Bush und seine Leute nennen den Mann an der Spitze der islamischen Republik einen neuen Adolf Hitler. Der US-Präsident habe angeordnet, detaillierte Pläne für Luftangriffe auf Atomanlagen und Stützpunkte der Iranischen Revolutionsgarde ausarbeiten zu lassen - auch mit Atomwaffen, enthüllte Starreporter Seymour Hersh. Das Pentagon habe bereits geheime Kommandos ins Land geschickt. Man glaube, dass ein massives Bombardement die religiöse Führung demütigen und einen Regimesturz auslösen werde.

Er sprach von einem möglichen "Dritten Weltkrieg"

Regimesturz. Bombardement. Pahlawi spricht die Worte sanft und gleichmütig, als beschreibe er die Laubfärbung vor seinem palastgroßen Haus in den Wäldern von Maryland. Reza Pahlawi kam mit 18 in die USA, kurz vor dem Sturz seines Vaters durch Ayatollah Khomeini 1979. Seither wartet er auf den Regimewechsel. 28 Jahre hätten sich die Mullahs alles erlauben dürfen, bis der Westen endlich zum Duell der Ideen antrat: islamischer Fundamentalismus gegen Aufklärung. Theokratie gegen Demokratie. Es nahe die Stunde der Entscheidung, sagt Pahlawi. "Es wird etwas passieren." Der "junge Schah" reist durch die Welt und trifft sich mit iranischen Oppositionellen, mit Monarchisten wie Marxisten. Er pendelt nach Washington und trifft sich mit den rivalisierenden Lagern der US-Regierung. Er trifft dort auf Neokonservative, die einen Militärschlag befürworten, und auf Pragmatiker, die zur Vorsicht mahnen. Er trifft auf jene, die den Mittleren Osten noch immer zum Experimentierfeld der Demokratie machen wollen, und jene, die nach dem Irak-Fiasko keine Experimente mehr ertragen.

Es sind dieselben Lager, die schon vor dem Irak-Krieg um das Gehör des Präsidenten kämpften. Pahlawi glaubt, den Sieger zu kennen. Mitte Oktober läuteten Bush und Cheney die vorerst letzte Runde ihrer Eskalationsstrategie ein. Der Präsident trat gut gelaunt vor die Presse und sollte etwas über die Arbeit im Kongress sagen, über Schulgesetze und den Immobilienmarkt. Fast beiläufig kam er zum Iran. Er sprach von einem möglichen "Dritten Weltkrieg", falls der Iran "das Wissen zur Herstellung einer Atombombe" ergattere. Er betonte das Wort "Wissen". Allein das reiche als Kriegsgrund. Das Wissen. So weit ist Bush bisher nie gegangen. Vier Tage danach besuchte Dick Cheney, erfahren im Herbeireden von Apokalypsen aller Art, das Washington Institute for Near East Policy. Er verwies selbstironisch auf seinen Spitznamen Darth Vader, den für seine Brutalität gefürchteten Dunkelgrafen aus "Star Wars". Er stand gelassen hinter dem Podium, eine Hand in der Hosentasche, den Blick im Irgendwo, und analysierte die fragile Weltlage.

"Wir werden es nicht erlauben, dass der Iran Nuklearwaffen hat"

Er bezichtigte das iranische Regime, Amerikaner im Irak zu töten und Terroraktionen zu steuern, und drohte mit "ernsthaften Folgen": "Wir werden es nicht erlauben, dass der Iran Nuklearwaffen hat", sagte er bestimmt und erntete viel Applaus. So weit ist auch Cheney bisher nie gegangen. Nur wenige Tage nach Cheneys Rede ordnete Bush die schärfsten Sanktionen gegen den Iran seit der Machtübernahme Khomeinis 1979 an. Er brandmarkte die Revolutionsgarde als Terrororganisation und bezichtigte sie der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen. Da hatte er die beiden Schlagwörter wieder vereint: Terror und Massenvernichtungswaffen. Seine Eintrittskarten für den Irak, die Pfeiler seiner von Furcht geprägten Weltsicht. In diesen Tagen sind selbst Beobachter, die Bush lange kennen, ratlos. Was treibt diesen Mann wirklich? Hybris? Der Wahlkampf seiner Partei? Oder tatsächlich Überzeugung? Sein Volk ist kriegsmüde, seine Umfragewerte sind im Keller, doch, so versichert Bush, Umfragen interessierten ihn nicht. Er sieht sich auf einer Mission, geführt von den Kräften der Vorsehung. Er ist ein Mann der Tat, er glaubt, dass nach ihm keiner mehr den Mut zur Konfrontation haben wird, dass er als Retter des Iran in die Geschichte eingehen werde.

Er bemüht die Geschichte, weil die Gegenwart ihm nicht gehorcht. Er bemüht die Apokalypse, weil er alle anderen Bedrohungsszenarien schon verbraucht hat. Seine Zeit läuft ab. Er hat noch neun Monate. Ein Militärschlag müsste bis zum Sommer erfolgen. Dann beginnt die heiße Phase des Wahlkampfs. Das Kriegsgetrommel aus Washington mag, wie einige Experten vermuten, nichts anderes sein als eine Inszenierung, um den Druck auf den Iran und den Sicherheitsrat zu erhöhen, doch zu sehr erinnert die Dramaturgie an den Vorlauf des Irak-Kriegs. Auch damals reisten Cheney und Bush durchs Land und warnten vor Terrorangriffen Saddams und Atompilzen über amerikanischen Städten. Wie damals setzen sie nun im Senat eine Resolution durch, die dem Iran mit militärischen Folgen droht. Und wie damals beginnt ihre PRKampagne zu wirken. Laut einer Umfrage befürworten schon 52 Prozent der Amerikaner einen Präventivschlag gegen den Iran, um eine nukleare Bewaffnung zu verhindern.

Eine Mehrheit der Amerikaner sieht im Iran die größte Bedrohung des Weltfriedens, weit vor China und Nordkorea. (Auf Platz fünf: die USA.) Befürworter eines Militärschlags sind iranische Exilanten und Anhänger derselben neokonservativen Denkschule, die schon den Irak-Krieg propagierten. James Woolsey, ehemaliger CIA-Chef, warnt, die USA hätten keine andere Wahl, als den Iran zu bombardieren. Der pensionierte Luftwaffen-Generalleutnant Thomas Mc- Inerney sagt voraus, ein Luftangriff werde ein Spaziergang sein, "48 Stunden, 2.500 Zielpunkte, um ihre Atomanlagen in Schutt und Asche zu legen, ihre Luftwaffe, Marine, Abwehrraketen und schließlich ihr Kommando. Dann können sich die Iraner ihr Land zurückholen". Und Norman Podhoretz, Guru der Neocons und außenpolitischer Berater des Präsidentschaftskandidaten Rudy Giuliani, spricht von "Islamofaschismus" und betet für den Krieg Um den Kongress zu überzeugen, schicken die Hardliner ihre wortgewaltigsten Leute ins Rennen. Da referiert dann der Iran-Experte Michael Ledeen vom American Enterprise Institute vor den Abgeordneten. Ledeen ist so etwas wie ein amerikanischer Chefankläger gegen die Mullahs.

"Wenn sich Amerika rührt, bebt die Welt"

Im Interview mit dem stern wird Ledeen schon mal ausfallend und beschwört Alleingänge der USA - "scheiß auf euch Deutsche, wir brauchen euch dabei nicht". Ledeen steht vor den Abgeordneten und sagt: "Der iranische Krieg gegen uns ist 27 Jahre alt, und wir sind aufgerufen zurückzuschlagen." Er spricht von einem Land, dessen Rüstungsausgaben nicht mal ein Prozent der amerikanischen erreichen. Er ruft: "Wenn sich Amerika rührt, bebt die Welt." Nach Ledeen spricht sein Gegenspieler John Hulsman. Der Iran-Experte arbeitete einst für die Heritage-Stiftung, die den Irak-Krieg ebenfalls unterstützte und nach dem 11. September wie viele Think-Tanks willig an einer neuen Weltordnung bastelte, bis sie irgendwann merkten, dass die Welt sich nicht an die Ordnung hielt. Hulsman rät den Abgeordneten inzwischen zur Skepsis und glaubt, Außenministerin Rice und Verteidigungsminister Gates hinter sich zu haben. "Ich habe meine Zweifel an diesen Schnellschüssen und Utopisten. Nichts gegen Demokratisierungsversuche, aber es dauert lange und ist kompliziert, und uns täte etwas mehr Bescheidenheit gut." Hulsman spricht wie ein Realpolitiker. Wie einer aus Old Europe.

Hulsman hat zwei Jahre an einem Plan für den Iran gearbeitet. Inzwischen sei allen Experten klar, dass es nur in enger Abstimmung mit Old Europe gehe, mit Merkel, Brown, Sarkozy. Er wünscht sich eine EU, die jetzt Härte zeigt und Investitionen verweigert, und ein Amerika, das dem Iran Handelsvorteile anbietet. Er wünscht sich Europa etwas mehr als John Wayne und Amerika als Willy Brandt. Dann, so glaubt Hulsman, könnte es auch ohne Russland und China und ohne Gewalt gelingen, die Mullahs in die Knie zu zwingen. Aber macht Angela Merkel da mit? In Washington fragt man sich, ob sie - trotz ihres kooperativen Stils - nicht doch auf die Stimmen aus der deutschen Wirtschaft hört, die kritisieren, Amerika habe "den Bogen überspannt". Im US-Wahlkampf hat der Iran den Irak- Krieg als Thema Nummer eins abgelöst. Schon überbieten sich die Kandidaten der Republikaner in Drohgebärden, sprechen offen über Militärschläge und bezichtigen die Demokraten, "Softies" zu sein. Wie schon bei Bushs Wahlsieg 2004 spielen sie die Terrorkarte. Der derzeit führende Rudy Guiliani verspricht seinen Anhängern gar einen Militärangriff, sollte der Iran in den Besitz von Atomwaffen kommen.

"Es gibt nichts, was der Iran tun kann, um die Bush-Regierung zu besänftigen"

Der Casus Belli müsste nicht mal das Atomprogramm des Iran sein. Hohe Diplomaten und Offiziere in Washington befürchten, dass bei dem derzeitigen Kriegsgetrommel ein kleiner Zwischenfall im Irak zu einer Eskalation führen könnte. Nur acht Kilometer von der iranischen Grenze entfernt errichten die USA gerade ihre Militärbasis "Combat Outpost Shocker" als ein Zeichen der Stärke gegenüber dem Mullah-Regime. Im Kongress beantragte Bush gerade erst 88 Millionen Dollar für die Produktion einer 15.000-Kilo-Bombe, um unterirdische Anlagen wie die in Natanz zerstören zu können. Ein Militäroffizier nennt die Kriegsgefahr einen "schlafenden Hund". "Es gibt nichts, was der Iran tun kann, um die Bush-Regierung zu besänftigen", besänftigen", urteilt der ehemalige UN-Waffeninspektor Scott Ritter. "Denn es geht ihr nicht um den Atomsperrvertrag oder Abrüstung, sondern um Regimewechsel." Zia Atabay dauert das alles zu lang. Er ist einer von 600.000 Exiliranern in Los Angeles. Atabay sitzt im Studio seines Fernsehsenders National Iranian Television (NITV) und bastelt selbst am Umsturz.

Er strahlt über Satellit seine Nachrichtensendungen in den Iran aus und erreicht angeblich 20 Millionen Menschen. Er habe sechs Millionen Dollar seines Privatvermögens in die Revolution investiert, nun will er Resultate sehen. Sein Konzept sieht vor: Selektives Bombardieren von Atomanlagen und Quartieren der Revolutionsgarde, dann stünde das iranische Volk von allein auf. Er ist sich da einig mit seinem Freund Michael Ledeen. Atabay war mal ein iranischer Showstar zur Zeit des Schahs, der Tom Jones von Teheran. Er sieht nicht gerade aus wie Tom Jones, trägt aber dandyhafte Anzüge mit Silberschleifen. Man könnte ihn vernachlässigen als einen der vielen Nostalgiker aus "Therangeles", aber Atabay ist eine Größe unter Iranern. Er lädt Senatoren in seine Sendung ein und Parlamentarier der EU und Lech Walesa. Er sagt, er habe ein Netzwerk von Untergrundzellen und besitze Wissen über Irans atomare Anlagen, doch die CIA wolle nicht auf ihn hören.

Sie werden keine Invasion unterstützen und keine Okkupation dulden

In Los Angeles lebt die größte iranische Diaspora der Welt. Viele flohen nach der islamischen Revolution und ließen sich hier nieder, als Ärzte, Anwälte und Professoren. Sie besitzen 24 TV-Stationen und fünf Radiosender und schicken ihre Losungen per Webcam und Satellit in die Heimat. Sie mögen eine zersplitterte Opposition sein, glauben aber, dass die Jugend sich schon bald erheben wird. Sie sagen, dass sie alles anders machen werden als die Iraker. Sie werden keine Invasion unterstützen und keine Okkupation dulden. Schon jetzt haben sie die Pläne fertig für die Tribunale gegen die Mullahs und für den Ausbau der Infrastruktur. Sie basteln an einer Exilregierung, um mit einer Stimme zu sprechen, um die Revolution jetzt endlich zu erzwingen. So wie in Polen. Lech Walesa. Oder besser noch: Berlin, der Fall der Mauer. Eine friedliche Revolution, ganz plötzlich, von einem Tag auf den anderen. Damit hatte damals auch keiner gerechnet. Nicht mal die CIA.

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