Angela Merkel Abgehoben!


Die Deutschen sind ihrer Kanzlerin regelrecht verfallen. Warum nur? An ihrer Politik kann es nicht liegen. Ein Versuch, das Phänomen Angela Merkel zu ergründen.
Von Franziska Reich

Aus den Träumen einer Kanzlerin: Wir schreiben das Jahr 2009. 60 Jahre Bundesrepublik. 20 Jahre Mauerfall. Und Angela Merkel als ideale Verkörperung des vereinten Deutschlands mittendrin. Aus aller Welt kommen Staatsgäste, um sie vor dem großen Bühnenbild der Historie zu hofieren. Wahlkampf im Jubiläums-Jubeljahr. Wie sollten die Deutschen sie da nicht wählen wollen? Sie sind ihr ja heute schon verfallen.

Selten zuvor konnte ein Kanzler persönlich so entspannt in die Sommerpause gehen wie Angela Merkel in diesem Jahr. Es gibt keine Umfrage, in der sie nicht glänzend abschnitt. Die Deutschen hadern zwar mit der CDU, mit der Großen Koalition, mit der Politik insgesamt - ihr aber liegen sie zu Füßen. 62 Prozent wünschen sich, dass sie über 2009 hinaus im Amt bleibt, ermittelte das Forsa-Institut im Auftrag des stern. Sogar die Anhänger der Grünen und der SPD sind mehrheitlich dafür, dass Merkel, die CDU-Vorsitzende, noch länger das Land führt. Und satte zwei Drittel der Bürger finden, sie mache ihre Sache gut - über ihre Regierung sagen das nur 34 Prozent.

Alle blöde ausser Mutti! Womit nur macht sie das Volk so besoffen? Wenn man Meinungsforscher wie Forsa- Chef Manfred Güllner oder Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen fragt, antworten die erst einmal sehr rational: Merkel wirke mehr wie eine wohlmeinende Präsidentin, die nur nach dem Besten strebe und nichts zu tun habe mit dem nervenden Klein-Klein des Parteienstreits. Sie werde gar nicht mehr als CDU-Politikerin wahrgenommen, sondern als übergeordnete Instanz. Zur sagenhaften Beliebtheit dieser Frau fällt den Demoskopen dann aber auch nur ein wenig rationaler Begriff ein. Er lautet "Phänomen".

Phänomenale Ergebnisse

Ein Phänomen ist nicht einfach zu erklären. Es tritt in Erscheinung, irgendwie, und dann kann man nur noch feststellen: 82 Prozent der Deutschen halten Angela Merkel für kompetent. 85 Prozent fühlen sich von ihr in der Welt gut vertreten. 76 Prozent beurteilen sie als machtbewusst und stark, mehr als zwei Drittel finden sie sympathisch und glaubwürdig. Das hat in der Tat etwas Phänomenales. Denn eigentlich zeichnet die Kanzlerin doch verantwortlich für die Entscheidungen ihrer Regierung. Für die Rente mit 67 zum Beispiel. Oder die höhere Mehrwertsteuer. Oder die steigenden Krankenkassenbeiträge. Für all das also, was viele Deutsche wütend macht.

In der Karriere von Angela Merkel ist nie etwas irgendwie in Erscheinung getreten - auch nicht dieses Phänomen. Ihr Image wurde immer sorgfältig komponiert. Neulich wieder. Gerade rettet die Bundeskanzlerin in Brüssel hinter verschlossenen Türen historisch bedeutsam die Europäische Union - und draußen lässt sich ihr Sprecher Ulrich Wilhelm dabei filmen, wie er eine Kurzmitteilung an sie ins Handy tippt: "Poldi ist drin, Frings spielt nicht." Diese Szene wird anschließend in den Nachrichten ausgestrahlt. Ein bisschen EM-Begeisterung bei der Langweiler- EU - und ganz Deutschland seufzt: Mensch, die Merkel! Ist doch niedlich!

Sind wir nicht alle ein bisschen Merkel? "Angela Merkel wirkt immer anti-pompös. Sie hat nichts Barockes. Niemand muss ihr etwas neiden", sagt Gerd Langguth. Der Politikprofessor aus Bonn arbeitet derzeit an einem Buch über die Erotik der Macht. Jahrelang hat er sich auch mit dem Leben von Angela Merkel beschäftigt und eine Biografie über die damals noch Unterschätzte aus dem Osten geschrieben. "Im Gegensatz zu Gerhard Schröder kannte sie die politische Bühne der Hauptstadt schon sehr genau, bevor sie Kanzlerin wurde. Sie konnte sofort durchstarten. Damit hat keiner gerechnet." So mutierte die Ostdeutsche rasant zur Gesamtdeutschen. Aus der Radikalreformerin wurde die Kompromissmoderatorin. Jeder zweite Deutsche sagt, sie habe sich seit dem Amtsantritt zum Positiven verändert. Langguth bescheinigt ihr "fast seherische Fähigkeiten, die Identifikation der Bevölkerung mit bestimmten Themen zu erahnen".

"Die macht das eigentlich prima"

Ihre leicht schnoddrige Art hilft ihr dabei, das Buhlen um die Liebe des Volkes nicht allzu offensichtlich werden zu lassen. Vor einigen Wochen zum Beispiel. Das Wetter ist wunderbar warm und trocken und Angela Merkel sehr aufgeräumt nach einem langen Gespräch. Man plänkelt so dahin über dies und das und kommt irgendwie auch auf kriminelle Jugendliche zu sprechen, und Angela Merkel macht ihr berühmtes "Pfff " und sagt: "Jaja, diese harten Jungs. Die müsste man allesamt mal eine Nacht im dunklen Wald übernachten lassen, dann wären die von ganz allein geläutert." Demut lernen in der Natur. So einfach ist das. Dann lächelt sie spitzbübisch und setzt ein bodenständiges "Ist doch wahr" hinterher.

Das Klischee der großen Staatenlenkerin auf den roten Teppichen der Welt durchbricht Angela Merkel ganz bewusst mit dem, was gemeinhin "gesunder Menschenverstand" genannt wird. Ein bisschen mütterlicher Witz. Und ganz viel Bodenhaftung. Wie putzig sie im Stadion die Fäustchen auf Ohrhöhe reckt, wenn Schweini aufs Tor losstürmt. Wie sympathisch uneitel sie im Sommerurlaub in verbeulten Hosen die Alpen durchpflügt! Merkel - das Maskottchen der Nation. Inzwischen sagen selbst die härtesten Chauvis und Anarchos: "Die macht das eigentlich prima."

Nur: Was genau macht sie eigentlich? Seit sie mit ihrem neoliberalen Programm bei der Wahl 2005 Schiffbruch erlitt, legt sich diese Frau nicht mehr fest. Sie macht den Deutschen nur noch ein unverbindliches Angebot - wie die Skizze in einem Malbuch, die sich jeder nach Belieben selbst ausmalen kann. Sie ist die Meisterin des "Wahr ist aber auch…". Handelt nie "Entweder oder", sondern immer "Sowohl als auch". Stellt lieber eine Gegenfrage, bevor sie eine Antwort gibt - eines ihrer beliebtesten Mittel im politischen Nahkampf. Als ein Industrielobbyist sie auffordert, die Einwanderungsbestimmungen für Chemiker zu lockern, fragt sie mit scharfem Blick einfach zurück: "Wie viele Chemiker fehlen denn in Deutschland?" Und der Herr stottert und laviert und weiß nicht weiter. Angela Merkel liebt solche kleinen Machtdemonstrationen. Auf diese elegante Weise, ganz sachlich und kokett, kommt sie leicht um eine eigene Antwort herum.

Die Bürger schätzen den schwammigen Stil der Kanzlerin

Sie besitzt die Gabe, mit schnell inszenierten Symbolen Kritikern den Mund zu stopfen. Klimakatastrophe? Kanzlerin winkt vom grönländischen Eis. Soldaten allein in Afghanistan? Kanzlerin steht stramm in Kabul. Ihr politisches Rückgrat? Kanzlerin empfängt den Dalai Lama. "Helmut Kohl war mit Leib und Seele CDU. Gerhard Schröder ging es immer auch um seine Macht. Merkel hingegen scheint für die Wähler nur das Wohl des Landes im Blick zu haben", urteilt ihr Biograf Langguth. "Sie wirkt, als sei ihr der Rest und auch sie selbst nicht so wichtig."

Keiner kann dabei sagen, ob sie sich mehr ums Klima sorgt als um die deutsche Automobilindustrie. Wer kann beurteilen, ob sie sich tatsächlich die Freiheit Tibets wünscht. Wenn sie sich im Namen von Moral und Menschenrechten mit den Chinesen anlegt, dann weiß sie: Der Affront ist folgenlos, denn SPD-Außenminister Steinmeier zupft ja schon im Hintergrund beruhigend auf der Diplomaten-Zither. Die Kanzlerin befriedigt mit Symbolen die Sehnsucht nach heiler Welt - die schnöde Realität können andere verkünden.

Sie? Furchtlos. Und der Rest? Leckt Speichel. Wenn man Peter Hintze, den ehemaligen CDU-Generalsekretär und engen Merkel-Vertrauten, nach den Geheimnissen ihres Erfolges fragt, gerät er ins Schwärmen. Wie elegant! Wie überzeugend! Als Frau besser als jeder Mann zuvor! Ihren Politikstil beschreibt er so: "Oskar Lafontaine sagt den Menschen: Ihr könnt so bleiben, wie ihr wart. Kurt Beck sagt: Ihr könnt so bleiben, wie ihr seid. Und die Kanzlerin sagt: Ihr könnt so bleiben, wenn ihr euch ändert." Sich zu verändern und dabei genauso zu bleiben, wie man ist? Das ergibt nicht wirklich Sinn, klingt aber ganz nach dem Geschmack der Wähler.

Vielleicht mögen sie Angela Merkel, gerade weil sie nicht wissen, wofür sie steht. Oder wogegen. Ein bisschen Klimaschutz. Ein bisschen Atomkraft. Ein bisschen Energiesparlampe. Die Deutschen schätzen den schwammigen Stil dieser Kanzlerin, wünschen sich gleichzeitig aber, dass sie bei Konflikten öfter mal ein Machtwort sprechen möge. Ja, wie denn nun? Je genauer man hinschaut, desto unschärfer werden die Gründe für die Liebe der Deutschen zu dieser Frau. Eben: ein Phänomen.

Was ist das langfristig Tragende - Partei oder Person?

Das hat inzwischen auch die Führung der Sozialdemokraten erkannt. Noch im Frühjahr gab es den vagen Plan, Merkel im Wahlkampf frontal anzugreifen. Eine Kommission sollte überlegen, wie man die Überfliegerin wieder in die CDU-Niederungen ziehen könnte. Längst jedoch ist den SPD-Strategen klar geworden, dass sie sich mit einem offenen Kampf gegen die beliebte Grande Dame nur selbst schaden können. Wie will man gegen einen Schatten boxen? "Egal, was man Merkel politisch an den Kopf wirft - es fällt auf uns zurück. Die Wähler finden, dass sie Deutschland brillant repräsentiert. Und wir sollen uns gefälligst um die Hausaufgaben kümmern und nicht immer zanken und meckern", sagt eine SPD-Ministerin.

Dumm für die Union ist nur, dass der Kanzler in Deutschland nicht direkt gewählt wird. Denn bisher nutzt die in unerreichbare Höhen Entschwebte der eigenen Partei wenig. In manchen Umfragen schneidet die sogar noch schlechter ab als bei der letzten Bundestagswahl, trotz des Dauersiechtums der SPD. "Für die Union", sagt Forsa-Chef Manfred Güllner, "ist die entscheidende Frage: Was ist das langfristig Tragende - Partei oder Person?"

Vor Kurzem traf sich die Unionsführung in Erding. CSU-Chef Erwin Huber erinnerte dabei alarmiert an 1969 und den äußerst populären Kurt Georg Kiesinger. Damals habe man die Situation völlig verkannt und den Slogan plakatiert "Auf den Kanzler kommt es an!" Kam es aber nicht. Nach einem bitteren "Machtwechsel" (Huber) saß die Union 13 Jahre in der Opposition. Angela Merkel hörte versteinert zu. Bei anderen Gelegenheiten kommentiert sie die Zweifel und Sorgen ihrer Parteifreunde so: "Ist doch besser, dass ich hohe Werte habe, als wenn ich mit schlechten Werten die Union runterzöge." Ganz selbstbewusst. Und ein bisschen trotzig.

Ein lauer Berliner Abend. Die CDU hat zur alljährlichen "Media Night" geladen, und die Kanzlerin steht auf dem Podium und hält eine Rede. Wie immer Dutzende Merkel-Sätze mit Weisheiten, gegen die keiner im Ernst etwas haben könnte, Sätze wie: "Die CDU steht dafür, dass alle ihre Chancen haben." Alle. Ihre Chancen. Alles bestens. Phänomenal.

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