HOME
TV-Kritik

"Anne Will" zur Bayern-Wahl: "AfD gibt Crack, CSU bietet Cannabis an" – viel härter wird die Wahlanalyse leider nicht

Wollen die Bayern einfach nur lieb gehabt werden? Oder wenigstens: Ist Bayern nun endlich ein normales Bundesland geworden? Statt knallharter Wahlanalyse ein Herumgeeiere. Und "a gescheite" Ansage an die CSU-Gockel.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Das Gute am "Tatort" ist: In der Regel kennt man spätestens am Ende den Mörder. Anne Will freilich ist keine Kommissarin, was man auch daran sieht, dass sie, ohne je Klarsicht zu gewinnen, im Nebel stochert. Immerhin ist darauf Verlass, dass sie kontinuierlich das Thema ihrer eigenen Sendung verfehlt. Und so gut wie nie zu einem Ergebnis kommt, das einen Erkenntnisgewinn zur Folge hat. So auch am Sonntagabend. Anne Will lud zum Thema "Nach der Landtagswahl in Bayern". Und stellte unter anderem die Frage: Ist Bayern jetzt ein normales Bundesland geworden?

Die Gäste der Sendung und ihre wichtigsten Zitate

Dorothee Bär (CSU), Staatsministerin und stellvertretende Parteivorsitzende: "Jetzt hätte ich fast flapsig gesagt: Männer!"  - auf die Frage, wer denn nun mehr Schuld trage am Wahl-Debakel, Horst Seehofer oder Markus Söder.

Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), Co-Parteivorsitzende: "Die Menschen haben wieder mehr Lust auf Politik und Demokratie."

Boris Pistorius (SPD), Niedersächsischer Minister für Inneres und Sport: "Der AfD-Erfolg ist ein Abstauber-Ergebnis."

Jörg Meuthen (AfD), Parteivorsitzender: "Mir ist ein Rätsel, wie Seehofer, Merkel und Nahles im Amt bleiben können."

Melanie Amann, Journalistin ("Der Spiegel"): "Die AfD gibt Crack, dann kommt CSU und bietet Cannabis an."

Michael Koß, Politikwissenschaftler: "Das alte Links-Rechts-Schema funktioniert nicht mehr."

Die Diskussion zur Landtagswahl in Bayern drehte sich eigentlich nur um ein Thema – das sorgt für Kritik

Die notwendige Analyse der Wahlergebnisse in Bezug zur landes- und bundespolitischen Politik blieb aus – selbst schuld, wer darauf gehofft hatte. Stattdessen Plattitüden, ein ewiges "das muss genau hinterfragt werden" – ohne zu hinterfragen – und die AfD im Visier der Moderatorin. Oder anders gesagt: Die Versäumnisse von Angela Merkel und Konsorten und die Folgen für die Große Koalition wurden so gut wie ignoriert. Den Zusammenhängen im Detail aus dem Weg zu gehen ist bestenfalls: Schlamperei. Entsprechend der Unmut im Forum zur Sendung: "Mehr haben Sie nicht drauf Frau Will?", "Die meisten Bürger haben kein Verständnis mehr für diese Art der Moderation", "Es wird deutlich, dass wir, die Menschen in unserem Land, mit all unseren Sorgen und Wünschen nicht ernst genommen werden."

Natürlich wäre erschreckend, Anne Will würde mit der AfD auf Kuschelkurs gehen, aber wenn sie sich in ihrer Kritik zu sehr auf die AfD einschießt und gleichzeitig anderswo, wo entschiedenes Nachhaken unerlässlich ist, schludert, will man das auch nicht verzeihen. Zu Recht. Wer über Rechtsradikalismus redet, darf auch den Linksradikalismus nicht vernachlässigen. So was nennt man Ausgewogenheit. Es mag ein Ablenkungsmanöver gewesen sein, doch warf Meuthen der Grünen-Politikerin Baerbeck vor, sich mit linksextremer Gewalt zu solidarisieren wie etwa auf der Großdemo am Samstag in Berlin. Dem hätte man nachgehen können. Tat man aber nicht. Verwunderung auch im Forum: Warum fragt die Frau Will die Frau Baerbock nicht, ob sie sich von der Gewalt der Antifa distanziert?" Seine eigene Partei betreffend tat der AfD-Mann alles, um in einem möglichst guten Licht dazustehen. Von Mitgliedern, so Meuthen, die sich rassistisch geäußert haben, hätte man sich in den letzten Monaten verabschiedet. Im aktuellen Fall Andreas Winhart werde es Ordnungsmaßnahmen geben. Amanns Fazit über die Partei: "Es gibt eine Hui-AfD und eine Pfui-AfD." 

Die Redakteurin unkte außerdem, man würde dem Abgrund immer näherkommen: "Und jetzt kommt noch die Hessen-Wahl." Derlei Untergangsszenarien sind wohl nichts für die gemütlichen Bayern, denn die seien, wie CSU-Politikerin Bär sagt, "harmoniebedürftig". Auch die Differenzen in der eigenen Partei haben den bajuwarischen Seelen hart zugesetzt. Genau so sagt Bär es nicht, aber sie macht gewissermaßen deutlich, dass die Bayern wohl vor allem eins wollen: lieb gehabt werden.

fs