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Ehemalige US-Präsidenten Warum Trump und Obama einfach nicht loslassen können

Die früheren US-Präsidenten Donald Trump (l.) und Barack Obama
Die früheren US-Präsidenten Donald Trump (l.) und Barack Obama
© Saul Loeb / Chandan Khanna / AFP
Joe Biden ist der Hausherr der Pennsylvania Avenue 1600. Doch seine Vormieter, Barack Obama und Donald Trump, haben das Weiße Haus nie wirklich verlassen. 

Dann war es vorbei, nach acht Jahren, am 20. Januar 2009. Mit der Amtseinführung von Barack Obama als 44. Präsident der Vereinigten Staaten war Vorgänger George W. Bush (2001 - 2009) seinen Job los. Er ließ sich in Preston Hollow nieder, in der Nähe von Dallas, presste sein vergangenes Wirken und Walten im Weißen Haus – die Terroranschläge vom 11. September 2001, die Kriege in Afghanistan und im Irak – zwischen zwei Buchdeckel, widmete sich der Malerei. Die USA hatten einen neuen Präsidenten, Bush hatte sein Privatleben zurück.

Wie geht es weiter, danach, abseits der Tagespolitik? Bush hat für sich eine Antwort auf die Frage gefunden, ebenso dessen Vorgänger Bill Clinton (1993 - 2001), der sich nach Ausscheiden aus dem Amt mit seiner Stiftung auf den Kampf gegen Aids konzentrierte.

Ihr Blick richtete sich nach vorn, wenngleich sie qua Amtes – die Anrede als Mr. President gilt über die Amtszeit hinaus – auch immer wieder in den Rückspiegel schauten. Als Elder Statesmen, die sich gewissermaßen als historische Figuren über die Zeitläufe beugten. Doch die Aufgabe, die Zukunft der USA zu gestalten, das Tagesgeschäft, hatten nun andere zu verantworten.

Heute heißt der Hausherr der Pennsylvania Avenue 1600 Joe Biden. Doch seine Vormieter haben das Weiße Haus nie wirklich verlassen, wie es scheint.

Barack Obama (Nr. 44) und Donald Trump (Nr. 45) mischen noch immer kräftig im politischen Diskurs mit – über Netflix-Produktionen und Spotify-Podcasts, soziale Netzwerke (und Blogs, die es sein sollten), Interviews und politische Reden. Das ist ungewöhnlich: Die meisten Präsidenten überlassen es nach dem Ausscheiden aus dem Amt der Nachfolge, die Zukunft des Landes aktiv zu definieren, ziehen sich zurück, und zwar auch verbal – es war ein ungeschriebenes Gesetz, Kritik an früheren oder amtierenden Präsidenten öffentlich auszubreiten. Obama und Trump haben mit diesen Traditionen gebrochen. Warum?

Wer gefährdet denn nun die Demokratie?

"Ich bin nicht derjenige, der versucht, die amerikanische Demokratie zu unterlaufen", versichert Trump. "Ich bin derjenige, der versucht, sie zu retten." Es ist ein heißer Samstag im US-Bundesstaat North Carolina, und auch auf der Parteitagsbühne der Republikaner geht es hitzig zu, als Trump unter Applaus von den rund 1250 Zuschauern in Greenville zur großen Generalabrechnung ausholt.

Die USA würden "vor unseren eigenen Augen zerstört", sagt er da, das "Überleben" Amerikas hänge "von eurer Fähigkeit ab, die Republikaner auf jeder Ebene zu wählen." Er teilt gegen Biden aus, verflucht China, wettert gegen die "radikalen linken Demokraten". Und wiederholt sein Märchen von dem "Verbrechen des Jahrhunderts", der big lie, ihm sei die Wahl gestohlen worden. Im Publikum sitzt eine Frau, die eine Schirmmütze mit der Aufschrift Trump Won trägt, Trump hat gewonnen. Bis heute gibt es keine Belege für den angeblichen Betrug. 

Montag, zwei Tage später, meldet sich Barack Obama zu Wort.

"Wir müssen uns Sorgen machen", sagt Obama in einem Interview mit dem US-Sender CNN, "wenn eine unserer großen Parteien bereit ist, eine Denkweise über unsere Demokratie anzunehmen, die vor fünf Jahren oder eine Dekade noch undenkbar und unannehmbar gewesen wäre." Diese Partei, die Republikaner, sei dazu "gedrängt" worden, sagt der Demokrat, eine Reihe von fragwürdigen Positionen zu beziehen.

Gemeint, offensichtlich: Trump, dessen Machtfaktor ungebrochen ist, lenkt aus dem Off noch immer die Geschicke der Grand Old Party. Ohne Rücksicht auf Verluste, wie zuletzt die Causa Liz Cheney veranschaulichte, die der big lie keinen Glauben schenken wollte. Und von den Republikanern kurzerhand abgesägt wurde.

Obama und Trump veranschaulichen die tiefe Kluft in den USA, die zwischen den politischen Lagern liegt. Auf der einen Seite des Grabens: das liberale Amerika. Auf der anderen Seite: das konservative Amerika. Mittendrin: Präsident Biden, der Brückenbauer sein will und muss. Und zwei ehemalige Präsidenten, die auf der Baustelle mitmischen und eine genaue Vorstellung davon haben, wie die Konstruktion – das Amerika von Morgen – auszusehen hat. 

Die Fehde dauert an

Vieles hatte Obama in seiner Amtszeit in Gang gesetzt, nicht alles war erfolgreich. Der Rassismus grassierte weiter, die Armen wurden nicht reicher, die Reichen hingegen schon. Obama wollte die amerikanische Gesellschaft modernisieren, doch die Republikaner machten es sich zum erklärten Ziel, den Demokraten dabei scheitern zu sehen. Dazu kam die Erblast der Bush-Jahre, aus Kriegen und Wirtschaftskrise, die ihn zusätzlich ausbremste. "Er startete mit dem Slogan 'Hoffnung und Wandel'", bilanzierte seinerzeit die "Rheinische Post". "Nach acht Jahren muss man sagen: Obama hat viele Hoffnungen geweckt. Einen Wandel gab es nur in Teilen." 

Es mag auch die Enttäuschung darüber gewesen sein, die einen Präsident Trump ermöglichte. Durch enorme Polarisierung und Abgrenzung zum gegnerischen Lager konnte er die republikanischen Wähler an sich binden, Millionen von Menschen davon überzeugen, dass er das Bollwerk gegen die Eliten des sogenannten Establishments ist und den kleinen Leuten wieder Gehör verschafft. Unter der Überschrift "Make America Great Again", seinem Wahlkampf-Slogan, schleifte er die politischen Erfolge der Obama-Administration ab, ob beim Klimaschutz oder Gesundheitssystem, kündigte internationale Abkommen auf und und verabschiedete die liberalen USA mit den Worten: "America First".

Während Trump nie einen Hehl daraus machte, was er von seinem Amtsvorgänger und dessen Politik hält (Spoiler: nicht viel), hielt sich Obama oftmals im Ungefähren. Bis er deutlich wurde, sehr deutlich: "Donald Trump ist nicht in den Job hineingewachsen, weil er es nicht kann", sagte Obama kurz vor der Präsidentschaftswahl 2020. Bei dem Urnengang ginge es um nicht weniger als "dass die Grundprinzipien unserer Demokratie fortbestehen". Denn, so Obama, "genau das steht jetzt auf dem Spiel. Unsere Demokratie." Während der Corona-Pandemie seien Tausende unter Trump gestorben, Millionen Arbeitsplätze verlorenen gegangen, das Ansehen der USA im Rest der Welt schwer beschädigt worden.

Es war eine Generalabrechnung, die Trump natürlich nicht so stehen ließ. Obama sei ein "furchtbarer" Präsident gewesen, reagierte er schroff, und habe "keinen guten Job" gemacht. "Ich sehe den Horror, den er uns hinterlassen hat, die Dummheit der Transaktionen, die er gemacht hat." Trump führte damals zwar nicht aus, was er damit meinte – aber es zeigte: Da rangen zwei ehemalige Präsidenten um die Deutungshoheit und ihr eigenes politisches Erbe.

Geht es nach Obama, heißt der Sieger: Obama. Joe Biden bringe das zu Ende, was seine Administration angefangen habe, sagte er vergangenen Dienstag in einem weiteren Interview, dieses Mal in einem Podcast der "New York Times". Trump gibt derweil zu verstehen, dass die finale Schlacht noch lange nicht geschlagen ist: "Ich freue mich sehr auf das Jahr 2024", sagte er auf dem Parteitag der Republikaner in Greenville und deutete damit einmal mehr an, bei den nächsten Präsidentschaftswahlen wieder anzutreten.

So viel ist sicher: Geräuschlos haben sich Obama und Trump nicht aus dem Weißen Haus zurückgezogen.   


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