Analyse Schickt sie doch in den Süden!


Die Forderung der USA, deutsche Soldaten im umkämpften Süden Afghanistans einzusetzen, ist eingeschlagen wie eine Bombe. Seitdem herrscht dicke Luft zwischen Berlin und Washington. Doch der Zwist birgt eine Chance: Endlich kann die Bundesregierung mit den Mythen ihrer eigenen Politik aufräumen.
Von Jan Rübel

Der Brief sorgt in Berlin für entgeisterte Gesichter. Nur eineinhalb Seiten haben ausgereicht, um eine Strategie für null und nichtig zu erklären, an die die Bundesregierung viele Jahre lang geglaubt hatte. Die Glaubwürdigkeit stehe auf dem Spiel, hatte US-Verteidigungsminister Robert Gates seinem deutschen Amtskollegen Franz-Josef Jung schon vergangene Woche geschrieben. Erst am Donnerstagabend wurde der brisante Schriftsatz bekannt: Deutschland solle sich, bittschön, auch an den Kampfeinsätzen im Süden Afghanistans beteiligen.

Im Klartext heißt das: Nur im Norden sich um den zivilen Aufbau kümmern, das reicht nicht. Hinsetzen, nachsitzen, nacharbeiten. Bisher hatten die Regierungen Schröder und Merkel immer nur blumig von "Wiederaufbau" und "Stabilisierung" gesprochen, wenn sie den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan beschrieben. Der Brandbrief von Gates erdet nun das Berliner Wolkenkuckucksheim. Denn Afghanistan ist Kriegsgebiet. Wer sich dort militärisch wie die Bundeswehr engagiert, kann sich nicht auf Patrouillen in befriedeten Städten beschränken, während die Soldaten anderer Nationen wie Kanada oder Polen in blutige Kämpfe verwickelt sind. Doch ob die von Gates für Afghanistan angedachte Strategie richtig sein wird, bleibt damit vorerst unbeantwortet.

Das Experiment Afghanistan scheitert

Die Nato-Vormacht Amerika steht in Afghanistan am Scheideweg. Das Land am Hindukusch irakisiert sich. Die USA haben in Antwort auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 das Taliban-Regime in Kabul weggebombt, mit tausenden eigenen Soldaten und denen zahlreicher Bündnisgenossen das Land besetzt. Vieles wurde seitdem investiert. Zum einen ist die Infrastruktur in Afghanistan mittlerweile so gut wie noch nie - die Afghanen wissen dies zu schätzen. Zum anderen kommt das Land nicht zur Ruhe, die radikalislamischen Taliban werden mächtiger und die Kämpfe mit Nato-Truppen immer heftiger - und das gefällt den allermeisten Afghanen nicht.

Gates will die US-Strategie ändern. Er will sie militarisieren. Während viele europäische Regierungen, allen voran die deutsche, vor allem den Wiederaufbau in Afghanistan als Perspektive skizzieren, hofft das Weiße Haus, mit massiven Militär-Offensiven einen gordischen Knoten in Afghanistan zu zerschlagen und das Gespenst der Taliban und der al-Qaida endgültig zu vertreiben. Gates begeht dabei seinen ersten Fehler: Taliban und al-Qaida sind nicht Urgrund, sondern Teil des Problems in Afghanistan.

Erst am Mittwoch beschrieb die amerikanische "Afghanistan Study Group" das Land auf dem Weg zum "Failed State", zum gescheiterten Staat. Im Süden tobt ein asymmetrischer Krieg. Der Aufbau von Polizei und Militär stockt. Die Wirtschaft wächst nicht, nur der Anbau von Opium blüht so stark wie seit dem Sturz der Taliban im Jahr 2001 nicht mehr. Die Armut treibt die Bauern in den Drogenanbau. Und keiner, auch der Westen, bietet Alternativen.

Die Geschichte Afghanistans ist immer eine Geschichte lokaler autarker Fürsten gewesen, auch auf Seiten der Taliban. Derzeit erlebt die Gesellschaft ein Hauen und Stechen: jeder gegen jeden. Korruption herrscht allerorten. Und die Zentralregierung verfügt über eine Autorität, die über die Grenzen der Hauptstadt Kabul kaum hinaus reicht. Eine richtige Regierung kann also nur ein Langzeitprojekt sein. Jedes Kriegsjahr kann nur mit mindestens acht Friedensjahren kompensiert werden. Zu viel Hass und Leid haben sich aufgetürmt. Da jetzt nur auf Krieg zu setzen, könnte sich für die Nato als falsche Strategie erweisen. Der von Gates erhoffte gordische Knoten kommt derzeit eher als undurchschaubares Wollknäuel daher.

Krieg allein löst den Konflikt nicht

Im Gegenteil: Längst verurteilen die meisten Afghanen die harten Militäraktionen des Westens, denen zahllose Zivilisten zum Opfer fallen. Die Stimmung kippt. Nicht nur Taliban sind mittlerweile dem Westen feindlich gesonnen. Die Alternative hieße, alle möglichen Mittel in einen politischen Prozess zu setzen. Eine Versöhnungskonferenz von Afghanen für Afghanen mit Leben erfüllen. Und mit den Taliban reden. All dies steht nicht auf Gates' Agenda.

Doch die Deutschen eignen sich nicht gerade, um Ratschläge zu erteilen. Zu lange haben die Regierungen Schröder und Merkel ihre Afghanistan-Politik nach innenpolitischen Kriterien geordnet: Die Angehörigen der Bundeswehr sollen tunlichst nicht kämpfen, weil die Wähler es laut Umfragen nicht wollen. Wer mitreden will, muss aber auch mitmachen. Würde die Bundesregierung tatsächlich Soldaten in den umkämpften Süden schicken, würde sie sich endlich Einfluss bei den USA und ihrer Politik für den Hindukusch sichern. Kanzlerin Angela Merkel könnte sich für ein Ende der Flächenbombardements im Süden stark machen. Sie könnte für Abkommen mit den Taliban zur Friedenssicherung werben. Sie könnte auf mehr zivile Projekte im Süden drängen. Und sie müsste nicht einfach schweigen.

Stattdessen reißen die Gerüchte aus Brüssel nicht ab, die Bundesregierung werde nur deswegen einer deutschen Eingreiftruppe im Norden Afghanistans zustimmen, um zwei Jahre lang nicht nach deutschen Truppen für den Süden gefragt zu werden. Gates hat dieses Kalkül nun zunichte gemacht. Damit eröffnet sich für Merkel eine große Chance: Endlich kann sie klären, was sie überhaupt will.


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