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Warnungen vor Eskalation Sabotageakte am Freitag? Was ein neues Video über die Situation am AKW Saporischschja verrät

Ein russischer Soldat vor dem AKW Saporischschja
Ein russischer Soldat vor dem AKW Saporischschja
© Uncredited / AP / DPA
Die Angst vor einem nuklearen Zwischenfall am von Russland besetzten AKW Saporischschja wächst. Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, für diesen Freitag Sabotageakte zu planen. Ein neues Video zeigt russische Militärfahrzeuge im Inneren des Kernkraftwerks.

Die Sorge vor einer Eskalation der ohnehin angespannten Situation am Atomkraftwerk in Saporischschja nimmt zu. Befürchtungen, dass es in dem seit März von russischen Truppen besetzen Kraftwerk im Süden der Ukraine zu einer nuklearen Katastrophe kommen könnte, sind nicht neu. Seit Ende Juli wurde das größte AKW Europas immer wieder beschossen, Kiew und Moskau machen sich gegenseitig für die Angriffe verantwortlich. Am Donnerstag nahm die Bedrohungslage dann auch rhetorisch noch mal an Fahrt auf.

Sowohl Russland als auch die Ukraine warnten in Statements, die jeweilige Gegenseite plane für diesen Freitag Sabotageakte. Die russischen Besatzer hätten unerwartet für Freitag einen arbeitsfreien Tag im größten Atomkraftwerk Europas verkündet, schrieb der Geheimdienst des ukrainischen Verteidigungsministeriums auf Telegram. Nur die Bedienungsmannschaft solle im AKW verbleiben, allen anderen sei der Zutritt untersagt worden, hieß es. Die Behörde wertete dies als Zeichen dafür, dass Russland "den Einsatz erhöhe" und einen "Terroranschlag" inszenieren könnte.

Der ukrainische Militärgeheimdienst erwiderte damit spiegelbildlich eine Warnung des russischen Verteidigungsministeriums, wonach die ukrainische Seite für Freitag eine Provokation in dem AKW plane, um Russland in Folge die Schuld an einer möglichen nuklearen Katastrophe zu geben.

Video zeigt russische Militärlastwagen in AKW Saporischschja

Details, was die jeweilige Gegenseite konkret vorhabe, nannten beide Seiten keine. Überprüfbar sind die Angaben Kiews und Moskaus nicht. Im Netz kursierte indes seit dem frühen Donnerstagabend ein Video, das nach Recherchen des gemeinsamen Verifizierungsteams von stern und RTL im Inneren des Kernkraftwerks aufgenommen worden ist. Auf der mutmaßlich heimlich gefilmten Aufnahme sind mehrere mit einem weißen "Z" markierte russische Militärfahrzeuge des Typs Ural 4320 im Maschinenraum der Anlage zu sehen. Spekulationen, wonach neben den Fahrzeugen auch Munition gelagert sein soll, lassen sich durch das Video nicht zweifelsfrei belegen.

Das später auch von Aleander Kots, Kriegskorrespondent der Kreml-treuen Zeitung "Komsomolskaya Pravda", geteilte Video bestätigt indes Recherchen des russischen Investigativportals "The Insider", wonach Russland bereits Anfang August mehrere Militärlastwagen ins Innere des Kernkraftwerks verlegt haben soll. Eine dem "The Insider" angeblich durch eine Quelle aus dem AKW zugespielte Aufnahme, dem Bericht zufolge am 2. August entstanden, zeigt, wie mehrere Fahrzeuge eines Konvois durch große Tore in das Gebäude fahren (siehe nachfolgendes Video). Der Quelle zufolge soll damals der im jüngsten Video zu sehende Maschinenraum auch vermint worden sein.

Diese Angabe ist nicht überprüfbar, ebenso wie die Aussage einer weiteren zitierten Quelle, dass dort auch Munition gelagert werde. 

Russland lehnt Entmilitarisierung der AKW-Zone ab

Die Bedrohungslage am AKW Saporischschja war am Donnerstag auch Thema beim Treffen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj mit EU-Generalsekretär António Guterres und dem türkischen Staatschef Staatschef Recep Tayyip Erdogan in Lwiw. Die Anlage dürfe nicht im Rahmen militärischer Operationen genutzt werden, sagte Guterres, der sich für eine Entmilitarisierung aussprach. "Stattdessen ist dringend eine Einigung erforderlich, um Saporischschja als rein zivile Infrastruktur wiederherzustellen und die Sicherheit des Gebiets zu gewährleisten." Jede mögliche Beschädigung des AKW sei "Selbstmord". Erdogan warnte nach den Gesprächen: "Wir wollen kein neues Tschernobyl erleben".

Russland lehnte indes schon im Vorfeld der Gespräche die Vorschläge der Vereinten Nationen für eine Entmilitarisierung der Zone ab. Das sei inakzeptabel, weil dadurch die Anlage noch anfälliger werde für Angriffe, sagte ein Sprecher des russischen Außenministeriums am Donnerstag in Moskau. Russland erwarte vielmehr, dass schon in "unmittelbarer Kürze" Expertinnen und Experten der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) das AKW besichtigen werden. Eine solche Mission ist seit langem geplant.

Russland besteht demnach auf eine Anreise der Experten über sein Gebiet. Selenskyj betonte am Donnerstag erneut, dass er keine Probleme für eine sichere Anreise der Expertenmission über ukrainisches Gebiet sehe. Die Reise werde "sehr schnell und insgesamt sicher auf legalem Weg durch das freie Territorium unseres Staates zur Station" führen. "Und das ist der einzige Weg", sagte Selenskyj. Wer wie Russland nukleare Erpressung organisiere, könne nicht Organisator der Reise sein.

Quellen:"The Insider" / Mitteilung Geheimdienst des ukrainischen Verteidigungsministeriums / Bericht der Nachrichtenagentur RIA Novosti / Telegram / mit DPA


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