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Corona-Rekordwerte So stemmen sich EU-Länder gegen die zweite Infektionswelle

Sehen Sie im Video: Corona-Regeln verschärft – Dänemark schließt Grenze für deutsche Urlauber.




Am Freitag floss der Verkehr am deutsch-dänischen Grenzübergang bei Harrislee in Schleswig-Holstein noch weitgehend reibungslos. Wegen der steigenden Corona-Neuinfektionszahlen dürfen Menschen aus Deutschland allerdings ab Samstag ohne triftigen Grund nicht mehr nach Dänemark einreisen. Die dänische Regierung warnte Landsleute vor unnötigen Reisen nach Deutschland und will umgekehrt viele Urlauber aus Deutschland nicht mehr ins eigene Land lassen. Allerdings sei etwa das an Dänemark grenzende Bundesland Schleswig-Holstein davon ausgenommen, weil dort die Infektionsrate unter 30 Fällen pro 100.000 Einwohnern innerhalb von sieben Tagen liegt, teilt das dänische Außenministerium mit. Grenzschließungen seien immer problematisch, sagte Andrea Sasse vom deutschen Außenministerium: "Nämlich, dass wir im Frühjahr gesehen haben, dass Grenzschließungen nicht in unser aller Sinn sind. Weil sie verschiedene Folgen haben, was den Warenverkehr angeht, den Fluss des Warenverkehrs. Was insgesamt Verkehrsstörungen angeht. Beispielsweise an der Grenze zu Polen hatten wir es, wir hatten es mit Blick auf Frankreich." Die Maßnahme der Dänen steht in Übereinstimmung mit der vergangene Woche in der EU beschlossenen Corona-Ampel. Danach können Länder Restriktionen für Urlauber aus anderen Mitgliedsstaaten einführen, wenn die Ampel - wie mittlerweile für Deutschland - auf gelb steht. Auch andere EU-Länder wie Estland haben bereits solche Beschränkungen für Urlauber aus Deutschland eingeführt. Ein triftiger Grund für die Einreise kann etwa gegeben sein, wenn jemand in Dänemark arbeitet oder seine Familie oder seinen Partner besuchen will.
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Überall in Europa melden Regierungen Rekordzahlen bei Corona-Neuinfektionen und suchen ihr Heil in immer mehr Alltagsbeschränkungen. Denn eines wollen sie unbedingt verhindern.

Rasant steigende Corona-Zahlen treiben Staaten in Europa zu immer härteren Maßnahmen gegen die Pandemie. Belgien, Tschechien und Frankreich meldeten am Wochenende Rekordwerte bei Neuansteckungen. Sie stemmen sich mit Ausgangssperren und neuen Auflagen gegen die zweite Welle, ähnlich wie Frankreich, Italien, Spanien und Österreich. Einen Höchstwert von mehr als 83.000 neuen Infektionen an einem Tag registrierten auch die USA. 

Die Vereinigten Staaten verzeichnen inzwischen etwa 225.000 Todesfälle in Verbindung mit dem Coronavirus, mehr als jedes andere Land der Welt. Während Präsident Donald Trump im Wahlkampf die Pandemie herunterspielt, wirft ihm sein Herausforderer Joe Biden Versagen vor. Doch auch in Europa gehen Infektions- und Sterbezahlen steil nach oben. Bis Sonntag registrierte die EU-Seuchenbehörde ECDC 208 627 Todesfälle mit oder wegen Corona für die 27 EU-Staaten, Island, Liechtenstein, Norwegen und Großbritannien.

Überall in Europa ziehen Regierungen wieder die Bremse an

Gemessen an der Bevölkerung sind die kleinen EU-Länder Tschechien (10,7 Millionen Einwohner) und Belgien (11,5 Millionen Einwohner) am härtesten getroffen. Die Infektionszahlen je 100.000 Einwohner waren in den vergangenen 14 Tagen nach ECDC-Angaben jeweils fast zehn Mal so hoch wie in Deutschland (83 Millionen Einwohner). In Tschechien starben binnen 14 Tagen 10 von 100.000 Bürgern, in Belgien 5 - im Vergleich zu 0,5 in Deutschland. Beide Länder meldeten am Wochenende Rekordwerte von mehr als 15 000 Ansteckungen an einem einzigen Tag.

In Frankreich (67 Millionen Einwohner) wurde mit 45.000 neuen Infektionen pro Tag am Wochenende ebenfalls der bisherige Höchstwert überschritten. Seit Samstag gilt dort eine nächtliche Ausgangssperre für rund zwei Drittel der Einwohnerinnen und Einwohner des Landes, also rund 46 Millionen Menschen.

In Belgien hatte die Regierung ebenfalls eine nächtliche Ausgangssperre verfügt ebenso wie die Schließung von Kneipen und Restaurants und strikte Kontaktbeschränkungen. Die Regionalregierung für die Hauptstadt Brüssel schärfte dies am Wochenende noch nach. Ab Montag gilt verschärfte Maskenpflicht, alle Theater, Kinos, Museen sowie Sportstätten und Schwimmbäder werden geschlossen. Heimarbeit ist Pflicht, soweit dies möglich ist. Und: Kinder dürfen an Halloween nicht von Tür zu Tür ziehen.

Überall in Europa ziehen Regierungen wieder die Bremse an - auch in dem verzweifelten Bemühen, einen kompletten Lockdown zu vermeiden. In Spanien hat die Regierung am Sonntag wieder den nationalen Notstand ausgerufen, um die Bewegungsfreiheit der Menschen einzuschränken zu können. Anders als bei dem Notstand, der zwischen dem 14. März und dem 20. Juni herrschte, wird diesmal keine totale Ausgangssperre verhängt, sondern ein nächtliches Ausgehverbot zwischen 23 Uhr und sechs Uhr morgens. Die Anordnung gilt fast für das ganze Land. Ausgenommen sind nur die Kanaren, die vor wenigen Tagen von Deutschland und Großbritannien von der Liste der Risikogebiete gestrichen worden waren.

In Italien sollen ab Montag bis zum 24. November Kinos, Theater, Fitnessstudios, Bäder, Skiresorts und Konzerthallen nicht mehr öffnen, wie die Deutsche Presse-Agentur erfuhr. Restaurants und Bars müssen um 18 Uhr schließen. Ferner muss der Unterricht für mindestens 75 Prozent der Gymnasialschüler online abgehalten werden. 

In Österreich gilt seit Sonntagnacht in Restaurants eine Höchstzahl von sechs statt bisher zehn Erwachsenen pro Tisch. Bei Tanz- oder Yogakursen oder privaten Geburtstagsfeiern dürfen sich nur noch sechs Personen treffen, draußen zwölf. Auch Österreich (8,8 Millionen Einwohner) hatte am Samstag einen Rekordwert bei Neuinfektionen erreicht: 3614 Fälle binnen 24 Stunden. Bei der Ansteckungszahl pro 100.000 liegt Österreich nach ECDC-Angaben mehr als doppelt so hoch wie Deutschland.

In der Slowakei dürfen Menschen seit Samstag bis zum 1. November ihre Wohnungen nur für den Weg zur Arbeit sowie dringende Besorgungen verlassen. Am Freitag begannen Antigen-Schnelltests für die gesamte Bevölkerung, die binnen drei Wochen abgeschlossen sein sollen. Ministerpräsident Igor Matovic meldete am Sonntag 3024 Neuinfektionen binnen 24 Stunden - auch das ein Rekordwert.

In Slowenien schließen die meisten Geschäfte, Hotels, Kindergärten, Studentenheime, Friseurläden und Schönheitssalons. In Lettland dürfen bei Veranstaltungen in Räumen nur noch maximal zehn Personen zusammenkommen. Die Einreise von Deutschland nach Dänemark ist seit dem Wochenende nur noch mit triftigem Grund erlaubt. In Polen bleiben Restaurants zu, Versammlungen mit mehr als fünf Personen verboten. 

Kritik und Proteste gegen Beschränkungen

Wie in Deutschland lehnen sich auch andernorts Bürger gegen die Beschränkungen auf. In Italiens Hauptstadt Rom kam es bei Protesten gegen Ausgangssperren in der Nacht zum Sonntag zu Ausschreitungen, wie die Nachrichtenagentur Adnkronos und andere Medien berichteten. Zwei Polizisten erlitten demnach Verletzungen, mindestens zehn Demonstranten wurden festgenommen. In der Nacht zuvor hatte es bereits in Neapel Proteste gegeben.

Die Regierung in Wales erntete mit einem Verkaufsverbot für etliche Waren in Supermärkten massive Kritik. Diese dürfen nur noch "essenzielle Waren" verkaufen - Geräte wie Wasserkocher, Textilien, aber auch Postkarten oder Geschirr sind in den Läden mit Plastikfolien oder anderen Barrieren abgesperrt. In London demonstrierten Tausende Menschen gegen die Corona-Maßnahmen der britischen Regierung und sprachen von Tyrannei oder Überwachung.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen bahnt sich das Virus immer wieder den Weg bis in die höchste Politik. In Polen wurde Präsident Andrzej Duda positiv auf das Coronavirus getestet. In Washington traf es den Stabschef von US-Vizepräsident Mike Pence - Pence selbst wurde aber nach Angaben eines Sprechers aber negativ getestet. Präsident Trump hatte eine Covid-Erkrankung Anfang Oktober überstanden.

In der türkischen Metropole Istanbul steckte sich Bürgermeister Ekrem Imamoglu an, in der ukrainischen Hauptstadt Kiew Bürgermeister Vitali Klitschko - und das kurz bevor der Ex-Boxweltmeister am Sonntag für eine zweite Amtszeit kandidierte. Algeriens Präsident Abdelmadjid Tebboune begab sich vorsorglich in Quarantäne, da bei mehreren Beratern der Verdacht auf Corona-Infektionen aufgekommen war.

fs DPA

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