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Angela Merkel ist Kanzlerin: Deutschlands erste Damenwahl

Ist es nun etwas Besonderes, dass eine Frau fortan die deutsche Regierung führt? Bei der Kanzlerinnenwahl gab es jedenfalls viele männliche Gleichberechtigungs-Plädoyers - und das Outing eines mächtigen Damen-Netzwerks.

Von Florian Güßgen

Für Männer, die bange sind vor mächtigen Frauen, ist es ein furchterregender Anblick. Am Dienstagmorgen, kurz vor der Kanzlerinnenwahl, sitzen vier elegant gekleidete, offenbar oberschichtige Damen in der zweiten Reihe der Gästetribüne des Bundestages. Gleich hinter Angela Merkels Eltern haben sie sich niedergelassen, nur zwei, vielleicht drei Meter entfernt von der versammelten Hauptstadtpresse. Aber die neugierigen Blicke scheinen die Damen an diesem Tag nicht zu stören. Es ist wie das Outing eines mächtigen Frauen-Netzwerks. Die Verlegerin Friede Springer sitzt da neben Chef-Talkerin Sabine Christiansen, der Gesellschaftsreporterin Inga Griese und Isa Gräfin von Hardenberg. Die Damen scherzen, sie lesen die "Bild"-Zeitung und die "Welt", lachen - und irgendwann holte eine, wie um sich über ein Klischee zu mokieren, eine Plastikdose mit Buchstaben-Keksen heraus. Einige der Buchstaben essen sie, aus anderen legen sie das Acronym "CDU", denn die Damen sind nicht nur zum Spaß hier. Sie sind gekommen, um eine der ihren zu unterstützen, eine Frau, die es nach oben geschafft hat. Ganz nach oben. Dahin, wo bisher in diesem Land nur Männer waren. Sie sind gekommen, um zu sehen, wie Angela Merkel zur Bundeskanzlerin gewählt wird.

Berlin wirkt erstaunt

Nein, natürlich geht es an diesem Kanzlerinnentag im Reichstag nicht nur um den Geschlechterkampf, um Rollen von Männern und Frauen, um kleine und große Unterschiede im Umgang mit der Macht. Eigentlich geht es darum, dass die Regierung endlich steht, dass man sich diesen lästigen Zusatz "designiert" endlich schenken kann, es geht um die Lösung der großen Probleme dieses Landes, die Wirtschaft, die Arbeitslosigkeit, die Bildung und so weiter. Aber dennoch scheint das alles im Reichstag wundersam in den Hintergrund gerückt zu sein. Trotz aller Abgeklärtheit wirkt Berlin fast erstaunt, dass Deutschland nun eine Frau als Kanzlerin hat.

Merkel mit schwarzem Hosenanzug

Punkt 10.05 Uhr ist es, als Norbert Lammert, der Bundestagspräsident, den Abgeordneten feierlich vorschlägt, "Frau Doktor Angela Merkel" zur Bundeskanzlerin zu wählen. Die Chefin selbst sitzt in der ersten Stuhlreihe der Unions-Fraktion, eingerahmt von ihrem treuen Volker Kauder, dem neuen Fraktions-Chef, und von Norbert Röttgen, dem parlamentarischen Geschäftsführer der Union. Sie trägt einen schwarzen Hosenanzug, elegant zwar, feierlich, aber auch demonstrativ bedeutungsschwer - so wie es ihr angeblich die Berliner Designerin Anna von Griesheim empfohlen hat. Sie wirkt ruhig-angespannt. Schräg gegenüber, auf der Bank des Bundesrats, sitzt ihr die Männer-Riege der Ministerpräsidenten gegenüber - auch Edmund Stoiber, der Jetzt-doch-Münchner, der ihr immer wieder in die Parade gefahren ist, ist dabei. Auf der Tribüne sitzt die Mutter, der Vater, der Bruder, die vier Helferinnen - nur Professor Joachim Sauer, der sperrige Kanzler-Gatte, hat sich das ungeliebte Schaulaufen geschenkt.

Eiskalt die Distanz zu Kohl geschaffen

Während die Abgeordneten in die weißen, beichtstuhlartigen Wahlkabinen drängen, steht oben auf der Besuchertribüne Kurt Biedenkopf, Ex-Regierungschef in Sachsen. Auch er wird danach gefragt, was er davon hält, dass mit Merkel nun eine Frau die Mächtigste aller Mächtigen ist im Lande. Auch der CDU-Senior erweist sich als Kenner der Gleichberechtigung. Es sie mitnichten ungewöhnlich, sagt er, dass Frauen Regierungen führten - oder geführt hätten. Nicht nur Margaret Thatcher erwähnt er, sondern auch Indira Gandi und die Norwegerin Gro Harlem Brundtland. Einen weiblichen Politik-Stil, so Biedenkopf, den gebe es jedoch nicht. Macht sei Macht, wie Angela Merkel es spätestens mit ihrem legendären Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) bewiesen habe, in dem sie sich eiskalt von dem skandalgeschüttelten Ziehvater Helmut Kohl distanzierte.

"Das ist ein starkes Signal für viele Frauen"

Um 10.52 erhält Merkel ihr Ergebnis. 397 Abgeordnete haben sie gewählt, 51 Abgeordnete aus den Reihen von Union und SPD haben ihr die Zustimmung verweigert. Eine kleine Schlappe ist das. Mehr nicht. Verkraftbar. Um 10.55 dann eröffnet Lammert eine neue Phase in der Geschichte dieser Republik: "Die Abgeordnete Dr. Angela Merkel ist zur Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland gewählt worden.", sagt er. Nachdem sie die Wahl förmlich angenommen hat, kommentiert der launige Lammert Deutschlands erste Damenwahl: "Das ist ein starkes Signal für vielen Frauen" sagt er, macht eine kurze Pause, und fügt dann hinzu: "Und für viele Männer sicherlich auch." Das Plenum lacht, die Frauen, die Männer auch.

"Die Männer können noch etwas lernen"

Während die großkoalitionären Spin-Doktoren im Foyer die Gegenstimmen klein und die Koalition noch größer reden, ist die geballte Gleichberechtigung in aller Munde. "Das ist ein wichtiges Signal für die politische Kultur in dem Land, dass mit Angela Merkel eine Frau Kanzlerin wird", sagt Fast-Bildungsministerin Annette Schavan. Auch Grünen-Chefin Claudia Roth kommt nicht umhin, die Damen-Wahl zu würdigen. "Das ist ein wichtiger Tag, ohne Frage. Wenn Frau Merkel ihr Frausein nicht versteckt, können die Männer noch etwas lernen," sagt sie - um gleich ganz oppositionell hinzuzufügen: "Ich bemesse den Wert von Politik allerdings nicht am Geschlecht, sondern an den Inhalten. Und da stimme ich mit Frau Merkel nun überhaupt nicht überein." Auch bei den anwesenden männlichen Politikern muss die Wahl Merkels wie eine Befreiung sein, ein Fanal der Gleichberechtigung, auf das sie lange gewartet haben. Anders ist die schiere Menge an männlichen Lobpreisungen kaum zu erklären. Nur die vier Damen auf der Tribüne, die Frauen mit den Keksen, sie sparen sich öffentliche Aussagen an diesem Tag des Triumphes.

"Wer Merkel unterschätzt, hat schon verloren"

Ein paar Stunden später, es ist mittlerweile 14 Uhr, ist Merkel wieder im Bundestag. Der Bundespräsident hat sie nun formell ernannt - und nun muss sie ihren Amtseid leisten. Etwas verloren scheint sie, die Kanzlerin, neben der großen, schwarz-rot-goldenen Flagge, dem Symbol des Landes, das sie nun reigert. Merkel wirkt nicht erleichtert, nicht siegessicher, nicht in Feierlaune. Sie wirkt wie eine, die Respekt hat vor dem Amt, das sie soeben angetreten hat, fast ein wenig ängstlich, eingeschüchtert. Typisch weiblich, könnte man sagen, wirkt sie. Dann aber kommt einem ein Satz Horst Seehofers in den Sinn, den dieser vor etwa einer Stunde im Foyer gesagt hat. "Wer Frau Merkel unterschätzt, der hat schon verloren", sagte der neue Landwirtschaftsminister. Hätten die vier Damen auf der Tribüne diesen Satz gehört, hätten sie wohl zustimmend genickt. Vielleicht eher stolz als ehrfürchtig, Kekse hin oder her.