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Wahlkampf-Duell Romney vs. Gingrich Ihre Lauheit und der Wüterich


Die US-Vorwahlen laufen auf das Duell Mitt Romney gegen Newt Gingrich heraus. stern.de macht den Check: Wer hat mehr Glamour, wer den besseren Song und für wen muss man sich mehr schämen?
Von Niels Kruse

Newt Gingrich - der böse, alte Mann

Glamour

Klarer Punktsieg für Newt Gingrich. Er selbst strahlt in seinen ewig gleichen schwarzen Anzügen den Charme eines netten Opas aus, der immer ein paar Bonbons für die Kleinen parat hat. Aber das Washingtoner Schlachtross hat ja noch seine Frau Callista. Die ist gerade erst 45 Jahre alt und damit ein knappes viertel Jahrhundert jünger als ihr Mann. Für ihr Alter wirkt die Bob-Blondine etwas tantig, ist aber sehr apart und macht was mit Medien. Filme über Ronald Reagan etwa und Fotos zum Beispiel. Letztere wurden auch schon in der "New York Times" veröffentlicht. Diese Frau an seiner Seite lässt den Wüterich regelrecht entspannt aussehen.

Temperament

Hat er wie kaum ein anderer. Konkurrent Romney will die Unternehmenssteuern und die Abgaben auf Kapitaleinkünfte verringern? Gingrich will sie gleich ganz streichen. Denn er weiß: Bei US-Wahlkämpfen gewinnt der lautere Trommler, vor allem wenn es um die Wirtschaft geht. Deswegen plant er für den Fall seines Wahlsieges auch eine Kolonie auf dem Mond. Darunter kann sich zumindest jeder was vorstellen. Vor allem der kleine Mann, auf den es der Volkstribun abgesehen hat. Dessen Weltbild dürfte er auch teilen. Occupy-Aktivisten rief er jüngst zu: "Nehmt erst einmal ein Bad und sucht euch dann einen anständigen Job."

Fremdschämfaktor

Ist wie bei vielen radikalen Konservativen reichlich hoch. Drei Beispiele aus seinem Wahlkampfkatalog: "Gesetze gegen Kinderarbeit sind dumm". "Die Palästinenser sind ein erfundenes Volk". "Barack Obama betreibt bürokratischen Sozialismus". Kann man als hartgesottener Wahlkämpfer, der Gingrich ist, ja mal so in den Raum stellen. Wobei sich angesichts solcher Forderungen eher Frage stellt, für wen man sich mehr genieren muss: Für denjenigen, der die abstrusen Gedanken hat und ausspricht oder für denjenigen, der sie beklatscht.

Realitätssinn

Wenn beim Fußball eine Mannschaft klar zurückliegt, sie aber trotzdem kämpft und alles gibt, fliegen ihr die Herzen zu. Wenn aber ein Politiker bei Umfragen hinten liegt, und trotzdem vom Sieg spricht, wird er belächelt und gilt als größenwahnsinnig und/oder realitätsfern. So oder so: Gingrich wird im Laufe des Vorwahlkampfs irgendwann die Puste ausgehen. Sei aus Geldmangel, sei es aus Mangel an Wählern. Und doch will er bis zum Nominierungsparteitag der Republikaner seinen Mann stehen. Grund: "Wenn man alle Nicht-Romney-Stimmen nimmt, dann wird es auf dem Parteitag wahrscheinlich eine Nicht-Romney-Mehrheit geben." Deshalb lautet sein neustes Motto: 46 States to go - noch 46 Staaten. Der Mann, das muss man ihm lassen, war schon oft abgeschrieben - und kam doch immer wieder. Wer weiß, was dieses Jahr noch passiert.

Geschäftssinn

Gingrich ist schon seit fast 40 Jahren in der US-Politik aktiv, eine Branche, in der gemeinhin nicht das ganz große Geld gemacht wird. Doch der Doktor der Geschichte ist trotzdem kein armer Mann: Er hat fast 25 Bücher ge- und mitgeschrieben, von denen ein Dutzend in den Beststellerlisten gelandet sind. Sein Job als Lobbyist für die Pleite-Hypothekenbank Freddie Mac hat ihn zum Multi-Millionär gemacht. Doch Rezepte gegen die darniederliegende US-Wirtschaft hat er nicht (bis auf die Entmachtung der Gewerkschaften) und leider auch keine potenten Geldgeber wie sein ärgster Gegner Mitt Romney. Doch immerhin: Der milliardenschwere Casinobesitzer Sheldon Adelson sponsort seinen "alten Freund" und Bruder im Geiste mit einigen Millionen. Ob das allerdings für mutmaßlich teuersten Wahlkampf aller Zeiten reichen wird?

Ordnungssinn

Abtreibung ist böse, Homosexualität natürlich auch, das Land brauche dringend ein FBI-Antiterrorteam mit sehr vielen Sonderrechten. Mit dem Klimawandel haben die Menschen nichts zu tun, Schwarze sollen sich Jobs besorgen, statt Lebensmittelmarken, Spanisch ist die Sprache des Ghettos, weshalb Englisch endlich offizielle Amtssprache werden muss, nicht jede Entscheidung des Obersten Gerichts kann respektiert werden. Und dann ist da noch die Sache mit dem Mond. Er wolle einfach nicht, dass die Chinesen demnächst auf dem Mond landen, ohne dass nochmals Amerikaner dort waren. So stellt sich Gingrich sein schönes, neues Amerika vor. Doch so leicht lässt sich die Intelligenz der Amerikaner nicht beleidigen. In Florida waren es immerhin 70 Prozent, die nicht für Gingrich gestimmt haben.

Auslandserfahrung

Na gut, erweckt von höchster Stelle war ja auch schon George W. Bush. Newt Gingrich aber ist noch erweckter: "Wir sind das einzige Volk, das sagt, dass jeder einzelne Macht direkt von Gott bekommt", sagte er einmal und ohne dabei rot zu werden. Mit diesem Anspruch ist Außenpolitik natürlich ein Selbstgänger: Kuba, die widerborstige Insel des abhalfterten Sozialismus, will er von den Castros befreien, notfalls militärisch. Das Mullahregime in Teheran will er mit Bomben, Hackern und einer Art muslimischem Papst zu Leibe rücken und zum Thema Nahost fällt ihm vor allem ein, dass die Palästinenser eigentlich gar kein echtes Volk sind. Immerhin: Er weiß, dass der Mond nicht von dieser Welt und nur mit Raumschiffen zu erreichen ist.

Faktor Weiße Weste

Sollte Gingrich tatsächlich Barack Obamas Gegenkandidat werden, so sagte jüngst ein US-Bürgerrechtler, würde der Republikaner dastehen wie ein "schmutziges Glas neben einem sauberen". Denn die Liste seiner Verfehlungen ist lang: Als Bill Clinton wegen eines Affärchens mit der Praktikantin Monica Lewinsky in die Bredouille geriet, war Gingrich einer der größten Fürsprecher für eine Amtsenthebung Clintons. Nur leider hatte er zu dem Zeitpunkt ebenfalls etwas Außereheliches am Laufen. Besonders beliebt hatte er sich auch nicht damit gemacht, dass er während er Clinton-Präsidentschaft die Haushaltsverhandlungen zwischen Demokraten und Republikanern de facto völlig blockierte. Und einen weiteren Fleck wird er auch nicht los: Angeblich soll er seiner Krebskranken damaligen Frau die Scheidungspapiere ans Krankenbett gebracht haben.

Erotik

Wie jeder stramme Republikaner ist Gingrich ein Familienmensch. Und weil es gar nicht genug Familien geben kann, hat er gleich drei davon gegründet: Mit Jackie von 1963 bis 1977, mit Marianne von 1981 bis 1999 und seit 2000 mit Callista. Trotzdem setzte er nur zwei Töchter in die Welt.

Song

Zu jedem US-Wahlkämpfer gehört ein schmissiges Lied. Gingrich entschied sich für "Eye of the tiger" von Survivor - nur leider ohne die Band vorher um Erlaubnis gefragt zu haben. Jetzt muss er sich eine neue Einlaufmusik suchen.

Rhetorik

"Ich habe hohe Ambitionen. Ich möchte den ganzen Planeten verändern. Und das tue ich auch, denn ich eine berühmte Person." (In einem Interview mit der Washington Post, 1985)+

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Mitt Romney - Biedermann und Heuschrecke

Glamour

Geht so. Aber was anderes erwartet man von einem Mormonen ohnehin nicht. Einzig mit seinem Aussehen kann Romney bestechen: Er sieht aus wie Jon Hamm, bekannt als Don Draper, der Hauptdarsteller-Beau aus der vielgepriesenen US-Werber-Serie "Mad Men".

Temperament

Angenehm lau. Zumindest im Vergleich zu seinen hysterischen Konkurrenten, die sich nicht zu schade sind, sich lauthals mit absurden Wahlversprechen zu überbieten. Allerdings hielt ihm seine Bedachtheit nicht davon ab, nun genau das Gegenteil von dem zu fordern als noch einigen Jahren. So ähnelte eine Gesundheitsreform, die er einst als Gouverneur von Massachusetts durchsetzte, frappant der Obamas Umbau des Gesundheitssystems, das Romney nun als "Machtmissbrauch" brandmarkt. Auch hatte er früher nichts gegen Abtreibung, im Gegensatz zu heute. Wegen dieser Kehrtwenden genießt er in den USA den zweifelhaften Ruf eines "Flipfloppers", eines Wendehalses.

Fremdschämfaktor

Gering. Das einzige für das man sich schämen muss, sind eine Handvoll lauer Witze, die er unverdrossen bei jedem Wahlkampfauftritt wiederholt.

Realitätssinn

Kommt ihm manchmal abhanden. Als herauskam, dass seine Reden mit bis zu 374.000 Dollar honoriert werden, meinte er bloß, so eine Summe sei doch nicht viel. Stimmt auch, wenn man wie er über ein geschätztes Vermögen von irgendwas zwischen 250 und 350 Millionen Dollar verfügt. Dagegen sind die 10.000 Dollar, um die er mit Ex-Kandidat Rick Perry während einer TV-Debatte gewettet hatte, sogar regelrechte Peanuts. Das kam nicht so gut an bei den krisengeschüttelten Amerikanern. Auch nicht sein Kommentar über die "sehr Armen" im Land, um die er sich keine Sorgen mache, denn schließlich gebe es für sie soziales Netz. Aber, so sein vielsagendes Geständnis: "Ich mache keinen Wahlkampf für die Reichen oder die Armen, sondern für die Mittelschicht."

Geschäftssinn

Ein Abschluss in BWL, ein Doktor in Jura, danach Unternehmensberater und Gründer einer Private-Equity-Firma mit Namen Bain Capital. Landläufig werden diese Investoren Heuschrecken genannt: Sie kaufen Unternehmen auf, zerlegen sie und veräußern die Reste gewinnbringend weiter. Romney selbst brüstet sich damit, vielen Firmen auf diese Weise geholfen zu haben: den Büroausstatter Staples, der Imbisskette Dominos's Pizza und selbst eBay. Doch eine ganze Reihe seiner Geschäftspartner waren danach pleite. Kurzum: Der Kandidat verfügt über ein staatliches Vermögen von mehreren Hundert Millionen Dollar und hat viele Freunde an der Wallstreet, die noch mehr Millionen in seinen Wahlkampf pumpen. Für Romneys volksgläubige Gegner wie Newt Gingrich ist das Spekulanten-Image natürlich ein gefundenes Fressen.

Ordnungssinn

Romney wird nicht müde daraufhin zu weisen, dass er in seinem Ex-Bundesstaat Massachusetts ein wahres Jobwunder vollbracht hat und der Haushalt Überschüsse erzielt hatte. Das ist allerdings lange her. Mittlerweile spult er hauptsächlich das klassische Programm republikanischer Standards runter: Gegen Abtreibung und für Todesstrafe, für Steuersenkungen und gegen illegale Einwanderung und ansonsten Familie, Moral und freies Unternehmertum. Soweit so gut. Wenn da nicht der Erzkonservative Gingrich wäre, der Romney vorhält, ein Wahlprogramm à la Obama erschaffen zu haben. Was aber noch schwerer wiegt: Der Mann ist Mormone - also kein echter Christ und also kein guter Amerikaner. Also im Grunde genommen unwählbar.

Auslandserfahrung

Nach seinem Besuch in China konnte der Kandidat nichts Schlechtes über das Land sagen: Die Menschen dort würden schwer arbeiten, wenig Steuern zahlen, was sie zum größten Konkurrenten der USA machen würde. Und die Sache mit den Menschenrechten? Nun ja, er wolle zwischen beiden Ländern keine neuen Mauern errichten, sondern Brücken bauen. So viel Verständnis bringt er dem Iran und Europa nicht entgegen: Dem Mullahregime müsse die Pistole auf die Brust gesetzt werden statt nur mit dem Papiertiger Sanktion zu drohen. Und der alte Kontinent erst - im Grunde so schlimm wie der Präsident: "Obama will einen europäischen Wohlfahrtsstaat, einen europäischen Sozialismus" - es wird Zeit, Mitt Romney mal nach London, Paris und Berlin einzuladen.

Faktor Weiße Weste

Im Englischen werden Menschen, die ihr Geld an Konferenztischen verdienen "White Collar Boys" genannt, Jungs mit weißen Hemdkragen. Weiße Hemden hat Mitt Ronmey zu Hauf, und auch wenn sie so gut wie keine Flecken aufweisen, gibt's dann doch einen. Auch noch gut sichtbar platziert. Denn Romney war früher Private-Equity-Manager und hat in dieser Funktion so einige Firmen in den Ruin getrieben - und selber viele Millionen damit verdient. Daran reiben sich selbst im wirtschaftsliberalen Amerika sehr viele Leute, aber Amerika ist nicht nachtragend und gibt jeden einen zweite Chance.

Erotik

Wie gesagt: Romney ist ein hübscher Bursche. Und seit 1969 verheiratet. Fünf Kinder, fünf Schwiegertöchter und 16 Enkel hat er - diesen Sinn für Familie kann er nicht oft genug erwähnen. Der Mann steht eben auf Erfolg - sei es in der Wirtschaft und in Sachen Fruchtbarkeit.

Song

Zu jedem US-Wahlkämpfer gehört ein schmissiges Lied. Romney läuft mit Kid Rocks "Born free" auf. Im Schunkel-Rock'n'Roll ist sich die USA eben doch am nächsten.

Rhetorik

"Ich liebe es, Leute zu feuern." (Auf einer Wahlkampfrede in New Hampshire am 9. Januar 2012)


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