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"Killerspiel"-Debatte: Das Problem sind wir alle

Wenn irgendwo ein Teenager durchdreht, folgt rituell die Forderung, "Killerspiele" zu verbieten. Bayerns Innenminister Beckstein hat dazu einen Vorschlag gemacht, der so hanebüchen ist, dass er wenig Unterstützung findet - zu Recht.

Ein Kommentar von Niels Kruse

Günther Becksteins Schaumschlägerei fängt schon bei der Wortwahl an: Mit bis zu einem Jahr Haft will der bayerische Innenminister die Herstellung und Verbreitung "menschenverachtender, virtueller Computerspiele" bestrafen. Virtuelle Computerspiele? Gibt es auch nicht-virtuelle Computerspiele? Also reale? Solche, bei denen echtes Blut aus dem Monitor sickert? Oder man das weggeschossene Gedärm des Gegners riecht? Die eigenen Verwundungen spürt? Hoffentlich nicht. Aber im Ernst: Schon die schlampige Wortwahl des Hardliners aus Bayern zeigt, in welcher Eile er seinen Vorschlag zur Änderungen des Gewaltverherrlichungs-Paragraphen zusammengezimmert haben muss.

Da wundert es wenig, dass längst nicht alle Landesinnenminister Becksteins Vorstoß unterstützen. Außer natürlich den üblichen Verdächtigen, die immer und grundsätzlich alles toll finden, was der Bayer will - also Brandenburg, Niedersachsen und Hamburg. Dazu haben Baden-Württemberg Unterstützung angekündigt, Thüringen und Sachsen auch, wie eine stern.de-Umfrage unter den Landesregierungen ergeben hat. Das "Ja" der beiden letztgenannten aber klingt eher nach einem "Vielleicht". Und aus den restlichen Staats- und Senatskanzleien heißt es: Der Meinungsprozess sei noch nicht angeschlossen, Arbeitsgruppen aber eingerichtet.

Offensichtlich sind die meisten Landesregierungen klug genug, erst einmal in Ruhe nachzudenken, statt sich von den Blasen eines Günther Beckstein irritieren zu lassen. Wie hanebüchen seine Verbotsforderung ist, zeigt allein die Tatsache, dass bereits Millionen derartiger Spiele im Umlauf und die, die noch kommen, via Internet in wenigen Minuten auf den heimischen Rechner gesaugt sind. Wie so ein Verbot kontrolliert werden soll, weiß der Kuckuck. Inoffiziell geben daher einige der von stern.de Befragten dem Gesetzesvorstoß keine Chance. "Mal schauen, was von Becksteins Propaganda übrig bleibt, wenn der Text erst einmal durch die Gesetzgebungsmaschinerie ist", sagt einer von denen, die am Hebel jener Maschine sitzt.

Es stellt sich ohnehin die Frage, ob "Killerspiele" ein Problem darstellen, das einer politischen Lösung bedarf. Dass Egoshooter aggressives Verhalten, gar Amokläufe auslösen, mag für manche nahe liegend sein, bewiesen ist es nicht. Und das Bastian B., der "School-Shooter" aus Emsdetten, mit Verlaub gesagt, einen Dachschaden hatte, daran ist sicher nicht nur "Counterstrike" Schuld, sondern auch sein Umfeld. Man darf auch annehmen, dass ihn nicht dieses Spiel zum Killer gemacht hat, sondern dass er es deswegen gespielt hat, weil er gerne ein Killer gewesen wäre.

Letztlich ist das Problem ein anderes: Dass Jugendliche zu Selbstzweifel, Wut und Aggressionen neigen, ist keine Erfindung der 21. Jahrhunderts. Dass viele Jugendliche aber offenbar immer weniger in der Lage sind, ihre Aggressionen auf zivilisierte Art und Weise abzubauen, diesem Problem muss man sich stellen. Es kann nicht angehen, dass der Einsatz von Waffen an manchen Schulen normal geworden ist oder dass Jugendbanden ganze Stadtviertel terrorisieren. Daran aber sind keine Ballerspiele oder ultrabrutale Handyfilmchen Schuld, sondern wir alle: Lehrer, Nachbarn, Verwandte und allen voran die Eltern.

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