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"Anne Will" zu Trumps Gesundheit Corona legt den Präsidenten lahm - und leider auch die Diskussion

Runde bei Anne Will
Genesungswünsche - aber auch harte Kritik: Die Runde bei Anne Will diskutierte über Trumps Gesundheit und das Wahlsystem in den USA
© Wolfgang Borrs/NDR
Bei "Anne Will" ging es um die Corona-Erkrankung von US-Präsidenten Donald Trump. Der Ausgang der Diskussion war aber von Anfang an absehbar.
Von Andrea Zschocher

"Trump mit Corona infiziert – welche Konsequenzen hat das für die USA?" besprach Anne Will in ihrem Talk das Thema, das seit Freitag die Welt in Atem hält. Allerdings sind die meisten wohl weniger an einer echten Auseinandersetzung interessiert, als mehr daran dem Mann entweder eine gute Genesung oder alles Schlechte zu wünschen. Die Frage muss erlaubt sein: Gibt es eigentlich keine Themen, die etwas deutschlandzentrierter sind als Trumps Erkrankung? Natürlich hat Peter Altmaier Recht, als er darauf hinwies, dass wir alle "miteinander verflochten aber auch voneinander abhängig" sind. Insofern kann solch eine Themenschwerpunktsetzung auf die USA schon sinnvoll sein. War sie aber leider nicht, denn den Talkgästen dabei zuzuhören, wie sie sich über das in ihren Augen schlechte Wahlsystem der USA unterhielten, war nicht besonders erhellend. Schon beim Blick auf die Gästeliste war dies klar.

Zu Gast bei "Anne Will" waren:

  • Rachel Tausendfreund, German Marshall Fund of the United States
  • Britta Waldschmidt-Nelson, Professorin für Geschichte des europäisch-transatlantischen Kulturraums an der Universität Augsburg
  • Peter Altmaier (CDU), Bundesminister für Wirtschaft und Energie
  • Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen), Mitglied des Deutschen Bundestages
  • Roger Johnson, Vizepräsident Republicans Overseas in Europa
  • Stefan Niemann, Leiter des ARD-Studios in Washington D.C.

Wenn schon wieder Corona und die Auswirkungen auf Menschen und Wirtschaft im Mittelpunkt eines Talks bei "Anne Will" stehen müssen, warum sucht sich die Redaktion dann nicht ein näherliegendes Thema als den US-Präsidenten als Schwerpunkt? Ob die neue Homeoffice-Regel, Streik von Klinikpersonal oder Familien in der Krise, es hätte einiges gegeben, was diesen Abend erhellender gemacht hätte, als er letztlich war. So aber wurde an weiten Teilen der Bevölkerung vorbeidiskutiert.

Was bedeutet Trumps Erkrankung für den Wahlkampf?

Natürlich kann es spannend sein, darüber zu mutmaßen, was die Covid-19- Erkrankung von Donald Trump für die bevorstehende Wahl bedeutet. Rachel Tausendfreund erläuterte, dass mehrere Szenarien denkbar seien. Wenn der Präsident, wie von seinem Ärzteteam verlautet, in den nächsten Tagen gesundet, kann er weiter das Narrativ des starken Mannes besetzen, dem auch Corona nichts anhaben kann. Ist er schwer erkrankt, momentan gibt es dazu widersprüchliche Angaben, könnte die Wahl um einige Tage oder Wochen verschoben werden. Es sei ein "Schock" vor allem für die über eine Million Briefwählenden, dass sie einen Monat vor der Wahl nicht wüssten, für wen sie letztlich vielleicht abgestimmt haben. Denn wenn Trump versterben sollte, könnte sein Vizekanzler Mike Pence das Amt im Falle eines Wahlerfolgs übernehmen.

ARD-Korrespondent Stephan Niemann, der aktuell durch die USA reist, um für die ARD die Stimmung im Land einzufangen, erklärte per Live-Schalte, dass die Corona-Erkrankung Trump eher schaden als nützen würde. Zum einen könne er weniger Wahlkampftermine wahrnehmen als sein Konkurrent, zum anderen aber auch nicht mehr das Bild vom unschlagbaren Helden aufrechterhalten. Donald Trump habe sich stets als "Cheerleader der Nation" gezeigt, diese Fassade bröckele gerade. Ob das aber für die Wahl entscheidend ist, wagte Niemann nicht zu beurteilen.

Kontrollverlust vermeiden

Peter Altmaier machte aus seinem Herzen keine Mördergrube und ließ seiner Wut über das Verhalten des US-Präsidenten freien Lauf. Es ärgere ihn, so der Wirtschaftsminister, dass Politiker wie Trump das Virus "verharmlosen". Das sei auch auf politischer Ebene ein Problem, weil sich die G20-Staaten wegen solcher Verharmlosungen nicht auf einen gemeinsamen Kurs für die Weltwirtschaft einigen konnten. Dabei müsse man "dafür sorgen, dass die Situation beherrschbar" bleibe. "Wir müssen alles vermeiden, was nach einem Kontrollverlust aussieht."

Auch der Vizepräsident der Republicans Overseas in Europa, Roger Johnson, hatte zu kämpfen. Denn als Republikaner steht er in weiten Teilen hinter den Aussagen des US-Präsidenten. Deswegen kam er auch in Erklärungsnöte, als er auf die angeblich manipulierte Briefwahl angesprochen wurde, immerhin stimmt er selbst seit mehreren Jahrzehnten per Brief ab. Rachel Tausendfreund erklärte, dass es tatsächlich "immer einen Fall von irgendwas" geben würde, aber viel öfter seien Falschinformationen im Umlauf, die dafür sorgen würden, dass Stimmzettel ungültig würden.

Britta Waldschmidt-Nelson erklärte, sie hätte online von einer "operation election day" gelesen, bei der das Ziel sei, dass Polizisten Menschen unter Druck setzen und vom Wählen abhalten. Roger Johnson verneinte, dass es solch eine Operation gebe, das sei "reine Phantasie". Britta Waldschmidt-Nelson blieb Beweise schuldig.

Weitere Themenpunkte:

  • Ist Donald Trump ein guter Präsident? Altmaier lehnte eine Einschätzung ab, gab aber zu bedenken, dass "America first" auf Kosten aller anderen Länder geht.
  • Superspreaderevent im Rosengarten: "Es ist bedauerlich, was da geschehen ist", sagte Roger Johnson. Cem Özdemir fand da deutlichere Worte, es sei "geradezu kriminell, was da gemacht wurde".
  • Was passiert nach der Wahl? Es gibt Spekulationen, die von Trump befeuert werden, dass er im Fall einer Niederlage das Wahlergebnis nicht anerkennen wird. Für Özdemir sei das bezeichnend, weil der US-Präsident gar nicht mehr über seine Wahlinhalte, sondern nur über die Tage nach der Wahl reden würde.Dexamethason Trump 20.00

Wie es Trump momentan geht, das wissen nur sehr wenige, weil der US-Präsident versucht, alles zu steuern, was über seine Erkrankung nach außen dringt. Und so werden die kommenden Wochen zeigen, wie schwer er scher er wirklich erkrankt ist und ob die US-Präsidentschaftswahlen davon überschattet werden. Und dann wissen wir auch, ob dieser Talk von "Anne Will" wirklich nötig war.


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