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Verstorbener Hamsa: Ein grausamer Tod steigert Syriens Wut

Er war angeblich erst 13, und sein Tod hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst: Hamsa Ali al Khatib könnte in Syrien zu einer Ikone werden wie Neda im Iran. Die Wut auf den Straßen wächst.

Von Steffen Gassel, Beirut

Der aufgedunsene Kinderkörper liegt auf einer Plastikfolie, in deren Falten dunkles Sekret steht. Darin schwimmen die Blütenblätter von hellrosa und weißen Rosen - ein Leichenschmuck, der nach islamischer Tradition besonders jungen Märtyrern vorbehalten ist. Das Video, das vor vier Tage erstmals auftauchte und angeblich aus Syrien stammt, ist so grausam, dass Youtube es schon mehrfach gelöscht hat. Trotzdem taucht es immer wieder auf, von wütenden Usern erneut hochgeladen.

Langsam und in Nahaufnahme fährt die wackelige Kamera den mit Wunden und Hämatomen übersäten Leichnam entlang. "Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Allerbarmes. Wir beschreiben ihnen einen weiteren Märtyrer der Freiheit. Aus der Stadt Dschisa in der Provinz Daraa. Sein Name ist Hamsa Ali al Khatib. 13 Jahre alt", erklärt ein Sprecher aus dem Off auf Hocharabisch, mit syrischen Dialekteinschlag. Und zählt dann im nüchternen Stil eines Pathologen die Spuren des Grauens auf, die der Körper aufweist: Durchschuss des rechten Ellenbogens, Eintrittswunde im Brustkorb rechts, Durchschuss des linken Ellenbogens, Eintrittswunde im Brustkorb links, Einschusswunde in der Brustmitte, Kieferbruch, zertrümmerte Kniescheiben rechts und links.

"Seht her, er hat kein Geschlechtsteil"

Als der Teil der Folie, der die Schamgegend des Leichnams bedeckt, weggezogen wird, wird die Aufnahme unscharf. "Seht", sagt die Stimme, "er hat kein Geschlechtsteil. Sie haben sein Geschlechtsteil abgeschnitten." Und dann: "Seht her. Das sind die Reformen, zu denen Baschar, der Heimtückische, aufgerufen hat."

Das Video ist zwei Minuten und sechsundzwanzig Sekunden lang und eine von vielen Amateuraufnahmen, die in den vergangenen Wochen übers Internet verbreitet wurden und angeblich aus Syrien stammen. Sie alle haben eines gemeinsam: Weil die syrische Regierung seit Beginn des Aufstands keine Journalisten mehr ins Land lässt, ist eine unabhängige Verifizierung der Aufnahmen unmöglich. Noch dazu sind Aufnahmen in Umlauf, die angeblich Bilder des syrischen Aufstands zeigen, aber in Wirklichkeit vor Jahren im Irak gemacht wurden. Doch diesmal gibt sehr konkrete Angaben über das Schicksal des toten Jungen: Er soll bei einer Demonstration in der Nähe seines Heimatort am 29. April verhaftet worden sein. Einen Monat später hätten seine Eltern demnach die Leiche zurückerhalten, unter der Bedingung, den Sohn in aller Stille zu beerdigen. "Als Hamsas Mutter kam, um die Leiche zu sehen hat man ihr nur das Gesicht gezeigt", sagte ein Cousin des Toten dem Sender al-Jazeera. "Wir haben auch den Vater gebeten, nicht weiter hinzusehen, aber er hat die Decke weggezogen. Als er Hamsas Körper sah, fiel er in Ohnmacht. Die Leute sind losgerannt, um ihm zu helfen. Irgendwer hat angefangen zu filmen, es war chaotisch."

Der "Hamsa-Samstag"

Und nun lösen die Aufnahmen von Hamsa al Khatib in Syrien einen Sturm der Entrüstung aus. Das Video droht für das angeschlagene Regime von Präsident Baschar al Asad zum gefährlichen Katalysten des Protests zu werden. In mehreren Städten Syriens hielten Demonstranten am vergangenen Wochenende Plakate mit dem Bild des toten Jungen hoch. Darunter stand: "Hattet ihr solche Angst vor Hamsa?" Manche hatten den Protesttag schon zum "Hamsa-Samstag" erklärt. Auf einer arabischen Facebook-Seite mit dem Titel "Wir alle sind der Kindermärtyrer Hamsa al Khatib" haben sich inzwischen 65.000 User eingetragen. Und stündlich werden es mehr.

Noch ist nicht klar, ob Hamsa al Khatib gerade zu einer Protestikone wird wie die Studentin Neda für die Demonstranten im Iran 2009 oder wie der Gemüsehändler Mohammmad Bouazizi sie für den Umsturz dieses Frühjahr in Tunesien waren. Doch die Grausamkeit, die aus dem Video spricht, verwandelt sich in wachsende Wut auf den Straßen Syriens. Ein anderes Youtube-Video zeigt eine Demonstration in einem Vorort von Damaskus, bei der die Menschen Plakate mit den Worten "Wir alle sind Hamsa al Khatib" hochreckten.

"Hamsa ist das Symbol der syrischen Revolution geworden. Sein Tod ist ein Zeichen für den Sadismus des Asad-Regimes und seiner Sicherheitskräfte", sagte der syrische Menschrechtler Radwan Ziadeh der "New York Times." Ziadeh lehrt im Exil an der renommierten Universität von Harvard in den USA.

Der Fall ruft die USA auf den Plan

Gestern äußerte sich US-Außenministerin Hillary Clinton erstmals zu dem Fall: "Ich kann nur hoffen, dass dieses Kind nicht umsonst gestorben ist", sagte sie. "Ich glaube, für viele Syrer symbolisieren diese Bilder den völligen Zusammebruch jeglicher Bemühung der syrischen Regierung auf ihr Volk zu hören." Der Menschenrechtler Ziadeh erklärte inzwischen, er sei bis vor Kurzem mit der Familie des Jungen in Kontakt gewesen. Seit der Produktion des Videos sei der Kontakt aber abgebrochen, womöglich ein Zeichen dafür, dass die Familie nun für ihre Entscheidung büßen muss, die Bilder des toten Sohns zu verbreiten. Nach Ziadehs Informationen hat der syrische Geheimdienst Hamsas Vater verhaftet, kurz nachdem das Video des toten Sohns im Netz auftauchte.

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